Georgien

Zehn Jahre nach dem Kaukasuskrieg: Ferner Traum vom heilen Land

Die Suche nach Lösungen der alten Konflikte hat die Republik ermüdet – und die Menschen zermürbt.

«Die Liebe ...» Raissa Odischwili macht eine Handbewegung, als würde sie Wespen aus den Weinreben rund um ihre Terrasse vertreiben. Kenne ja jeder, wie das so sei, was die Liebe ertragen und verschmerzen lasse. Auch wenn sie über Schmerzen hier in der unerbittlichen Sonne Georgiens nicht sprechen will. Schmerzen gehören zu ihrem Leben dazu, genauso wie die Liebe zu ihrem Giorgi, genau wie das Leiden mit und an diesem Land, hier an der Südflanke des Grossen Kaukasus, in einer Ansammlung gleich grosser Häuser mit roten Dächern an gleich breiten Strassen, die nur Nummern haben, keine Namen, in diesem Ort namens Zerowani, einer Siedlung für Binnenflüchtlinge, für Menschen wie Raissa Odischwili.

Russin ist sie, seit 1972 in Georgien. Als Raissa hier ankam, hiess die Gegend noch «Georgische Sozialistische Sowjetrepublik», eine der reichsten der Sowjetunion. Aus Woronesch, knapp 500 Kilometer südöstlich von Moskau, war sie ihrem Giorgi gefolgt, dem Georgier. Sie richteten sich in der Region Achalgori knapp 40 Kilometer hinter der Hauptstadt Tiflis ein. Südossetisches Gebiet. Hier bekamen sie vier Kinder, zwei Töchter, zwei Söhne. Sie waren erst Sowjets, dann plötzlich Bürger Georgiens – bis wieder der Krieg zu ihnen kam, heute vor zehn Jahren.

Vergessen und verdrängen

Georgische Truppen waren in der Nacht zum 8. August 2008 in Südossetien einmarschiert. Tiflis hatte sich von Moskau bedroht gefühlt, zu sehr hatte Russland in den Jahren zuvor das kleine Georgien, dieses vehement nach Westen strebende Land, provoziert, hatte Südossetien wie auch Abchasien finanziell und militärisch unterstützt. Auf dem Silbertablett habe der damalige georgische Präsident Michail Saakaschwili – der hitzköpfige «Mischa», wie ihn bis heute alle in Georgien nennen – den Russen die Provinzen präsentiert, die seit Georgiens Unabhängigkeit mehr sein wollten, als Tiflis ihnen zu gewähren bereit war. Mit seinen «Zündeleien», sagen Beobachter, habe er das Land in zwei Epochen geteilt: in ein «Georgien vor 2008» und ein «Georgien nach 2008».

Seit diesem ungleichen Kräftemessen zwischen dem einst so aufstrebenden und später so tief gefallenen Saakaschwili mit seinem Widersacher Putin ist Raissa Odischwilis Leben nicht mehr dasselbe. Es findet nicht mehr auf ihrem Hof bei den Tieren statt, sondern hier in der Flüchtlingssiedlung. Seit dem Ausbruch des Krieges lebt sie mit Mann, Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkeln in einer schnell hochgezogenen Bleibe in Zerowani, wie fast alle, die aus Achalgori geflohen waren. 8000 Menschen in 2200 Häusern, jedes knapp 60 Quadratmeter gross. Gleich nach dem Krieg war die Siedlung entstanden, kaum jemand hat sie bis heute verlassen. Die Häuser haben Anbauten bekommen, Weinreben ranken sich um die selbst gebauten Terrassensäulen, Schule, Kindergarten, Bank, Läden, Verwaltung machen aus dem einstigen Provisorium ein Dorf.

Das Künstliche wird heimisch. «Wir haben uns hier eingelebt», sagt Raissa, die Rentnerin, die neben ihrer kleinen Rente zusätzlich 45 Lari – umgerech- net etwa 15 Euro – Zuschuss vom Staat erhält. Der Konflikt von damals, er bestimmt auch heute das Leben in Zerowani, die Menschen vergessen ihn nicht, sie verdrängen ihn. «Unsere Enkel sollen lieber nichts über den Krieg erfahren», sagt Raissa.

Rückkehr? Niemals!

Über schlimme Erfahrungen sprechen, gar psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, das sei «nicht so das Ding der Georgier», sagt Ekaterine Saridse. Sie war knapp 15, als sie nach Zerowani kam, ebenfalls geflohen aus Achalgori. Die südossetischen Sommer vermisse sie sehr. Auch ihre ossetische Grossmutter auf der anderen Seite der – ja, der was eigentlich? «Staatsgrenze», nennen die Russen das Stück Land, das Ekaterine Saridse von ihrem früheren Leben trennt. «Okkupationslinie», sagen Georgier, «Verwaltungsgrenzlinie» nennt es die EU. Manchmal finden sich Grenzzäune entlang der Linie, manchmal teilt Stacheldraht die Dörfer, manchmal sagen die Menschen «Dort hinten beim rot-weissen Turm ist das okkupierte Territorium».

Nur 40 Autominuten dauert es von hier nach Achalgori. Für Ekaterine Saridse ist das weit weg. Seit sechs Jahren hat sie keinen Extra-Passierschein mehr beantragt. Möglich wäre es. Aber wofür? «Zerowani ist nun so etwas wie ein Zuhause», sagt die Arabistin, die in einem typischen Siedlungshaus für die Organisation «Für eine bessere Zukunft» arbeitet. Auf einem Leinentuch sind bunte Händeabdrucke von Kindern zu sehen, Freiwillige aus der ganzen Welt helfen hier mit. Bewerbungstrainings bieten sie an. Sie wollen die Binnenflüchtlinge wettbewerbsfähiger machen auf dem ohnehin nicht einfachen georgischen Arbeitsmarkt. «An eine Rückkehr ist nicht zu denken», sagt die junge Ekaterine Saridse.

Der Kaukasuskrieg hat die Region ein für allemal verändert. Die georgische Armee, die die Kontrolle über die abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien wiedergewinnen wollten, wurden von russischen Truppen binnen vier Tagen zurückgedrängt. Die Russen drangen bis ins georgische Staatsgebiet vor. In Südossetien und noch mehr in Abchasien sind staatliche Gebilde entstanden. Während Südossetien zu den ärmsten Regionen im Kaukasus gehört, hat Abchasien durchaus eine differenzierte Öffentlichkeit.

Wirtschaftlich hat Russland beiden Provinzen bis heute mehr zu bieten als Georgien. Zudem fehlt der heutigen georgischen Führung die Vision für ein vereinheitlichtes Georgien. Für Moskau bietet die angespannte Situation zudem eine Möglichkeit, Georgiens Weg in die Nato zu blockieren. Ländern, die in ungelöste Konflikte verwickelt sind, kann das Militärbündnis die Aufnahme aus formalen Gründen verweigern. Für Georgien, das sich aus vollem Herzen zum Westen bekennt, ist das besonders schmerzhaft.

40 Prozent unter Armutsgrenze

«Niemand hat mit dem Krieg sein Ziel erreicht», sagt der Politologe Paata Sakareischwili in Tiflis. Hinter ihm reiht sich ein bunter Ordner an den anderen. Darin hat der einstige georgische Minister für Versöhnung die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen dokumentiert. «Georgien hat sich in eine komfortable und gleichzeitig gefährliche Lage manövriert: Es versteckt im Schatten des aggressiven Russlands seine eigenen Sünden. Es ist bequem zu sagen, der Russe sei der Feind und Europa agiere passiv», sagt Sakareischwili. Es müssten «mutige Schritte» her, Schritte, die eine gewisse Zusammenarbeit mit den abtrünnigen Provinzen ermöglichten. Die georgische Führung aber habe Angst vor Kritik der Opposition und wolle «nichts verderben».

Die Situation ist verfahren. Das Land, das in einer Region voller Autokratien als «Insel der Demokratie» gilt, hat einen Abgrund zwischen sich und den beiden abtrünnigen Provinzen geschaffen. Dabei, so sagt Tedo Dschaparidse, der aussenpolitische Berater des georgischen Ministerpräsidenten, könne Georgien als Beispiel für Länder dienen, die auf dem schwierigen Weg zur Demokratie seien.

Der 71-Jährige, der in seinem ausladenden Sessel der georgischen Staatskanzlei in Tiflis gern aus georgischen Filmen zitiert, sagt: «Wir haben immer viel über Territorien gesprochen und wenig über die Menschen, die Abchasen, die Osseten. Wir müssen Fehler anerkennen, die wir, Georgier, begangen haben. Es liegt alles an uns. Europa ist derzeit ohnehin stark mit sich selbst beschäftigt.»

Eine Mittelklasse müsse sich entwickeln, eine lebhafte Zivilgesellschaft. Das wünschen sich viele in diesem Land, in dem 40 Prozent der Bevölkerung weit unter der Armutsgrenze leben. Vielleicht, so hoffen einige, gebe man dann auch mehr Freiheiten an die Abchasen und die Osseten – «und dann kommen sie zu uns zurück». «Ein ganz ferner – und ganz schöner Traum», sagt Raissa Odischwili zwischen den roten Dächern von Zerowani.

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