Dutzende Male besuchte der ehemalige UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon (73) während seiner Amtszeit (2007 bis 2016) die Schweiz. «Ich bin immer glücklich, hier zu sein», sagt Ban, der Genf als seine zweite Heimat bezeichnet. Gestern war er erneut zu Gast. Um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen, sprach der Südkoreaner am Swiss Energy and Climate Summit in Bern. Im Interview an einem Medien-Roundtable zeigt sich Ban tief besorgt über die Situation in Nordkorea. «Es ist die höchste Eskalationsstufe seit über 60 Jahren.» Erst als die Sprache auf einen Bundesrat zu sprechen kommt, hellt sich seine Miene auf.

Herr Ban, Donald Trump hat vor wenigen Tagen Nordkorea mit «totaler Vernichtung» gedroht. Wie sehr beunruhigt Sie die Aussage?

Ban Ki Moon: Es war zweifellos ein sehr hartes Statement mit Reaktionen rund um die Welt. Wir müssen allerdings berücksichtigen, dass es Nordkorea war, das internationale Absprachen gebrochen und den USA mit einem Atomangriff gedroht hat. Nehmen Sie nur die Äusserungen zur US-Pazifikinsel Guam. Die Drohungen sind alarmierend. Auf der anderen Seite gilt es jetzt, den Konflikt zu entschärfen. Die Situation eskaliert gerade, deshalb ist es wichtig, die Spannungen wenn immer möglich zu reduzieren.

Erleben wir eine neue Stufe der Eskalation?

Seit Ende des Korea-Kriegs war die Bedrohung nie grösser als jetzt. Es ist die höchste Eskalationsstufe seit über 60 Jahren. Umso wichtiger ist es, bedacht vorzugehen und neue Lösungen zu suchen. Vor allem China muss nun eingreifen. Das Land hat wohl die besten Mittel, um Druck auf Kim Jong Un auszuüben. 90 Prozent des Aussenhandels betreibt Nordkorea mit China. Bisher ist es dem UNO-Sicherheitsrat leider nicht gelungen, die nötigen Sanktionen umsetzen.

Sie selber leben in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Wie reagieren Ihre Landsleute auf die Drohungen?

Alle sind angespannt und äusserst beunruhigt. Ich glaube nicht, dass eine militärische Lösung der richtige Weg ist. Trotzdem müssen wir uns auf alle Eventualitäten vorbereiten. Das Problem ist, dass wir noch keine Antwort auf die Drohungen aus Nordkorea gefunden haben. Neben Sanktionen aus China brauchen wir eine enge Allianz zwischen Südkorea, den USA und Japan. Und die Weltgemeinschaft muss gemeinsam eine starke Botschaft senden. Spanien, Mexiko und andere Länder haben ihre nordkoreanischen Botschafter bereits des Landes verwiesen.

In Seoul gibt es Stimmen, welche die Beschaffung einer eigenen Atombombe fordern. Wie stehen Sie dazu?

Unser Präsident hat bereits verkündet, dass wir keine Atomwaffen in Südkorea wollen. Das ist auch meine Meinung.

Sollte die Schweiz ihre Verhandlungs-Dienste anbieten?

Das ist sicher eine Möglichkeit. Schon einmal, 1994, haben Gespräche in Genf die Basis für ein Abkommen gelegt. Das Beste wären aber direkte Gespräche zwischen Nord- und Südkorea. Allerdings ist Kim Jong Un nicht bereit dazu.

Sie sind in Bern, um über den Klimawandel und erneuerbare Energien zu sprechen. Trump hat den Ausstieg aus dem Klimaschutzabkommen von Paris verkündet. Wie wirkt sich seine Politik auf den Kampf gegen die Klimaerwärmung aus?

Seine Entscheidung ist sehr bedauerlich. Trump steht auf der falschen Seite der Geschichte. Seine Politik hat leider einen starken Einfluss auf unsere Bemühungen. Die Vereinigten Staaten sind eine Weltmacht und stossen nach China mehr Treibhausgase aus als jedes andere Land. Das Abkommen aufzukünden, ist schlicht unverantwortlich und für mich schwer zu akzeptieren. Auch finanziell erleiden wir grossen Schaden.

Inwiefern?

Der Pariser Vertrag sieht vor, dass Industriestaaten ärmeren und von der Erderwärmung besonders betroffenen Ländern beim Klimaschutz und den Folgen des Treibhauseffekts helfen. Von 2020 bis 2025 werden die Industriestaaten jährlich 100 Milliarden Dollar dafür bereitstellen. Vor Donald Trumps Wahl haben sich die USA bereit erklärt, rund einen Drittel dieses Beitrags zu decken.

Wird Trump zahlen?

Das müssen wir abwarten. Die Vereinigten Staaten sollten als Weltmacht eigentlich vorangehen. Deshalb ist seine Entscheidung so enttäuschend. Allerdings habe ich zuletzt mit verschiedenen Vertretern der US-Regierung gesprochen. Sie haben zumindest angedeutet, die Kündigung des Abkommens zu überdenken. Der internationale Aufschrei war, wie Sie wissen, sehr gross.

Das scheint Trump nicht zu kümmern.

Leider konnte ich nie mit ihm über das Abkommen sprechen, weil ich 20 Tage vor seinem Amtsantritt zurückgetreten bin. Ich bleibe aber zuversichtlich, dass die USA umdenken werden. Nach der Zusage der Obama-Regierung können die Vereinigten Staaten ohnehin frühestens im November 2019 ihre Kündigung offiziell aussprechen. Zudem vergeht ein weiteres Jahr, bis der Austritt vollzogen werden kann. Das heisst, es dauert mindestens vier Jahre, bis es so weit ist. Schon jetzt sehen wir wachsenden Widerstand gegen die Kündigung. Kalifornien, New York, aber auch mehrere republikanisch dominierte Staaten wollen das Klimaabkommen beibehalten.

Es gibt aber auch viele – allen voran der Präsident –, die den Klimawandel leugnen.

Wer die Zeichen des Klimawandels verkennt, den wird die Geschichte Lügen strafen. Wir müssen erkennen, dass wir alle gemeinsam auf einem kleinen Planeten leben. Nationale Grenzen haben keine Bedeutung, wenn es um globale Fragen wie den Klimawandel geht. Auch die Schweiz ist betroffen. (Ban zeigt aus dem Fenster auf die Berge.) Ich war geschockt zu erfahren, dass die Gletscher um 0,3 Meter pro Jahr zurückgehen. Der Bergsturz in eurem Dorf, von dem ich gelesen habe, (Bondo; Anm. d. Red) ist eine Folge davon.

Wie kann die Schweiz als kleines Land ihren Teil beitragen.

Die Schweiz ist kein kleines Land. Die Schweiz ist ein kleiner Gigant. Das Land führt, indem es mit gutem Beispiel vorangeht. Immer wenn ich hierher komme, bin ich glücklich. Das Bewusstsein für die künftigen Herausforderungen ist gross. Und ihr seid gesegnet mit einem sauberen Land und einer gesunden Umwelt.

Kann ein einzelner überhaupt einen Beitrag gegen den Klimawandel
leisten?

Viele Menschen glauben, dass der Kampf gegen den Klimawandel von den Regierungen geführt werden muss. Aber das stimmt nicht. Statt alles Präsidenten und Ministern zu überlassen, sollten die Stadt- und Gemeindepräsidenten und natürlich die Bevölkerung selbst die Herausforderung in die Hand nehmen. Ein einziger Tropfen Wasser, der gespart wird, eine einzige Glühbirne, die ausgeschaltet wird, kann einen Unterschied machen. Diese Anstrengungen werden sich kumulieren und einen starken Effekt erzielen. Das ist neben der Stärkung von erneuerbaren Energien der einzige Weg, um dem Klimawandel zu begegnen. Und auch die Medien müssen ihren Beitrag leisten, indem sie auf Probleme hinweisen und die Bevölkerung sensibilisieren. Ich kann die Menschen nicht direkt erreichen.

Trump nutzt Twitter, um seine Anhänger zu erreichen.

Ja, aber seine Tweets sind … (verwirft die Hände). Ach wissen Sie, dazu sage ich besser nichts (lacht).

Soeben hat das Schweizer Parlament Bundesrat Didier Burkhalter verabschiedet. Sie haben ihn in Ihrer Zeit als UNO-Generalsekretär oft getroffen. Wie ist Ihr Verhältnis?

Uns verbindet eine Freundschaft. Wir haben es geschafft, engen Kontakt zu halten. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für unsere Frauen. Ich werde während meines Besuchs in der Schweiz mit ihm telefonieren. Ich schätze sein Engagement für Frieden und die Umwelt sehr. Eine gute Beziehung hatte ich auch zu Micheline Calmy-Rey und natürlich zu Adolf Ogi. Ihn werde ich noch persönlich treffen.

Letzte Frage: Am Sonntag wählt Deutschland den neuen Bundestag. Wie wichtig ist Merkel gerade in Zeiten globaler Krisen für die Weltgemeinschaft?

Ich will keine Empfehlung abgeben, solange der Wahlkampf läuft. Ich kenne beide Kandidaten gut, schätze sowohl Merkel als auch Schulz. Was ich aber sagen kann: Merkel ist eine weltweit geachtete Anführerin. Das war sie schon immer und das gilt heute, in Zeiten der Krisen, umso mehr.