Die Polizeiberichte lesen sich wie Passagen eines Thrillers – und zwar der besonders zynischen Art: Zwei junge Frauen betreten die Eingangshalle des Flughafens der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Von hinten pirschen sie sich an einen wohlbeleibten Mann mittleren Alters heran.

Die eine Frau lenkt ihn ab, die andere nimmt ihn von hinten in den Schwitzkasten und vergiftet ihn. Auf Aufnahmen von Überwachungskameras ist zu sehen, dass die Frau einen Handschuh trägt, der wahrscheinlich in Gift getränkt war. Panisch schafft es der attackierte Mann noch zum Informationsschalter. Wenig später bricht er auch schon zusammen.

Bei dem Mann handelt es sich um Kim Jong Nam, den Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un; bei den jungen Frauen sehr wahrscheinlich um nordkoreanische Agentinnen. Die eine trägt einen kurzen Rock und ein langärmliges T-Shirt mit dem Aufdruck «LOL» – das Kürzel für «Laughing Out Loud». Auf Überwachungskameras ist noch zu sehen, wie die Frauen mit einem Taxi davonbrausen.

So berichteten asiatische Medien über das Gift-Attentat auf Kim Jong Nam.

Bis gestern Donnerstag ist den malaysischen Sicherheitskräften ihre Festnahme gelungen. Und nicht nur die der zwei Hauptverdächtigen. Die Polizei von Kuala Lumpur berichtet, dass sie neben einer 25-jährigen Frau mit indonesischem Pass auch ihren Freund aufgegriffen hat.

Bereits am Mittwoch nahmen sie die Täterin mit der LOL-Aufschrift fest. Die 28-Jährige hatte einen vietnamesischen Ausweis bei sich. Aus welchem Land der festgenommene Mann stammt, ist bislang unklar.

Kim Jong Nam war auf der Flucht

Der Mord am Flughafen von Kuala Lumpur dürfte als eines der schaurigsten Polit-Attentate in die jüngere Geschichte Asiens eingehen. Der 45-jährige Kim Jong Nam soll sich bereits seit einiger Zeit auf der Flucht befunden haben, nachdem sein rund 15 Jahre jüngerer Halbbruder Kim Jong Un 2012 die Macht über Nordkorea übernommen hatte und kurz darauf seinen angeheirateten Onkel Jang Song Thaek hinrichten liess – die bis dato zweitmächtigste Person im stalinistischen Arbeiterstaat. Der Onkel galt als Fürsprecher des älteren Halbbruders Jong Nam.

Die Frau im gelben T-Shirt soll eine der Mörderinnen sein.

Die Frau im gelben T-Shirt soll eine der Mörderinnen sein.

Dabei hatte Kim Jong Nam mehrfach betont, keine Machtambitionen zu hegen. Nachdem er einen ersten Attentatsversuch überlebt hatte, bat er seinen Halbbruder sogar um Verschonung. Jong Nam ist der älteste Sohn des 2011 verstorbenen Machthabers Kim Jong Il. Als Erstgeborener galt er eigentlich als potenzieller Nachfolger. Nach dem Tod des gemeinsamen Vaters im Dezember 2011 wurde das jedoch Jong Un.

Noch hat die Führung in Nordkorea nicht bestätigt, dass sie hinter dem Mord steckt. In den nordkoreanischen Medien wird der Tod Jong Nams verschwiegen. Nach malaysischen Angaben hat Pjöngjang aber die Regierung in Kuala Lumpur aufgefordert, von einer Obduktion der Leiche abzusehen und sie Nordkorea zu übergeben. Das lehnte Malaysia ab.

Sollte sich bestätigen, dass Pjöngjang hinter dem Mord steckt, würde sich einmal mehr zeigen, wie brutal der derzeitige Machthaber Kim Jong Un auch gegen seine eigene Familie vorgeht. Über das Motiv des Mords an dem Halbbruder wird unter Nordkorea-Experten nun heftig spekuliert.

Südkoreas Geheimdienstchef Lee Byong Ho geht davon aus, dass Kim Jong Un aus reiner «Paranoia» gehandelt habe. Allerdings hat der südkoreanische Geheimdienst schon mehrfach den jungen Kim als einen Durchgeknallten mit instabiler Persönlichkeit dargestellt. Dem widerspricht die südkoreanische Zeitung «Hankyoreh». Sie berichtet, dass der junge Diktator seit einiger Zeit von der Angst getrieben sei, China könnte mit dem älteren Halbbruder eine «Marionetten-Regierung» installieren.

Gern gesehener Gast in Peking

Offiziell gilt China als letzter noch verbliebener Verbündeter Nordkoreas. Doch das Verhältnis hat sich zuletzt extrem verschlechtert. Vor allem das Atomwaffenprogramm des jungen Diktators wird auch von Peking scharf verurteilt. Die chinesische Führung trägt die UNO-Sanktionen mit.

Jong Nam hingegen war bis zum Schluss ein gern gesehener Gast in Peking und durfte sich in Macau sogar auf chinesischem Territorium niederlassen. Völlig von der Hand zu weisen sei die Angst des jungen Diktators daher nicht, sagt der in Seoul forschende südkoreanische Analyst Cheong Seong Chang.