Deutschland

Wer gegen Erdogan ist, wird beschimpft – aufgeheizte Stimmung in Berlin

Türkinnen in Berlin Kreuzberg Die Stimmung ist angespannt.

Türkinnen in Berlin Kreuzberg Die Stimmung ist angespannt.

Der türkische Präsident Erdogan kämpft in Deutschland um die Zustimmung seiner Landsleute zum Verfassungsreferendum. Die Atmosphäre in der türkischen Gemeinde in Berlin ist aufgeheizt.

Es ist kurz vor 13 Uhr, das Mittagsgebet in der Omar-Moschee in Berlin-Kreuzberg ist vorüber. Einige Dutzend vorwiegend ältere Herren treten auf die Wienerstrasse. Sie unterhalten sich, einige rauchen eine Zigarette. Doch über Recep Tayyip Erdogan will fast keiner reden. «Erdogan gut», sagt ein Moschee-Besucher, lächelt und geht weiter. «Die Leute hier in Deutschland verstehen Erdogan nicht», sagt ein anderer in gebrochenem Deutsch. Dann erzählt der etwa 70 Jahre alte Mann vom Putsch im letzten Juli in der Türkei, spricht von Terroristen, die das Land in den Abgrund zu ziehen versuchten. Viele der Putschisten seien nach Deutschland geflüchtet. «Deutschland schützt die Terroristen», meint er und fügt hinzu: «Erdogan ist der richtige Mann. Die Welt soll aufhören, sich in die türkischen Angelegenheiten einzumischen.»

An allen Ecken stehen türkische Imbissbuden und Döner-Stände, beim Kottbusser Tor bieten Türken allerlei Gemüse feil. Im Bezirk Kreuzberg wohnen Tausende von türkischen Zuwanderern und Türkischstämmige, Menschen mit türkischen Wurzeln. Viele sind in Berlin aufgewachsen oder wohnen schon seit Jahrzehnten in der deutschen Hauptstadt.

Es gibt nur Schwarz oder Weiss

Der gescheiterte Militärputsch vom vergangenen Juli und die Abstimmung über Erdogans Verfassungsreform am 16. April haben für eine angespannte Stimmung in der türkischen Gemeinde gesorgt. Es gibt nur Schwarz und Weiss, nur die Anhänger von Erdogan und seine Gegner. «Ein Dazwischen existiert nicht. Wer sich nicht eindeutig zu Erdogan bekennt, gilt als Gegner der Türkei, als Terrorist», sagt Kazim Erdogan. Der 64-jährige Türke lebt seit 43 Jahren in Deutschland. Im Bezirk Neukölln, in dem über 40 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, steht er dem Integrationsverein «Aufbruch Neukölln» vor. «Das Referendum hat die Atmosphäre weiter angeheizt. Viele Türken haben Angst, ihre Meinung offen zu sagen», erzählt der Psychologe. «Ich kenne viele, die unter Angstzuständen leiden.»

Die mangelnde Integration vieler Türken sei mitverantwortlich dafür, dass Präsident Erdogan auf so viel Resonanz bei den Türken in Deutschland stosse, sagt Kazim Erdogan. Etwa 60 Prozent der 1,4 Millionen in Deutschland wahlberechtigten Türken haben bei den letzten Wahlen für Erdogans AKP-Partei gestimmt. «Deutschland hat sich zu wenig um die türkischen Gastarbeiter gekümmert. Es existieren Parallelgesellschaften. So wurden viele Türken in Deutschland in die Arme der türkischen Regierung getrieben.»

Präsident Erdogan weiss um die Bedeutung der Stimmen der türkischen Gemeinde in Deutschland. Mit ihren umstrittenen und zuletzt teilweise verbotenen Wahlkampfauftritten spielen die türkischen Politiker auf die verletzten Gefühle ihrer Landsleute an, die sich von der deutschen Gesellschaft nicht anerkannt fühlen. Die aufgeheizte Stimmung, die provokativen Töne, die Anschuldigungen gegen Deutschland, der Nazi-Vorwurf – mit dieser Strategie gelinge es der türkischen Regierung, viele Türken in Deutschland auf ihre Seite zu ziehen, sagt Kazim Erdogan. «Die Menschen sind ob solcher Aussagen verwirrt.» Viele Türken in Deutschland glaubten, durch die Regierung Erdogan erhielten sie endlich jene Anerkennung, die ihnen in Deutschland bislang verwehrt geblieben sei.

«Imame sind für Erdogan»

In der Nähe der U-Bahn-Station Schlesisches Tor betreibt Ali Birsin mit seiner kurdischen Frau Günes einen Imbissladen. 90 Prozent seiner Kunden sind Touristen oder Deutsche. «Die Türken kaufen nicht bei mir», sagt der gebürtige Türke. Die Leute in der Umgebung wüssten, dass er vor einer «faschistischen Diktatur» in der Türkei warnt, sollte Erdogan die Abstimmung gewinnen. «Meine Freunde in der Türkei wagen es nicht mehr, offen ihre Meinung zu sagen oder gegen Erdogan zu demonstrieren», sagt der 50-jährige Mann, der seit 18 Jahren in Berlin lebt. Er selbst fürchtet sich nicht vor AKP-Anhängern. Manchmal werde er zwar beschimpft, Gewalt sei ihm aber noch nie widerfahren. Der gläubige Muslim geht zum Gebet in die Moschee, aber auf politische Diskussionen lässt er sich dort nicht ein. «Viele Imame sind politische Botschafter Erdogans. Sie reden den Moschee-Besuchern ein, sie müssten zum Schutz ihrer Religion für die Politik von Erdogan stimmen.»

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