Die Wolken sind verzogen, die Sonne scheint auf die Trümmer der Unglücksstelle in Genua, wo am Morgen noch immer Hunderte Helfer im Einsatz sind und nach Überlebenden und Opfern suchen. 11 Häuser wurden vorsorglich evakuiert, 440 Menschen sind an Ferragosto quasi wohnungslos. Dieser Tag, der 15. August, ist in Italien ein Feiertag, der Tag, an dem Familie und Freunde sich am Meer treffen, zusammen essen, feiern, das Leben und den Sommer geniessen. Doch in diesem Jahr herrscht Staatstrauer an Ferragosto, Mariä Himmelfahrt. Das Unglück vom Vortag, als im norditalienischen Genua eine vierspurige Autobahnbrücke plötzlich zusammenbrach und mindestens 42 Menschen in den Tod riss, lähmt das Land.

Ein etwa 100 Meter langes Stück des Polcevera-Viadukts, das auch Ponte Morandi genannt wird, war am Dienstagmittag aus mehr als 40 Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Neben dem Schock und der Trauer wird am Tag nach der Tragödie auch die Wut der Italiener immer lauter: Wie konnte das nur passieren?

Firma stark unter Druck

Die Vize-Premiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Matteo Salvini von der Lega haben ihren ersten Schuldigen schon gefunden: die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia. Sie ist laut «Corriere della Sera» für 3020 Kilometer Autobahn und 1866 Brücken und Viadukte in Italien zuständig. Die Regierung werde die Firma zur Rechenschaft ziehen, die Auflösung des Vertrages mit Autostrade werde eingeleitet, sagt Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch an der Unglücksstelle. «Der Widerruf der Konzession ist das Minimum», schreibt Innenminister Matteo Salvini auf seiner Facebook-Seite.

Das bringt Brücken zum Einsturz:

Luigi Di Maio, Minister für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, spricht von «mindestens 150 Millionen Euro Strafe». Verkehrsminister Toninelli forderte ausserdem die Führungsriege des Unternehmens auf, zurückzutreten.

Und noch einen Schuldigen machte Salvini bereits am Dienstagabend aus: die Europäische Union. Die Sicherheit der Italiener gehe vor EU-Defizitregeln. Sein Vorwurf: Durch die strengen Haushaltsregeln, die die EU Italien alljährlich auferlegt, damit das Land von seinem Schuldenberg herunterkommt, hätten nötige Investitionen nicht getätigt werden können. Der Einsturz der Brücke zeige, wie wichtig es ist, mehr Geld in die Hand zu nehmen. «Wenn äussere Zwänge uns davon abhalten, in sichere Strassen und Schulen zu investieren, dann müssen wir wirklich hinterfragen, ob es Sinn macht, diese Regeln zu befolgen.» Dabei kann es am Geld nicht gelegen haben: Gerade in den Ponte Morandi wurde in den vergangenen Jahren viel investiert, erst 2016 wurde die Brücke einer Generalüberholung unterzogen. Auch zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Autostrade Bauarbeiten im Gange.

Brücken-Tragödie: Hier sucht die Feuerwehr nach Überlebenden

Brücken-Tragödie: Hier sucht die Feuerwehr nach Überlebenden

Nach dem Brückeneinsturz in Genua hat die Feuerwehr eindrückliches Videomaterial der Suche nach Überlebenden veröffentlicht.

Geschacher um EU-Gelder

Politisch steckt viel hinter den Aussagen Salvinis: Bis zum 15. Oktober muss Italien der EU-Kommission seinen Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorlegen. Schon in den vergangenen Jahren ging damit das Geschacher los, wie weit die Defizitgrenze ausgereizt werden darf. Di Maio und Salvini fordern ein Aussetzen der EU-Regeln nach dem Maastricht-Vertrag, um Ausgaben zu erhöhen und die Steuern zu senken.

Doch gerade die Partei von Di Maio, die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, die vor etwa zehn Jahren vom Ex-Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufen wurde, muss sich nach dem Unglück Vorwürfe gefallen lassen. Denn Kritik gab es an dem am Dienstag eingestürzten Polcevera-Viadukt schon lange. Kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen. Die Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, wurde in den 1960er-Jahren gebaut. Laut Experten war sie dem heutigen Verkehrsaufkommen mit etwa 5000 Lastwagen pro Tag nicht gewachsen.

Bereits in den 1980er-Jahren kam die Idee auf, den Ponte Morandi daher mit einem neuen Autobahnzubringer zu entlasten. Das Projekt mit dem Namen «Gronda», in Anlehnung an das italienische Wort «grondaia» für Regenrinne, wurde aber von Anwohnern und Umweltverbänden abgelehnt. Und auch die Fünf-Sterne-Bewegung sprach sich 2013 gegen eine solche Alternativlösung aus.

300 marode Brücken

Premierminister Giuseppe Conte versprach den Italienern nun, die Regierung werde einen ausserordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen, in dem strenge Kontrollen vorgesehen sind. Laut der Zeitung «La Repubblica» sind um die 300 Brücken und Tunnel in Italien marode, eine veraltete Infrastruktur und eine lückenhafte Instandhaltung die Hauptprobleme. Und das Unglück von Genua ist leider kein Einzelfall. Eine weitere Brücke und eine Überführung stürzten in den letzten zwei Jahren ein. Ferner musste eine Brücke geschlossen werden.

Um die Ursache des Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua herauszubekommen, hat die Staatsanwaltschaft der Stadt Ermittlungen eingeleitet. Experten sehen keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Unwetter, das zum Zeitpunkt des Einsturzes über der Brücke und der Stadt wütete, und ein Blitz, der kurz vor dem Einsturz in die Brücke gefahren war, etwas mit der Tragödie zu tun haben könnten.