USA

Warum sich Donald Trump nur schwer von Rechtsradikalen distanzieren kann

Donald Trump ist im Weissen Haus von Leuten umgeben, die aus dem Lager der «Alt Right» stammen. Martinez Monsivais/AP/Key

Donald Trump ist im Weissen Haus von Leuten umgeben, die aus dem Lager der «Alt Right» stammen. Martinez Monsivais/AP/Key

Der 39-Jährige Richard Spencer ist Vordenker der «Alternativen Rechten», die den Rechtsradikalismus in den USA salonfähig gemacht hat. Dass in Charlottesville eine unschuldige Frau zu Tode kam, stört ihn allenfalls, weil so etwas «kontraproduktiv für die Bewegung» ist.

Richard Spencer keucht vor Anstrengung und Wut. Er ist zum rettenden Auto gerannt, seine Augen tränen noch vom Reizgas, das die Polizei in Charlottesville versprüht hat. Spencer ist auf dem Weg hinaus aus dem Stadtzentrum, wo seine Freunde aus diversen rechtsradikalen Gruppen ihre grösste Machtdemonstration seit Jahren veranstalten. Zusammen mit anderen rechten Demonstranten ist Spencer gerade eben von der Polizei unsanft aus einem Park gedrängt worden. In der Stadt gibt es schwere Ausschreitungen, eine Gegendemonstrantin wird von einem Neonazi überfahren, ganz Amerika ist geschockt.

Auch Spencer ist geschockt. Aber nicht über die Gewalt seiner Gesinnungsgenossen, sondern darüber, dass die Polizei gegen ihn und seine Leute vorgeht. «Ich bin ausser mir», sagt er in einem Video, das er auf dem Beifahrersitz aufnimmt und später zusammen mit weiteren Kommentaren online stellt. Er schimpft auf die Stadtverwaltung, die den Aufmarsch der Rechten verboten hat, und verspricht den Leuten der liberalen Universitätsstadt in Virginia: «Ihr glaubt, dass wir klein beigeben? Nein. Wir werden Charlottesville zum Zentrum des Universums machen. Wir werden noch öfter herkommen.»

Der Vordenker der «Alt Right»

Dass in Charlottesville eine unschuldige Frau durch einen Rechtsextremisten zu Tode kam, stört Spencer allenfalls, weil so etwas «kontraproduktiv für die Bewegung» ist, wie er sagt. Der 39-Jährige ist Vordenker der «Alt Right», der «Alternativen Rechten», die den Rechtsradikalismus in den USA salonfähig gemacht hat. Und er ist eine Schlüsselfigur in den Verbindungen zwischen dem rechten Rand und dem Weissen Haus, die seit Charlottesville in aller Munde sind und die Präsident Donald Trump in die Enge treiben. Diese Verbindungen bestehen nicht erst seit dem Wochenende.

Spencer, Sohn einer Erbin einer Baumwollplantage in den amerikanischen Südstaaten, studierte europäische Geistesgeschichte an der angesehenen Duke University in North Carolina. Dort traf er einen jungen Politik-Studenten namens Stephen Miller, der als konservative Jude aus Kalifornien an der Universität für die Studentenzeitung schrieb. Spencer sollte später sagen, er sei eng mit Miller befreundet gewesen, was Miller bestreitet.

Der Redenschreiber

«Alt Right»-Mann Spencer hat Verständnis dafür, dass Miller mit Leuten wie ihm nicht mehr öffentlich in Verbindung gebracht werden will. Denn sein Kumpel Stephen Miller ist inzwischen ein hochrangiger Berater und Redenschreiber von Donald Trump im Weissen Haus. Der erst 31-jährige Miller ist Autor von Trumps Amtsantrittsrede nach der Vereidigung im Januar, in der vom «Massaker an Amerika» durch den freien Welthandel die Rede war. Zusammen mit einem anderen wichtigen Trump-Vertrauten entwarf Miller kurz nach dem Amtsantritt der neuen Regierung den berüchtigten Muslim-Bann.

Der Chefstratege

Millers Helfer war Steve Bannon, ein 63-jähriger ehemaliger Soldat der US-Marine, der nach seiner Zeit beim Militär bei der Investmentbank Goldman Sachs ein Vermögen verdiente. Später drehte er Dokumentarfilme, wurde Chef von «Breitbart News», des inoffiziellen Sprachrohres der «Alternativen Rechten», und schliesslich Trumps Wahlkampfmanager und Chefstratege. Von allen Leuten im Weissem Haus stehen Miller und Bannon der «Alt Right» am nächsten, sagt Richard Spencer. Bannon, der sich mit seinen Bartstoppeln und seinen widerspenstigen grau-melierten Haaren schon optisch von der Uniformität der Präsidialbürokratie in der amerikanischen Hauptstadt abhebt, gefällt sich in der Rolle des Rebellen. Sein Ziel sei die Zerstörung des «administrativen Staates», sagte er einmal. Der Chefstratege ist überzeugt, dass der traditionelle Konservativismus der republikanischen Partei und dessen Bekenntnis zum Freihandel den amerikanischen Interessen zuwider läuft. «Globalist» ist bei Bannon ein Schimpfwort.

Als Trump den Bannon im vorigen Sommer als Wahlkampfmanager anheuerte, kannte er ihn aus vielen Interviews bei «Breitbart». Bannon schickte Trump in die Hochburgen der gegnerischen Demokraten, weil er im dortigen Unmut über Hillary Clinton eine Chance witterte. Es funktionierte. Trumps Gegner hätten nichts kapiert, sagte Bannon nach der Wahl. Seitdem ist sein Stern gesunken, nicht zuletzt weil er sich mit Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner anlegte. Immer wieder kommen Gerüchte über eine bevorstehende Entlassung Bannons auf – auch nach den Ereignissen von Charlottesville ist das so. Doch der frühere Breitbart-Mann hat Verbündete innerhalb und ausserhalb des Weissen Hauses. Dazu gehören reiche konservative Geldgeber wie die Milliardäre Sheldon Adelson und Robert Mercer. Zu Bannons Mannschaft innerhalb des Präsidialamts zählt sein früherer Breitbart-Kollege Sebastian Gorka.

Der Einflüsterer

Zu sagen, dass Gorka die Kontroverse liebt, wäre eine schwere Untertreibung. Als mutmassliche US-Rechtsextremisten neulich eine Bombe in eine Moschee in Minnesota warfen, Trump die Tat aber nicht kommentieren wollte, war es Gorka, der für die Trump-Regierung vor die Kameras trat. Der massige Zwei-Meter-Mann und Präsidentenberater rechtfertigte das Verhalten seines Chefs mit dem absurden Hinweis, der Bombenanschlag sei möglicherweise von Linken begangen worden, die eine anti-muslimische Tat vortäuschen wollten.

Manche Kritiker sehen in Gorka, einem Sohn ungarischer Eltern, der erst seit fünf Jahren amerikanischer Staatsbürger ist, nicht nur einen besonders aggressiven Trump-Sprecher. Sie betrachten den 46-Jährigen als gefährlichen Einflüsterer eines populistischen und aussenpolitisch unerfahrenen Staatschefs. Ein Mann wie Gorka habe im Weissen Haus nichts verloren, zitierte das Magazin «Rolling Stone» den früheren Geheimdienstler und Nahost-Experten Paul Pillar: Der Trump-Berater vertrete eine «Intoleranz», die amerikanischen Werten widerspreche.

Aber möglicherweise liegt Gorka damit ganz auf der Linie seines Chefs. Trumps Schweigen nach dem Anschlag auf die Moschee in Minnesota ist ein Beispiel für seine Nachsicht gegenüber militanten Rechtsradikalen. Nach der tödlichen Gewalt von Charlottesville wird diese Nachsicht zum weltweiten Skandal. Zwei Tage lang drückt sich der Präsident um eine klare Verurteilung der Rechtsextremisten herum. Als er schliesslich doch Gruppen wie die Neonazis und den Ku-Klux-Klan verdammt, klingt das nach einer Pflichtübung, nicht nach politischer Führung.

Trump wehrt sich dagegen, die Taue zum rechten Rand zu kappen. Er weiss, dass er seinen Wahlsieg nicht zuletzt jenen Amerikanern verdankt, die wie Spencer gerne wieder ein Land hätten, in denen die Weissen sagen, wo es langgeht. Und er denkt schon an die Wahl in drei Jahren; sein Wahlkampfteam hat gerade den ersten TV-Werbespot veröffentlicht. Die nächste Wahl ist wohl ein wichtiger Grund dafür, dass Bannon nach wie vor im Weissen Haus ist. Wenn er Bannon feuert, sagt sich Trump nicht nur von der «Alternativen Rechten» los. Nach einer Entlassung könnte Bannon ausserhalb des Weissen Hauses zu einem gefährlichen Gegner der Regierung werden.

Ku-Klux-Clan-Chef bedankt sich

Vielleicht wirkt Trump deshalb so, als sei ihm nicht wohl in seiner Haut, als er Anfang der Woche die Rechtsextremisten wegen der Gewalt von Charlottesville als «bösartig» bezeichnet. Doch Trumps populistische Instinkte sind stärker als die Bemühungen um ein möglichst staatsmännisches Auftreten. Nur einen Tag später wirft er alles wieder über den Haufen und rechtfertigt den Rechtsradikalen-Aufmarsch von Charlottesville. Auch linke Gegendemonstranten hätten Schuld auf sich geladen. Zum ersten Mal überhaupt lässt ein amerikanischer Präsident rechtsradikale Gruppen respektabel erscheinen. Spencer ist begeistert. Richtig stolz sei er auf den Präsidenten, lässt er die Medien wissen. Und der frühere Ku-Klux-Klan-Chef David Duke bedankt sich bei Trump für dessen «Mut».

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