Ein Thronwechsel voller Erwartungen versetzt eine sonst eher nüchterne Nation in Euphorie. Viele Japaner empfinden den Kaiserwechsel zum Monatsende als ein nationales Grossereignis, das einmalig in einer Generation ist. Seit Tenno («Kaiser») Akihito die regierungsamtliche Erlaubnis für seinen erwünschten Rückzug zu Lebzeiten erhielt, fiebert das Land dem kaiserlichen Amtswechsel entgegen. Der feierliche Übergang in der ältesten Erbmonarchie der Welt soll würdig und nach striktem Protokoll, aber mit dem nötigen Traditionspomp ablaufen. Auch das Volk soll seine Freude haben. Um die Kaiserstimmung anzuheizen, hat die Regierung zehn aufeinanderfolgende Feiertage ausgerufen. Vom 27. April bis zum 6. Mai ist auf dem gesamten Inselreich Urlaub angesagt.

Die grosse Abdankungszeremonie für Akihito findet am heutigen Dienstagnachmittag im schönsten Palastzimmer, der «Kiefernkammer», statt und wird nur zehn Minuten andauern. Zu dieser Feier, die live im Fernsehen übertragen werden soll, sind 300 prominente Japaner geladen. Premierminister Shinzo Abe wird dem Kaiser an dessen letztem Amtstag seine Dankbarkeit bekunden. Danach wird sich der beliebte 85-jährige Monarch ein letztes Mal von seinem Thron an seine Untertanen wenden. Es ist das erste Mal seit gut 200 Jahren, dass nicht der Tod das Ende der Kaiserzeit bestimmt, sondern der freie Wille des Regenten.

Des Kaisers Schwerter und Juwelen

Am Tag danach wird Akihito die Kaiser-Würde symbolisch an seinen ältesten Sohn, Kronprinz Naruhito, weiterreichen. Mit der geheimnisvollen Übergabe der «Drei Heiligen Schätze» sowie der kaiserlichen Siegel wird der 126. Tenno von Japan praktisch in sein Amt gehoben. Von diesen wertvollen Gegenständen wird gesagt, dass sie die 2600 Jahre alte Dynastie begründet und begleitet haben. Der Besitz des mystischen Spiegels, des legendären Schwertes und eines unergründlichen Juwels sind die praktische Legitimation des neuen Kaisers.

Es gibt jedoch weder offizielle Zeichnungen noch Fotos von diesen Kostbarkeiten. Nicht einmal der Tenno selbst wird sie zu Gesicht bekommen. Kostbare Stoffe verhüllen die Insignien. Seltsam an dieser Zeremonie ist auch, dass weibliche Mitglieder der kaiserlichen Familie daran nicht teilnehmen dürfen.

Klarer ist, was danach geschieht. Nach der feierlichen Amtsübergabe wird der 59-jährige Kaiser Naruhito seine erste mit Spannung erwartete Ansprache als Kaiser halten. Er wird dabei auch einen Eid auf die Verfassung leisten und geloben, dass er seine Pflichten als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes erfüllen wird. Genau so ist das Amt beschrieben, regieren darf auch dieser Tenno nicht. Er soll sich auch aus aktuellen politischen Debatten heraushalten.

Für alle Japaner, ob sie der Monarchie gewogen sind oder nicht, beginnt am 1. Mai eine neue Ära, deren Name aus praktischen Gründen bereits einen Monat vorab ausgerufen wurde. Schon allein diese Angelegenheit hielt Japan monatelang in Atem. Der neue Kaiser wird unter dem Motto «Reiwa» agieren, übersetzt in etwa «schöne Harmonie». Jeder kann sich etwas anderes darunter vorstellen. Die Auswahl traf ein Gelehrten-Team, die Entscheidung die Regierung.

Formell und international wird der neue Tenno erst im Oktober gekrönt. Bis dahin wird er sich relativ rar machen und seinem Volk nur am 4. Mai auf dem verglasten Balkon des Tokioter Palastes zuwinken – sechs Mal im Stundentakt. In voller Würde besteigt Naruhito dann am 22. Oktober offiziell den Chrysanthemen-Thron. Zu dieser grossen Krönungsfeier sind Staatsgäste aus rund 200 Ländern eingeladen. Anschliessend wird sich das Kaiserpaar dem Volk und den hochrangigen Besuchern bei einer Parade durch das Zentrum Tokios zeigen. Am kommenden Tag wird Premierminister Shinzo Abe zu einem Staatsbankett einladen.

Von der Thronfolge ausgeschlossen

«Wenn ich über die kommende Zeit nachdenke, werde ich sehr ernst», erklärte Naruhito auf der Pressekonferenz zu seinem 59. Geburtstag im Februar. Sorgen plagen ihn auch wegen seiner Frau, die seit Jahren mit Krankheiten zu kämpfen hat und bislang unter dem Hof sehr gelitten hat. Kronprinz Naruhito und Masako sind seit 1993 verheiratet. Für ihn war es die grosse Liebe, die damalige Diplomatin hatte lange gezögert, ob sie es nicht besser bleiben lassen sollte. Beide haben eine 17-jährige Tochter, die nach den japanischen Regeln als Frau in der künftigen Thronfolge keine Rolle spielt. Traditionalisten beharren darauf, dass die imperiale Familie das Modell für die paternalistische Gesellschaft bleiben soll.

Die älteste Erbmonarchie der Welt ist eben auch eine verstaubte Veranstaltung, obwohl Akihito in seiner 30-jährigen Regentschaft einiges modernisiert hat. Er und Kaiserin Michiko reisten so viel wie keine Monarchen zuvor durch Japan und sprachen dabei besonders den Opfern der schweren Naturkatastrophen Trost zu. Das Kaiserpaar hatte auch mehrere Länder besucht, auch solche, die unter japanischen Kriegsgräueln gelitten haben. Der kommende Tenno verspricht, nicht nur in diese Fussstapfen seines Vaters zu treten. Er wolle nach einem Weg suchen, «um das Kaisertum an die wandelnden Zeiten anzupassen».

Den Traditionalisten jedoch ging bereits sein Vater zu weit. Sie bestehen darauf, dass es die Aufgabe des Kaisers sei, in einer Welt voll von geheimnisvollen Shinto-Ritualen für den Frieden und das Glück der Nation zu beten.