Deutschland

Volksinitiative will Werbung aus Berlin verbannen: «Die Plakat-Werbung hat sich totgelaufen»

Kampagne der Initiative «Berlin Werbefrei» im Stadtteil Neukölln. Imago

Kampagne der Initiative «Berlin Werbefrei» im Stadtteil Neukölln. Imago

In der Schweiz liegen politische Entscheide bei den Bürgern. Zieht jetzt die deutsche Hauptstadt damit nach? Die Initiative «Berlin Werbefrei» möchte die Werbung in der Grossstadt verbieten. Wer dahinter steckt, warum es nicht nur um das Ortsbild, sondern auch um Geldprobleme und welchen Bezug es zur Schweiz sonst noch gibt.

Mercedes Benz, McDonald’s oder die nächste Vorstellung des Zirkus Flic-Flac: In Berlin hängt an jeder Ecke Werbung. Sogar an der Spree oder an der Gedenkstätte der Berliner Mauer wird für verschiedene Marken geworben. In vielen Fällen in Überlebensgrösse.

«Es mag einem vielleicht nicht mehr auffallen, aber die Werbung verunstaltetdas Stadtbild», sagt Fadi El-Ghazi, Gründer der Initiative «Berlin Werbefrei». Entstanden ist diese im Frühjahr 2017, «als Mercedes Benz diverse Brandmauern mit ihrer grossflächigen Werbung bemalen liess und die Stadt für sich vereinnahmte», wie El-Ghazi sagt.

Prominenter Unterstützter der Initiative «Berlin Werbefrei»: Mark-Uwe Kling, Kleinkünstler und Autor der «Känguru Trilogie» und von «QualityLand».

Druck auf die Politik

El-Ghazi, der eigentlich als Rechtsanwalt tätig ist, möchte mit der Initiative Druck auf Berlins Politiker ausüben. Es sei jedoch nicht nur das Ortsbild, auch Werbung und Sponsoring in Schulen und Hochschulen würden ein Problem darstellen. Unterfinanzierung zwinge diese, auf private Mittelgeber zurückzugreifen, um ihre Kosten stemmen zu können.

«Werbung sollte aber nicht die Antwort auf diese Geldprobleme sein», sagt El-Ghazi. Er will Werbung in Schulen, Kitas und Hochschulen verbieten und Sponsoring strengen Regeln unterwerfen. «Beim Sponsoring muss stets die Transparenz gewährleistet sein, damit wirtschaftliche Interessen und staatlicher Bildungsauftrag nicht verschwimmen», erklärt der Rechtsanwalt.

Die Werbung soll also nicht ganz aus dem Berliner Alltag verschwinden, sie soll lediglich an weniger Orten und «vor allem nicht zu aufdringlich sein». Es könne noch Werbung an Läden angebracht oder Veranstaltungsplakate könnten an Litfasssäulen geklebt werden. Digitale Werbeanlagen sind El-Ghazi jedoch ein Dorn im Auge. Die Werbung an diesen lenke zu sehr ab, da das Auge auf Bewegung reagiere und man unfreiwillig hinschaue.

Ziel ist es nun, bis April dieses Jahres 20'000 Unterschriften zu sammeln, um die Initiative dann im Abgeordnetenhaus prüfen zu lassen. Wie viel er schon zusammenhat, will El-Ghazi jedoch nicht verraten.

Überraschend ist dabei, dass «Berlin Werbefrei» mittels einer Volksabstimmung umgesetzt werden soll. Da könnte die Schweiz als Vorbild dienen, da die Volksinitiative hierzulande ein altbewährtes Instrument ist. In Deutschland hingegen eher weniger.

Die einzelnen Bundesländer kennen allerdings sehr wohl Mittel und Wege, Entscheide per Volksabstimmung herbeizuführen. In Berlin etwa wurden auf diesem Weg die Bebauung des Tempelhofer Feldes und die Offenlegung von Verträgen, die beim Verkauf von Teilen der Wasserbetriebe abgeschlossen wurden, erwirkt.

Vorher-Nachher-Bild: So stellen sich das die Initianten beispielsweise am Moritzplatz vor. (Weitere Vorher-Nachher-Bilder finden Sie weiter unten)

Europa ohne Werbung

Berlin ist derweil nicht die erste Stadt, die gegen Plakatwerbung vorgehen will. In Genf läuft derzeit die Initiative «Genève zéro pub». Grenoble in Frankreich ist schon weiter: Die Stadt hat bereits 2014 neue Regeln für Werbung im öffentlichen Raum erlassen.

Die eigentliche Idee indes liegt noch weiter zurück – und sie stammt aus der Schweiz. Die «IG Plakat Raum Gesellschaft» kämpft seit zehn Jahren gegen Werbung in der Öffentlichkeit. «Die Werbeplakate und Displays erdrücken uns», sagt der Präsident der Gesellschaft, Christian Hänggi. Es sei ihm ein Rätsel, wieso die Plakatwerbung in der Schweiz nicht reduziert wird.

Gerade weil «57 Prozent der Schweizer Bevölkerung finden, dass es zu viel Werbung gibt». Es könne an dem falschen Bild liegen, das die Bevölkerung hat: «Man könnte denken, dass Zürich durch die Einnahmen der Werbung profitiert», sagt Hänggi. Dem sei aber nicht so, da diese lediglich 0,06 Prozent der Einnahmen ausmache.

«Die Plakatwerbung», sagt Christian Hänggi, «hat sich totgelaufen». Seinen Kollegen in Berlin wünscht er den Erfolg jedenfalls von Herzen: «Wäre ich religiös, würde ich beten, dass es klappt.»

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