Drei Monate lang sass Fernando Sánchez (Name geändert) in einer feuchten, dunklen Zelle in einem venezolanischen Militärgefängnis im Bundesstaat Sucre. Der Offizier wurde geschlagen, erniedrigt, musste stundenlang gefesselt aufrecht stehen, wurde mit kaltem Wasser überschüttet, mit Elektrostäben gefoltert, bekam nichts zu essen. Sein Vergehen: Sánchez hatte es gewagt, einem General die Stirn zu bieten. «Ich war zuständig für die Lebensmittelausgabe an die Sozialhilfeempfänger», erzählt der 51-Jährige, der mittlerweile nach Kolumbien geflüchtet ist.

«Als ich die Kisten von einem LKW lud, verlangte der General die Hälfte davon für sich. Doch dann hätte es nicht mehr für alle Bedürftigen gereicht. Ich kannte die meisten von ihnen und sie mich, das hätte mir Probleme eingebracht, das sagte ich dem General», erzählt Sánchez. Es war nicht sein erstes Unbehagen über die grassierende Korruption und Repression in den Reihen der Streitkräfte. Deshalb geriet er ins Visier des kubanischen Geheimdienstes, der die venezolanische Armee infiltriert hat und für Linientreue sorgt. «Ich musste um mein Leben fürchten», erzählt der drahtige, grauhaarige Mann.

Mit der Angst im Nacken

Das Ganze ist sechs Monate her, aber noch immer schaut er nervös um sich. Kaum jemand kennt seine wahre Geschichte, bis auf seine Familie und die Menschenrechtsorganisation, die ihn unterstützt. Waffenbrüder von Sánchez waren nach ähnlichen Vorkommnissen nie wieder aufgetaucht aus dem Arrest. Als er freigelassen wurde, packte er seine Siebensachen, verkaufte sein Motorrad und machte sich mit Frau und Enkel auf den langen Weg nach Kolumbien – immer mit der Furcht im Nacken, unterwegs als Fahnenflüchtiger erwischt zu werden. «Wenige Tage danach räumten Sicherheitskräfte unsere Wohnung aus und nahmen alles mit», erzählt er bitter. «Jeder von uns konnte nur einen Rucksack mitnehmen.» Die Familie schaffte es bis nach Cúcuta, die letzten Kilometer watete er nächtens mit einem schweren Malariaanfall über den Grenzfluss. «Wir müssen jetzt hier von null anfangen.»

Sánchez hatte noch Glück: Viele überleben die Repression nicht. «Unter Nicolás Maduro haben die Sicherheitskräfte Hunderte willkürlich festgenommen, exekutiert und exzessiv Gewalt angewendet», schrieb die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. «Maduro nutzt Angst und Strafe zur sozialen Kontrolle derjenigen, die Wandel verlangen, und er attackiert dabei vor allem die Ärmsten, die er vorgeblich verteidigt, aber in Wirklichkeit ermordet, festnimmt und bedroht», heisst es in dem Bericht.

Dabei geht es vor allem um die Proteste seit Anfang Januar. Als sie von den Mittelschichtsgegenden auf die bevölkerungsreichen und bislang regierungstreuen Armenviertel übergriffen, läuteten die Alarmglocken im Präsidentenpalast von Miraflores. Die Regierung aktivierte die 2017 geschaffene polizeiliche Sondereinsatztruppe namens FAES, eigentlich geschaffen zur Terrorbekämpfung. «Sie sind die Todesschwadronen Maduros», sagt Rafael Uzcátegui, Koordinator der Menschenrechtsorganisation Provea. Die schwarz gekleideten Mitglieder der FAES operieren im Schutze der Nacht und maskiert, denn «der Tod hat kein Gesicht». Sie gehen Uzcátegui zufolge in Kriegslogik vor, besetzen ein Viertel, schlagen Fenster und Türen ein und platzieren Scharfschützen auf Dächern. «Sie töten, wen sie wollen, und geniessen dabei völlige Straffreiheit.»

Eines ihrer Opfer war Maikel Cumare, 21 Jahre alt, Künstler und Mitarbeiter beim kommunitären Radio. Er wohnte mit seiner Mutter Desiré in einer Sozialwohnung in Macarao, Caracas. «Sie traten gegen die Tür, hielten mir eine Pistole an den Kopf, warfen Maikel auf den Boden und traten auf ihn ein», erzählt die 41-jährige Krankenschwester dem Portal Caracas Chronicles. «Ich bat um eine Erklärung, versuchte sie aufzuhalten, aber sie zerrten mich weg. Dann hörte ich einen Schuss aus der Wohnung.» Sie selbst wurde geschlagen, verschleppt und in einem anderen Stadtviertel ausgesetzt. Schliesslich beschied man ihr, sie solle ihren Sohn im Leichenschauhaus suchen. «Dort traf ich auf weitere Mütter, die ihre Kinder betrauerten.» Als sie nach Hause kam, war ihre Wohnung geplündert. Desiré versteckt sich heute im Untergrund.