Selbstversuch

Vater schafft Urlaub: In Schweden ist Elternzeit nicht mehr wegzudenken

Der Autor Tobias Keller mit seiner Tochter Emma und seiner Frau Anna beim Familienurlaub während der Elternzeit.

Der Autor Tobias Keller mit seiner Tochter Emma und seiner Frau Anna beim Familienurlaub während der Elternzeit.

30 Tage Elternzeit dürfen Mamis und Papis in Schweden beziehen. Ein Schweizer Journalist hat sich dort einem Selbstversuch unterzogen. Er berichtet, Vaterschaftsurlaub wolle gelernt sein.

Langsam bohrt sich ein kleiner Finger in meine Nase, begleitet von einem leisen Kichern. Es ist mitten in der Nacht und schon hell. Das Zelt steht am Fusse des 295 Meter hohen Skuleberget. Klein-Emma findet es spannend, mit Mama und Papa im Zelt zu hausen. Es ist der 6. Juni, als wir als junge Familie aus den Schlafsäcken in die Sonne und in den schwedischen Nationalfeiertag kriechen. Emma ist nun neun Monate alt. Wir steigen auf zum Gipfel, geniessen die Aussicht über die «Höga Kusten» und das Zusammensein als Familie. Einen knappen Monat sind wir durch die Heimat unserer Tochter gefahren. Ferien? Nein! «Doppeltage» haben wir bezogen. 30 Tage dürfen Mama und Papa zusammen Elternzeit beziehen. Die Reise mit Kinderwagen und Zelt durch traumhafte Natur bis zu den Rentieren und den ganz grossen Elchen hat unsere Familie geprägt und zusammenwachsen lassen.

Hier in Schweden ist die Familie das Rückgrat der Gesellschaft. Arbeitswelt, Kinderbetreuung, Schule und grosse Sommerferien lassen sich problemlos kombinieren. Dazu wird schon vor der Geburt geschaut, dass eine möglichst stressfreie Schwangerschaft möglich ist. Läuft alles rund, sieht eine werdende Mutter bis nach der Geburt nie einen Arzt. Die Hebammen begleiten die werdende Familie professionell. Stressfreie Schwangerschaften gäben gesündere Kinder, ist man überzeugt. Eine Einstellung, die auch eine neue Studie des Psychologen Gunther Meinelschmidt der Uni Basel belegt. Eine Schwangere ist hier nicht krank, sondern trägt ein neues Leben in sich und soll unter allen Umständen die Zeit geniessen. Der werdende Vater ist stets eingebunden und auch seine Gefühle kommen nicht zu kurz. 240 Tage stehen, ganz nach dem schwedischen streben nach Gleichberechtigung, jedem Elternteil ab Geburt bis zum achten Lebensjahr des Kindes zur Verfügung. Diese Tage lassen sich in allen möglichen Kombinationen individuell einziehen und werden mit 80 Prozent des letzten Lohnes vergütet. Der Vater hat zusätzlich ab der Geburt des Kindes zehn Tage bezahlten Urlaub. Doch hat dieses System seinen Preis. In Schweden arbeiten in fast allen Familien beide Elternteile zwischen 80 und 100 Prozent. Die 80 Prozent Elterntaggeld von mehrheitlich sehr tiefen Löhnen liessen auch bei uns keine grossen Sprünge und Wünsche zu.

Auch die schönste Familienreise hat ihr Ende. Anfang Juli ist meine Frau an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. So, wie das alle Frauen in Schweden tun und oft tun müssen, weil zwei Familieneinkommen benötigt werden. Nun galt es ernst, es folgen drei Monate Vaterschaftsurlaub. Begleitet wird die Zeit von einem unglaublichen Drang, jetzt als Hausmann Leistung abzurufen und zu performen.

Was leiste ich eigentlich?

Wie vom schweizerischen Arbeitsleben gewohnt, wurde geschwirrt, geschnurrt und abends kraftlos ins Bett gefallen, als hätten drei Jahre ruhiges Schweden noch keine Spuren hinterlassen. Wie irr wurde vorgekocht und in Eiswürfelschalen portionenweise eingefroren. Süsskartoffelbrei, Gemüsemix, Leber-Champignon-Mousse und mehr lag jederzeit bei –18 Grad zur Kombination bereit. Waschmaschine, Wischmopp und Staublappen waren im Einsatz, wenn Emma vormittags und nachmittags in ihren Träumen lag.

Mit einer Frauenerwerbsquote von 79,2 Prozent (2016; 20 bis 64 Jahre) ist Schweden europäischer Spitzenreiter. Schon im zweiten Lebensjahr werden die Kinder in die Vorschule geschickt und die Elternzeit geht in den Schulalltag über. Die Vorschulen sind von Morgens sechs Uhr bis Abends halb sieben geöffnet. Jedes Kind hat einen garantierten Platz und für rund 150 Franken monatlich gibt es den Vollservice mit Zmorgen, Mittagessen und Zvieri. Zudem sind die Kinder täglich mehrere Stunden draussen. Schlechtes Wetter gibt es nicht. Im Winter sind die Aussenaktivitäten bis minus 15 Grad nicht viel anders als im Sommer. Die Vorschulen halten die Eltern, vor allem die Mütter, im Job und sichern der Wirtschaft Kompetenz und Kontinuität und den Familien genügend Einkommen. Angst, durch eine Familiengründung einen Karriereknick zu erleiden, kennt man in Schweden nicht. Die Stellen der Mütter und Väter in der Elternzeit werden mit Stellvertretern besetzt, die bei Fluktuationen die besten Anstellungschancen haben.

Ein «Pfüsi» kann nicht schaden

Sich durch den Vaterschaftsurlaub zu peitschen mit der Vision, den Hausmann in neue Leistungssphären zu heben, hat sich glücklicherweise schon nach zwei Wochen im Juli als Irrglaube und Einbahnstrasse entpuppt. Weniger ist mehr und die Ratschläge der Schweden, die Zeit zu geniessen, erwiesen sich als goldrichtig. Nicht müssen müssen, sondern dürfen dürfen, war der Weg in die besten Wochen als Vater, die eine schöne Vater-Tocher-Beziehung entstehen liessen. Auch die Einsicht, dass allein die Erkenntnis, dass Vaterschaftsurlaub richtig und nötig ist, eben nicht die Sozialisierung in der familienpolitischen Steinzeit der Schweizer Heimat kompensieren kann. Ich musste Vaterschaftsurlaub lernen und lernen, ihn zu geniessen. Als diese «Erleuchtung» gekommen ist, gab es ab und an auch mal ein «Pfüsi» für den Papa auf dem Sofa.

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