Formel E

«Da ist man stärker gefordert»

Neel Jani mit dem Porsche Taycan Prototyp

Neel Jani mit dem Porsche Taycan Prototyp

Porsche steigt im November offiziell in die Formel-E ein. Beim Saisonfinal in New York trafen wir den Schweizer Werkspiloten Neel Jani.

Noch schaut sich Neel Jani den Final der ABB FIA Formel-E-Meisterschaft am Rande des Stadtkurses an. Doch schon bald mischt der Schweizer Rennfahrer selber mit. Ab November, wenn der Formel-E-Zirkus beginnt und die Elektro-Rennwagen in Innenstädten rund um den Globus wieder ihre Runden drehen, sitzt der
Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans (2016) selber im Cockpit eines Elektro-Renners. Und zwar als Werks- und erster Stammfahrer des legendären Sportwagenbauers Porsche, der dann ebenfalls in der Meisterschaft in die Formel-E einsteigen wird. Fahrer Nummer zwei ist der Deutsche André Lotterer.


Vor Blicken geschützt
Technische Angaben über den Stuttgarter Stromer oder gar Fotos gibt es (vorerst) aber nicht. Das Projekt ist bis zur Präsentation des Renners im August geheime Verschlusssache. Ähnliches gilt für den ersten rein elektrisch angetriebenen «Strassen-Porsche», den Taycan, für den laut Porsche weltweit bereits 20 000 Bestellungen vorliegen. Sorgsam zugeklebt und so vor neugierigen Blicken geschützt – selbst das Interieur ist abgedeckt –, dreht Jani mit Journalisten und Gästen von Porsche an Bord eines Prototyps ein paar schnelle Runden über den temporären Stadtkurs am Ufer des East Rivers im New Yorker Stadtteil Brooklyn, wo gerade der Final der Formel-E stattfindet. Und da zeigt der 600 PS starke und elegante Taycan in den Rennpausen, was er drauf hat: ein sagenhaftes Drehmoment und eine extrem hohe Bodenhaftung. Jani zeigt sich nach den Demo-Runden mehr als nur zufrieden. «Wie unser Formel-E-Fahrzeug hat der Taycan einen Porsche-Antriebsstrang, der auf Performance und Zuverlässigkeit ausgelegt ist.» Und: «Ob Rennwagen oder Serienmodell: Es ist von enormer Bedeutung, in der Testphase viele Kilometer zu fahren und dabei Erfahrungswerte zu sammeln.» Der Taycan-Prototyp hat bereits Auftritte auf drei Kontinenten absolviert.

Wie der Bohrer beim Zahnarzt
Jani steht vor der Schlussfahrt auf der Terrasse des noblen Emotion-Clubs der Formel-E, wo Sponsoren und Gäste der Autohersteller Champagner schlürfen und Schneisen in die kalten und warmen Buffets schlagen – für 1700 Dollar pro Kopf, wohlverstanden. Unten auf der 2,3 Kilometer langen Rennstrecke ist derweil ein lautes hochfrequentes Sirren zu hören, das irgendwie an das Geräusch eines Bohrers beim Zahnarzt erinnert. Dort ist der Formel-E-Final ist in vollem Gange.
Die bunt beklebten Boliden schiessen über die knapp zwei Kilometer lange temporäre Rennstrecke und bremsen vor einer Haarnadelkurve scharf ab. Qualm steigt auf, es riecht nach verbranntem Gummi, und manchmal scheppert es gewaltig, wenn Bodenbleche der extrem tiefgelegten Elektrorenner die Fahrbahn berühren. Der New Yorker Stadtkurs ist eng, das Gedränge vor den «Spitzkehren» gross. Wenig später gibt’s in der letzten Runde sogar noch eine veritable Massenkarambolage. In den Gesichtern des Publikums ist Faszination und gleichzeitig auch eine Spur von Schrecken zu lesen. Willkommen bei der Formel-E!

Man fährt auch da im Kreis
Jani freut sich auf seinen Einsatz als Stammfahrer und Werkspilot bei Porsche. «Das wird spannend, und es ist für mich eine Ehre, für Porsche fahren zu dürfen», sagt der sympathisch und bescheiden auftretende Rennfahrer.
Zwischen der Formel-1 und der Formel-E gebe es eigentlich keinen Unterschied, meint er im Gespräch und lacht: «Man fährt auch da immer nur im Kreis rum.» Doch Spass beiseite. Die Formel-E ist gemäss seinen Worten ganz etwas anderes. Vor allem wegen einem: «Während des Rennens ist man in strategischer Hinsicht stärker als in der Formel-1 gefordert, vor allem was den haushälterischen Einsatz von Energie und der softwarebasierten Systeme angeht», erklärt Jani. Auch die engen Stadtkurse würden hohe Ansprüche an das fahrerische Können stellen.

Erste Tests sind erfolgreich verlaufen
Die ersten Testfahrten mit dem schwäbischen Formel-E-Renner sind erfolgreich verlaufen. Er liegt gemäss Jani toll auf der Strasse. «Es macht mir grossen Spass, den Renner zu fahren.» Sich auf die Formel-E vorzubereiten, stellt seiner Meinung nach selbst für einen erfolgreichen Autobauer wie Porsche eine grosse Herausforderung dar. Das hat einen besonderen Grund: «Wir können unser Fahrzeug nur auf normalen Rennstrecken testen. Wie es sich letztlich in den engen Stadtkursen der Formel-E verhalten wird, wissen wir aber erst während des Rennens.»
Jani ist zuversichtlich, dass Porsche diese Hürde schaffen wird. «Nach den Testfahrten habe ich ein gutes Gefühl. Wir sind mit dem Fahrzeug auf dem richtigen Weg», glaubt der Rennpilot.

Darauf kommt es nicht an
Und was ist für ihn denn jetzt emotionaler: Das Grollen eines V8-Motors oder das «Hohe Lied» eines Elektromotors? Jani äussert sich da eher diplomatisch: Klar töne ein V8-Motor schön und aufregend. Darauf kommt es seiner Meinung aber nicht mehr an.
«Die Frage ist vielmehr, ob es die kommenden Generationen in dieser Hinsicht ähnlich wie wir sehen oder ob dann allein die Elektromobilität für Emotionen sorgen wird.»
Vielleicht bewahrheitet sich Janis Prognose sogar. Auf der Fussgängerbrücke, die sich über den New Yorker Stadtkurs spannt, steht jedenfalls der Satz: «The Future of Racing is here» (Die Zukunft des Rennsports ist hier).

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