Kritik

Wegen Zölibat: Ex-Papst Benedikt bringt Franziskus in die Bredouille

Ex-Papst Benedikt (links) und sein Nachfolger Franziskus im Dezember 2013.

Ex-Papst Benedikt (links) und sein Nachfolger Franziskus im Dezember 2013.

Erstmals seit seinem Rücktritt fährt Ex-Papst Benedikt seinem Nachfolger Franziskus in die Parade. Er will am Zölibat festhalten.

Fast sieben Jahre hat Joseph Ratzinger kein kritisches Wort zu seinem Nachfolger verloren und sich, wie er es angekündigt hatte, «im Verborgenen» bewegt und sich auf Spaziergänge in den vatikanischen Gärten und auf das Schreiben theologischer Schriften beschränkt. Doch nun meldet sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. aus seinem vatikanischen Kloster mit deutlichen Worten zurück. Der 92-Jährige tut dies mit einem Zitat des heiligen Augustin: «Silere non possum! – Ich kann nicht schweigen.»

Anlass zur Intervention des Ex-Papstes sind die Bestrebungen zur Lockerung des Zölibats. In einem neuen Buch mit dem Titel «Des profondeurs de nos cœurs» («Aus der Tiefe unserer Herzen»), das er zusammen mit Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea geschrieben hat und von dem die französische Zeitschrift «Le Figaro» am Wochen­ende Auszüge publiziert hat, warnen die Autoren eindringlich davor, das Gebot der Ehelosigkeit für Priester aufzugeben: «Bischöfe, Priester und Laien müssen damit aufhören, sich von falschen Ideen, theatralischen Produktionen, teuflischen Lügen und modischen Irrtümern einschüchtern zu lassen.»

Kein Wort zum sexuellen Missbrauch in der Kirche

Für Joseph Ratzinger und Robert Salah ist der Zölibat «unverzichtbar»: Die Kirche sei nicht einfach eine menschliche Institution, sondern ein Mysterium: Sie sei die Braut Christi. Der Zölibat erinnere die Welt an dieses Mysterium, und auch die Priester seien mit der Kirche verheiratet: «Wenn ein Priester mit dem Zölibat zeigt, dass er die Kirche heiraten will, was ist dann der Sinn verheirateter Priester?», heisst es im Buch.

Die Autoren betonen, dass die geforderte sexuelle Abstinenz für Priester kein negatives Urteil gegenüber Körperlichkeit und Sexualität an sich bedeute. «Aber der Ruf, Jesus nachzufolgen, ist nicht möglich ohne dieses Zeichen der Freiheit und den Verzicht auf Kompromisse.» Auf den Missbrauchsskandal in der Kirche gehen die Autoren nicht ein. Für den früheren Papst Benedikt besteht zwischen der Ehelosigkeit der Priester und dem sexuellen Missbrauch kein Zusammenhang: In einem Essay hatte er im vergangenen Jahr die sexu­elle Revolution der 1960er-Jahre als Grund für die Probleme ausgemacht.

Massnahme gegen Priestermangel

Die Veröffentlichung des Buches seines Vorgängers kommt für Papst Franziskus zu einem heiklen Zeitpunkt: Im Herbst hatten sich die Teilnehmer der Amazonas-Synode dafür ausgesprochen, dass «geeignete und anerkannter Männer» («viri probati») in Ausnahmefällen zu Priestern geweiht werden können. Als Kandidaten in Frage kommen dabei verheiratete Familienväter, die bereits ständige Diakone sind. Damit sollte der akute Priestermange gemildert werden.

Welche Folgen die Stellungnahme von Benedikt XVI. für das Verhältnis der beiden Päpste haben wird, ist unklar. Bisher war es von grossem gegenseitigen Respekt und institutioneller Korrektheit geprägt gewesen. In Fragen der Lehre waren die Unterschiede kleiner gewesen als gemeinhin angenommen: «Ich bin ein Kind der Kirche, und die Position der Kirche zu diesen Fragen ist bekannt», erklärte Franziskus einmal, als er zu Fragen der Frauenordination und der Sexualmoral Stellung beziehen sollte. Auch Franziskus ist konservativ, aber er ist – und das unterscheidet ihn von den Fundamentalisten in der ­ Kurie – gleichzeitig offen für begründete ­Ausnahmeregelungen. Auf Kritik ­ hat Franziskus bisher immer gleich ­reagiert: Er liess sie unbeantwortet.

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