Pierre Krähenbühl

Vorwürfe gegen Schweizer UNO-Direktor erschüttert Hilfswerk – was macht dieses eigentlich?

Missmanagement, Vetternwirtschaft, sexuelles Fehlverhalten: Die Vorwürfe gegen den obersten Schweizer Uno-Mann, Pierre Krähenbühl, wiegen schwer. Nun tritt er zurück. Die Affäre wirft ein Schlaglicht auf das von Krähenbühl geleitete UNO-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge. Trump boykottiert es, Bundesrat Cassis kritisiert es - die CH-Media-Redaktion hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Der Kehrichtwagen, der den Abfall einsammelt, ist weiss, und auf ihm prangen zwei grosse blaue Buchstaben: UN, die englische Abkürzung für die Vereinten Nationen. Wir sind in einem Flüchtlingslager unweit der Stadt Ramallah im Westjordanland. Uno-Vertreter zeigen einer Gruppe von Journalisten vor knapp zwei Wochen, was die Uno in den Palästinensergebieten leistet.

Was hier als Flüchtlingslager bezeichnet wird, ist letztlich ein Stadtquartier, mit älteren und neueren Häusern, die meisten in schlechtem Zustand, einige zusammengefallen. Kinder spielen auf einem staubigen, ummauerten Betonplatz Fussball, Frauen in Kopftüchern gehen einkaufen. Das Leben pulsiert.

In einem Supermarkt gibt es nicht nur Coca-Cola und Gemüse zu kaufen, sondern auch Kägi-Fret. Die Menschen bewegen sich frei, sie können nach Jerusalem fahren, und ein einheimischer Journalist erzählt, er fliege regelmässig mit seiner Familie von der jordanischen Hauptstadt Ammann aus in die Türkei in die Ferien. In anderen Lagern, insbesondere im Gaza-Streifen, sind die Verhältnisse ganz anders, da gibt es kaum normales Leben, sondern nur Elend und Gewalt.

Die Uno - genauer ihr Hilfswerk UNRWA - betreibt nicht nur die Müllabfuhr, sondern übernimmt in den 58 Flüchtlingslagern fast alle Aufgaben einer öffentlichen Hand:

  • Schulen: Die UNRWA unterhält 685 Schulen, in denen fast eine halbe Million Kinder von palästinensischen Flüchtlingen unterrichtet werden. Mehr als die Hälfte des UNRWA-Budgets von rund einer Milliarde Franken werden dafür aufgewendet.
  • Gesundheit: Die UNRWA betreibt 137 Gesundheitszentren, also Arztpraxen und kleine Spitäler, die den Flüchtlingen kostenlos zur Verfügung stehen. Drei Millionen Menschen nutzen sie.
  • Sozialhilfe: Die Ungleichheit in den Palästinensergebieten ist enorm. Es gibt, wie in allen Gesellschaft, eine sehr reiche Schicht, aber auch mehr als eine Million Menschen, die in absoluter Armut leben. Ihnen zahlt die UNRWA Sozialhilfe aus.

Ein Uno-Angestellter vor Ort erklärt den Journalisten: «Ohne unser Engagement würde in den Lagern nichts funktionieren.» Darum sind die Helfer beunruhigt darüber, dass die UNRWA in schweren Finanznöten steckt. Die USA als wichtigster Beitragszahler haben ihre Gelder gestrichen. Präsident Donald Trump bezeichnete das Konzept der UNRWA als «hoffnungslos fehlerhaft». Denn das Hilfswerk definiere immer mehr Menschen als Flüchtlinge und damit würden die Ausgaben endlos wachsen.

Vor einem halben Jahr schaltete sich auch der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis in die Kontroverse ein. In einem Interview mit den CH-Media-Zeitungen sagte er: «Die UNRWA funktionierte lange als Lösung, ist aber heute zu einem Teil des Problems geworden.» Sie liefere die Munition, den Konflikt weiterzuführen: «Solange Palästinenser in Flüchtlingslagern leben, wollen sie in ihre Heimat zurück. Indem wir UNRWA unterstützen, halten wir den Konflikt am Leben. Es ist eine perverse Logik.»

Bundesrat Cassis wirft der UNRWA vor, den Flüchtlingen Illusionen zu machen

Cassis monierte, wie Trump, auch die Zunahme der Flüchtlingszahl und den Flüchtlingsbegriff. Wer im Sinn der UNWRA ein palästinensischer Flüchtling ist, hat das Recht, dereinst nach Hause zurückzukehren. Fielen einst 700'000 Palästinenser unter diesen Begriff, sind es heute 5 Millionen. Cassis: «Die Flüchtlinge haben den Traum, nach Palästina zurückzukehren. Es ist unrealistisch, dass dieser Traum sich für alle erfüllt. Die UNRWA hält diese Hoffnung aber aufrecht.»

Die UNRWA-Angestellten in Westjordanland wollen sich beim Besuch der Journalisten nicht öffentlich zu dieser Kritik äussern. Aber sie können ihre Empörung über Cassis' «Polemik», wie es jemand nennt, nicht verbergen. «Was würde denn geschehen, wenn wir uns aus den Palästinensergebieten zurückziehen müssten?», fragt eine hochrangige Mitarbeiterin rhetorisch. «Hat die Schweiz, haben die USA einen Plan, wer dann die Kinder unterrichtet, wer kranke und verletzte Menschen betreut? Ich sehe keinen Plan.»

Für Cassis gibt es durchaus Alternativen. «Anstatt UNRWA-Schulen und Spitäler könnten wir jordanische Einrichtungen unterstützen, um die Integration der palästinensischen Flüchtlinge zu fördern», sagte er im Interview. Die Schweiz hat die Zahlungen an die UNRWA – jährlich 22,3 Millionen Franken – kürzlich ausgesetzt. Dies wegen der Vorwürfe an die Organisation und ihren abgetretenen Direktor Krähenbühl.

Mitte September kündigte Cassis im Nationalrat an, der Bund werde nach Vorliegen des Uno-Untersuchungsberichts entscheiden, wie lange die Zahlungen suspendiert werden. Ende November soll es soweit sein. Die Uno-Helfer bei Ramallah sind ernüchtert: «Jeder Dollar, der uns fehlt, wirkt sich negativ auf unsere Arbeit zugunsten der Schwächsten aus.» Der ganz grosser Frust der UNWRA-Mitarbeiter aber ist ein anderer: Sie sehen weniger denn je eine politische Lösung im Palästina-Konflikt.

Die Zweistaaten-Lösung ist unrealistisch geworden, die israelischen Siedlungen haben Tatsachen geschaffen. Eine UNWRA-Angestellte sagt, sie hole ihre Motivation für ihre Arbeit von Tag zu Tag: «Auch wenn es keine Perspektive für eine Lösung gibt, wir können hier Tag für Tag den Menschen helfen, ihren Alltag erträglicher zu machen.»

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