Trauer

Vater aller Südafrikaner ist tot: Nelson Mandela stirbt mit 95 Jahren

Nelson Mandela: 19. Juli 1918 bis 5. Dezember 2013.

Nelson Mandela: 19. Juli 1918 bis 5. Dezember 2013.

Präsident Jakob Zuma hat es bestätigt: Der Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela ist am Donnerstagabend im Kreise seiner Familie verstorben. Der erste schwarze Präsident von Südafrika wurde 95 Jahre alt.

Eine Nation trauert um ihren Vater: Nelson Mandela ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Das teilte der südafrikanische Präsident Jacob Zuma am späten Donnerstagabend mit. «Unsere Nation hat ihren grössten Sohn verloren», betonte Zuma. Mandela sei friedlich dahingeschieden. «Nelson Mandela brachte uns zusammen und zusammen nehmen wir Abschied von ihm», sagte Zuma.

Im Haus von Mandela hatten sich während des Tages bereits zahlreiche Mitglieder seiner Familie versammelt. Unter anderem kamen zwei seiner Enkelinnen und der Politiker Bantu Holomisa, ein enger Freund der Familie, zu dem Anwesen des 95-Jährigen in Johannesburg. Um das Haus herum standen mehr als zehn Autos von Angehörigen und der Armee.

Mandelas Tochter Makaziwe hatte vor wenigen Tagen gesagt, ihr Vater liege auf dem Sterbebett. Enkel Ndaba sagte kürzlich, es gehe Mandela «zu Hause im Bett nicht gut». Nach fast dreimonatigem Aufenthalt war Mandela Anfang September aus dem Spital in der Hauptstadt Pretoria entlassen und in sein Haus in Johannesburg gebracht worden. Dort wurde er weiter medizinisch betreut.

Schon länger angeschlagen
Im Juni war Mandela wegen einer schweren Lungenentzündung in kritischem Zustand ins Medi-Clinic-Heart-Hospital in Pretoria eingeliefert worden. Und bereits zuvor musste der Friedensnobelpreisträger von 1993 mehrmals im Spital behandelt werden. Im April war er nach einem zehntägigen Spitalaufenthalt wegen einer Lungeninfektion in die häusliche Pflege entlassen worden. Im Dezember 2012 musste er sich einer Gallensteinoperation unterziehen. Anschliessend erlitt Mandela eine Infektion der Atemwege.

Mandela wird nicht nur als Vater der Nation verehrt, weil er einen Staat gründete, in dem Menschen aller Hautfarben zusammenleben. Sondern auch, weil er eine Gesellschaft geschaffen hat, in der Minderheiten als vollwertiger Teil aufgenommen werden - unabhängig von sexueller Einstellung, Religion, Alter oder Behinderung. Bis heute hält Kapitel 2 der Verfassung diese Rechte fest und macht Südafrika damit zu einer Vorzeigedemokratie auf dem Kontinent.

Dieses Lebenswerk Mandelas übertüncht das Versagen seiner Regierungszeit von 1994 bis 1997: Die weitverbreitete Armut und wirtschaftliche Isolierung konnte er kaum lindern und auch den Kampf gegen die Aids-Epidemie verlor er. Auch ein Sohn fiel dieser Immunschwächekrankheit zum Opfer.

Unbeschwerte Kindheit

«Am Ast eines Baumes rüttelnd» - so wurde Mandelas zweiter Vorname Rolihlahla übersetzt. Es bedeutete so viel wie «Unruhestifter». Diesem Geburtsnamen blieb Mandela in seinem Kampf um Menschenrechte und Gleichberechtigung treu. Geboren wurde Rolihlahla Mandela am 18. Juli 1918 in einem kleinen Dorf in der Transkei geboren und wächst als Sohn der Thembu-Königsfamilie auf. Seine Kindheit ist bestimmt von den Riten seines Stammes, der Xhosa. Laut seiner Biografie, in der er seinen «langen Weg zur Freiheit» beschreibt, ist es eine unbeschwerte, naturverbundene Kindheit.

Wenn er nicht mit seinen Freunden spielt, hütet er das Vieh im Dorf Qunu. Im Alter von sieben Jahren kommt Rolihlahla Mandela auf eine Methodistenschule, wo er auch den englischen Vornamen Nelson erhält. Zwei Jahre später stirbt sein Vater, worauf Nelson von Jongintaba, dem «Chief» der Thembu, und dessen Frau adoptiert wird.
Ab 1939 besucht Nelson Mandela die Missionsschule Fort Hare. Zur Zeit einer weissen Minderheitsregierung fungierte das College als Hochburg des schwarzen Widerstands. Hier trifft Mandela auf seinen späteren Mitstreiter im Kampf gegen die Apartheid, Oliver Tambo. Von der weissen Vormachtstellung sind auch seine Studienfächer geprägt, unter anderem «Eingeborenenverwaltung».

Politisierung im Studium

Während seines Studiums wird Mandela zum ersten Mal politisch aktiv: Er protestiert gegen die miserablen Bedingungen am Campus. Der Streit droht zu eskalieren, und die Uni-Verwaltung will ihn verweisen. Mandelas Kampfgeist scheint ungebrochen, aber dann kommt alles unerwartet: Sein Adoptivvater eröffnet ihm, dass er eine Heirat für Nelson arrangiert habe. Mandela flüchtet nach Johannesburg.

Der Umstieg vom Dorfleben auf einen Alltag in der Grossstadt fällt Nelson Mandela schwer. Dennoch beginnt er ein Jurastudium und lernt bald seinen späteren Parteikollegen, Walter Sisulu, kennen. Mit ihm zusammen setzt sich Mandela nun offen gegen die weisse Übermacht ein. 1942 tritt er dem African National Congress (ANC) bei und gründet zwei Jahre später, zusammen mit Sisulu und Tambo, die ANC-Jugendliga. Mandela heiratet zum ersten Mal. Aus der Ehe mit Evelyn Ntoko Mase sollen später sechs Kinder hervorgehen.

Erste schwarze Anwaltskanzlei

1948 kommt die National Party (NP) an die Macht, und die Apartheid wird zur offiziellen Regierungsagenda. Die nächsten Jahre sind gezeichnet von gewaltsamer Unterdrückung. Mandela gelingt es dennoch, zusammen mit Tambo die erste schwarze Anwaltskanzlei ins Leben zu rufen. Er entwickelt den Mandela-Plan, wonach auch die schwarze Bevölkerung Zugang zu Bildung und Politik haben soll. 1956 wird er deshalb mit 150 Mitstreitern des Landesverrats angeklagt.

Wenngleich er nach fünf Jahren freigesprochen werden sollte, überlebt seine Ehe den Prozess nicht. Er wird geschieden, heiratet als freier Mann aber bald Winnie Madikizela, die ihm zwei Kinder schenkt.

Am 21. März 1960 erschiesst die Polizei beim «Massaker von Sharpeville» 96 friedliche Demonstranten. Der ANC nimmt den bewaffneten Kampf auf und wird von der Regierung verboten. Für Mandela beginnt eine wenig ruhmreiche Zeit, die ihm später als linkem Aktivisten einen Platz auf der Terrorliste der US-Regierung sichert. Er führt fortan den «Speer der Nation», den bewaffneten Flügel der ANC-Jugendliga.

Er trifft seine sozialistischen Kampfbrüder Fidel Castro und Muammar al-Gaddafi. 1962 wird er aufgegriffen und wegen illegaler Reisen ins Ausland zu fünf Jahren und wegen Sabotage schliesslich zu lebenslanger Haft verurteilt. 27 Jahre bleibt Mandela im Gefängnis. Die längste Zeit verbringt er auf der Gefängnisinsel Robben Island. Ende der 1980er Jahre wächst aber der internationale Druck auf das Apartheid-Regime. 1990 erkennt Präsident Frederik Willem de Klerk, dass die weisse Vormachtstellung keine Zukunft hat. Er legalisiert den ANC und begnadigt Mandela.

Versöhnung statt Rache

Mandela dürstet es nach knapp drei Dekaden Haft aber nicht nach Rache, sondern nach Versöhnung. 1994 wird er Südafrikas erster schwarzer Präsident und gründet die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Für die Verbrüderung von Schwarz und Weiss als eine Nation, erhält er den Friedensnobelpreis, einen Orden von Königin Elizabeth II., die Freiheitsmedaille von George W. Bush und Dutzende weitere Auszeichnungen. 1997 verzichtet er auf eine zweite Amtszeit und tritt von der politischen Bühne ab. Er heiratet ein letztes Mal - seine jetzige Witwe Graça Machel.

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