Das Video, das einen korruptionsbereiten FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache zeigt, hat wie eine Bombe eingeschlagen. Die politische Karriere des Rechtsaussenpolitikers ist so tot wie die österreichische Regierungsallianz. Nun wird erkennbar: Die Lunte lag seit Wochen bereit, gezündet zu werden. Dass der Sprengsatz, der zwei Jahre zuvor in einer Villa auf Ibiza fabriziert worden war, eine Woche vor den Europawahlen hochging, könnte damit auch Zufall sein.

Einer, der seit Wochen informiert war, ist der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann, wie sein Management bestätigt. Anlässlich der Verleihung des österreichischen TV-Preises Romy machte Böhmermann erstmals Andeutungen, die allerdings erst nach Ausstrahlung des Videos durch den «Spiegel» und die «Süddeutsche Zeitung» am vergangenen Freitag verständlich wurden. Auch der ORF-Journalist Armin Wolf will vom Video gewusst haben. Es sei schon vor Monaten «angeblich gegen sehr viel Geld» über Vermittler angeboten worden. Doch wer den FPÖ-Politiker mit welcher Absicht in die Falle lockte, bleibt auch damit Spekulation.

Die Redaktoren von «Spiegel» und «Süddeutscher Zeitung» wissen nach eigenen Angaben nicht, wer die Falle inszenierte. Sie hätten für das Material, das ihnen eine Woche zuvor anonym zugespielt wurde, nichts bezahlt, es vor der Veröffentlichung aber mit forensischen Mitteln geprüft, um keiner Fälschung zu erliegen.

Kurt Kister, Chefredaktor der «Süddeutschen», verteidigt die Publikation damit, dass entscheidend sei, ob das Material relevant ist. Dann gehöre es an die Öffentlichkeit. Tristan Brenn, Chefredaktor des Schweizer Fernsehens SRF, twitterte mit gleicher Wortwahl: «Demokratieschädigende Hinterzimmer-Deals von Politikern gehören an die Öffentlichkeit.» Er dreht die Argumentation gar noch eine Umdrehung weiter: Der Fall Strache zeige, «wie eminent wichtig versteckte Bild- und Tonaufnahmen bei Recherchen sind».

Tristan Brenn legt dabei die Regeln des Schweizer Presserates weit aus. Dieser hält verdeckte Recherche nur unter bestimmten Umständen für zulässig. Erfüllt sind im konkreten Fall wohl die Bedingungen eines überwiegenden öffentlichen Interesses wie auch, dass die Information nicht anderweitig beschafft werden konnte. Allerdings gebietet der Presserat, dass Journalisten nicht selbst zu Akteuren werden, was konkret gleich doppelt unzutreffend ist: Die Falle war mit grossem Aufwand inszeniert und die Akteure waren auch keine Medienschaffenden – zumindest keine der publizierenden Printmedien.

Straches Eingeständnis, das Video sei echt, unterstützen «Spiegel» und «Süddeutsche» in der Einschätzung, richtig gehandelt zu haben. Es bleibt für sie aber ein Reputationsrisiko, sollte sich der Polit-Coup doch noch als geheimdienstliches Husarenstück herausstellen. Dann würde sich als zu kurz gedacht erweisen, dass die Relevanz des Materials allein eine Publikation rechtfertige. Ideal wäre es deshalb für die Medien, sollte sich die Spekulation bewahrheiten, das «Zentrum für politische Schönheit» stehe hinter der Inszenierung. Das Kollektiv, das verschiedentlich mit provokanten Polit-Aktionen in Erscheinung getreten ist, nimmt für sich einen «aggressiven Humanismus» als künstlerische Freiheit in Anspruch. In der Schweiz hat der Aktivist Philipp Ruch die Grenze des Zulässigen ausgelotet, als er auf einem Plakat forderte, «Tötet Köppel». Ruch ist straffrei geblieben.