«Heute werden so viele Afrikaner in die Migration getrieben, weil einige europäische Länder, vor allem Frankreich, nie aufgehört haben, Dutzende afrikanische Länder zu kolonisieren», begründete Luigi Di Maio seine Forderung.

Di Maio dürfte klar sein, dass Brüssel seinem Ansinnen nicht nachkommen wird. Dennoch trifft der Italiener einen wunden Punkt in der europäischen Geschichte, der bis zur Gegenwart nachhallt. Die koloniale Vergangenheit, die in Afrika bis in die 1960er-Jahre andauerte, zwingt die Europäer dazu, ein gewisses Mass an Verantwortung für die Entwicklung Afrikas wahrzunehmen.

Wenn es Europa nützt …

Die Folgen der Kolonialisierung sind bis heute spürbar. Viele Landesgrenzen entsprechen den Verwaltungsgebieten der damaligen Kolonien, was dazu führt, dass viele unterschiedliche Stämme und Ethnien heute in einem Staat zusammenleben, was enormes Konfliktpotenzial birgt.

Hinzu kommt die Unterstützung Europas von Diktatoren und Autokraten aller Couleur, sofern diese den Interessen des nördlichen Nachbarkontinentes dienen. Ein Beispiel dafür ist der ägyptische Machthaber Abd al-Fattah as-Sisi, der sein Land mit harter Hand regiert. Für Europa ist er nützlich, weil Sisi für Ruhe an der Mittelmeerküste sorgt. Der Preis dafür ist der Verlust von Demokratie und Meinungsfreiheit im Land am Nil.

Europa ist nicht allein schuld

Jedoch ist es zu einfach, die Ursachen für die Migration aus Afrika nur in Europa zu suchen. In zahlreichen afrikanischen Ländern herrschen Clans, die ihre Bevölkerung ähnlich ausbeuten, wie es einst die Kolonialmächte getan haben. Oftmals geht es diesen Politikern mehr um den eigenen Machterhalt und die Verteilung der Pfründe an ihr Umfeld, denn um eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, die zu breiterem Wohlstand führen könnte.

Demographische Zeitbombe

Ein grosses Problem in Afrika ist das Bevölkerungswachstum. In den Ländern südlich der Sahara bekommt im Durchschnitt jede Frau durchschnittlich fünf Kinder. EU-weit sind es lediglich 1,6 Kinder pro Frau, in der Schweiz sogar nur 1,54 Kinder. Heute leben in Afrika 1,3 Milliarden Menschen. Laut UNO-Prognosen werden es 2050 2,5 Milliarden, im Jahr 2100 sogar unvorstellbare 4,5 Milliarden Menschen sein.

Der wirtschaftliche Fortschritt auf dem Kontinent, der auch dank den zig Milliarden an Entwicklungshilfegeldern aus den Industriestaaten in den letzten Jahrzehnten erzielt werden konnte, wird durch dieses enorme Bevölkerungswachstum aufgefressen. Es droht ein demografischer Teufelskreis.

Die Anzahl der extrem armen Menschen in Afrika ist in absoluten Zahlen auf 440 Millionen gestiegen, auch wenn der Anteil an der Gesamtbevölkerung gesunken ist. Wirtschaftliche Not ist und bleibt ein Haupttreiber für Migration. Daran wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern. Der Migrationsdruck auf Europa wird anhalten.