Indien

Vom Kino-Star zur mächtigen Politfigur: Jayalalitha Jayaram ist tot

Sie nannten sie «Mutter»: Trauer um die Ministerpräsidentin von Tamil Nadu, Jayalalitha Jayaram. DIVYAKANT SOLANKI/Keystone

Sie nannten sie «Mutter»: Trauer um die Ministerpräsidentin von Tamil Nadu, Jayalalitha Jayaram. DIVYAKANT SOLANKI/Keystone

Jayalalitha Jayaram, Indiens kontroverse Politikerin und frühere Leinwandgöttin, ist gestorben.

Schönheit, Intelligenz und eine eiserne Hand sicherten ihr über ein halbes Jahrhundert die Herzen und den Respekt von Millionen Indern: Jayalalitha Jayaram, die fünfmalige Ministerpräsidentin des Bundesstaates Tamil Nadu, starb im Alter von 68 Jahren. Für Hunderttausende ihrer Anhänger ist der Tod des ehemaligen Filmidols ein schwerer Schicksalsschlag. «Amma» (Mutter), wie Jayalalitha von ihren Anhängern ehrfürchtig genannt wird, war schon zu Lebzeiten eine Legende, die religiös verehrt wurde.

Eine Menschenmasse begleitete unter Tränen und Wehklagen das Ambulanzfahrzeug, das den Leichnam von «Jaya» zur Aufbahrung in ihre luxuriöse Residenz in Poes Garden in Chennai (früher Madras) brachte. Tausende Polizisten waren in der Hauptstadt von Tamil Nadu am Golf von Bengalen im Einsatz, um Aufruhr zu verhindern. Der Tod und die Beerdigung der populären Regierungschefin versetzten den Bundesstaat in den Ausnahmezustand. Läden, Schulen und Behörden blieben geschlossen.

Sie tanzte unter dem Wasserfall

Während andere Politikerinnen in Südasien, etwa Sonia Gandhi oder Benazir Bhutto, aus Politiker-Familien stammten, kam «Jaya» von der Leinwand in die Politik. Als erste Schauspielerin im tamilischen Kino brach sie mit Konventionen, indem sie in Filmen Röcke und Badeanzüge trug. Ihr Debüt 1965 in «Vennira Aadai» (Weisses Kleid) rief die Zensurbehörde auf den Plan, weil die 17-jährige Schauspielerin in einem eng gewickelten Sari unter einem Wasserfall tanzte. Sie wirkte in über 140 Filmen mit. Ihr feines Gespür für die Träume und Sehnsüchte der Menschen machte das «Golden Girl» des tamilischen Kinos später zu einem der erfolgreichsten Politiker Indiens.

In die Politik fand die in klassischem indische Tanz ausgebildete Schauspielerin 1984 über ihren Mentor, Filmpartner und Geliebten M. G. Ramachandran (genannt MGR). Der 31 Jahre ältere Kinostar hatte seine Beliebtheit genutzt, um sich eine politische Basis zu bilden. Zwischen 1977 und 1987 war er Regierungschef von Tamil Nadu, «Jaya» folgte 1991 in seinen Fussstapfen.

Im erzkonservativen, sexistischen Süd-Indien war ihr Aufstieg zur Regierungschefin beinahe so umstritten wie ihre provokant-erotischen Leinwand-Auftritte. Doch «Jaya» verstand es, mit einem Cocktail aus Sozialprogrammen und Personenkult ihre Macht über mehr als zwei Jahrzehnte zu sichern.

Sie verteilte Laptops, Essen, Medikamente, Zement, Trinkwasser und Gold. Sie förderte erneuerbare Energien und Regenwasseraufbereitung. Mit einem Babykrippenmodell ging sie gegen die Tötung neugeborener Mädchen vor, in einer Gesellschaft, die Frauen brandmarkt, die keinen Jungen geboren haben. Sie förderte Frauen im Polizeidienst und führte Polizeistationen ein, die nur von Frauen besetzt sind.

28 Kilo Gold und 10 500 Saris

Doch Korruptionsvorwürfe begleiteten «Jayas» politische Laufbahn: Bei einer Hausdurchsuchung 1997 stellte die Polizei 28 Kilo Gold, 800 Kilo Silber, 91 Uhren, 750 Paar Schuhe und 10 500 Saris sicher. Die Politikerin verteidigte sich, dass diese Reichtümer alles aus ihrer Zeit als Schauspielerin stammten. Ihre Verwicklung in windige Immobilien-Deals und eine extravagante Hochzeit für ihren Ziehsohn sorgten ebenso für Furore. Einer ihrer Buchhalter gab bei der Polizei zu Protokoll, dass «Jaya» ihn mit ihren hochhackigen Schuhen verprügelt habe.

Wie jeder Autokrat vertraute die Politikerin niemandem ausserhalb ihres engen Kreises. Doch ihre Distanz zu ihrer Partei und zum Volk verklärte sie nur und steigerte ihre Popularität. Ihre Anhänger tätowierten sich mit ihrem Bild und warfen sich vor ihr zu Boden. Als «Jaya» Ende September wegen Herzproblemen ins Spital eingeliefert wurde, brachten Menschen weisse Lotus-Blüten und Gold und Silber im Werte von Tausenden Euro in die Tempel Südindiens, um für ihre Genesung zu beten. Jayalalitha, die selbst nie geheiratet und eigene Kinder hatte, stilisierte sich erfolgreich als sorgende Landesmutter. Doch selbst konnte «Jaya» klar zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden: «Ich habe nie die bedingungslose Liebe gefunden. Das gibt es nur in Büchern, Romanen und Filmen», bekannte sie einmal offen.

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