Coronavirus

Aus Angst nicht zur Schule? In Basel-Stadt entscheidet der Schularzt, in Baselland die Schulleitungen

Wie viele Plätze bleiben am Montag frei, wenn der Präsenzunterricht eigentlich wieder Pflicht wäre?

Wie viele Plätze bleiben am Montag frei, wenn der Präsenzunterricht eigentlich wieder Pflicht wäre?

Einige Eltern haben Angst, ihre Kinder am Montag zur Schule zu schicken. Während in Baselland die Schulleiter das Gespräch suchen und entscheiden, werden Kinder in Basel-Stadt zum Schularzt geschickt. Er beurteilt die Angstzustände und entscheidet abschliessend.

Eigentlich ist alles klar: Am Montag beginnt an den obligatorischen Schulen beider Basel wieder der Präsenzunterricht. Er ist verbindlich und wird sowohl auf der Primar- wie der Sekundarstufe in Ganzklassen durchgeführt. Ausgenommen sind einzig Kinder und Jugendliche, die selbst zu einer Corona-Risikogruppe gehören oder mit einer gefährdeten Person im selben Haushalt leben. Sie können sich ein ärztliches Attest besorgen und dürfen dann weiter im Fernunterricht bleiben.

Doch was ist mit Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken wollen, weil sie grosse Bedenken haben, dass die Corona-Schutzmassnahmen nicht ausreichen? Weil sie oder ihre Kinder schlicht und einfach Angst haben? Hier beschreiten die beiden Kantone unterschiedliche Wege, wie Recherchen der bz zeigen. Die Grundhaltung, welche die Baselbieter Bildungsdirektion und das Basler Erziehungsdepartement (ED) an den Tag legen, ist dabei zwar dieselbe: «Wir empfehlen den Schulleitungen, mit Feingefühl zu reagieren und in einem ersten Schritt das Gespräch mit den Eltern zu suchen», sagt der Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen, Beat Lüthy, gestern zur «Basler Zeitung». Im gleichen Artikel sagt ED-Sprecher Simon Thiriet: «Es hat sich gezeigt, dass Gespräche sehr nützlich sind, um Verständnis bei den Eltern zu schaffen.»

Der Schularzt muss die Angst der Kinder beurteilen

Was aber erst in Gesprächen der bz mit mehreren Schulleitern beider Basel klar wird, ist, dass nur in Baselland die Schulleitungen für die Beurteilung zuständig sind. In Basel-Stadt sollen sich die besorgten Eltern zwar auch dort melden, sie werden dann aber als erstes zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (KID) geschickt, dem früheren schulärztlichen Dienst. Dort finden erste Gespräche statt, die Kinder werden untersucht und je nachdem ein Dispens ausgestellt. Wenn dieser vorliegt, darf das Kind zu Hause bleiben. Diesen Ablauf schildert Matthias Henke, Leiter der Primarschule Sevogel und Co-Präsident des Basler Schulleiterverbands (VSL). «Die Entscheidung treffen nicht wir, sondern der KID», hält er fest.

Doch was kann ein Arzt überhaupt feststellen, wenn es letztlich um Verweigerung geht? «Wenn ein Kind Angstzustände bekommt, weil es sich im Klassenzimmer nicht genügend geschützt fühlt oder auch, wenn die Angst der Eltern einen psychischen Druck für das Kind bedeutet, dann geht es auch um gesundheitliche Gründe», sagt der zweite Co-Präsident des Basler VSL, Götz Arlt, der die Sekundarschule Sandgruben leitet. Arlt wie Henke finden es richtig, dass nicht sie darüber entscheiden müssen. «Ich begrüsse die klare Regelung durch den Kanton. So ein Entscheid darf nicht davon abhängen, ob jemand in Schule X oder Y beurteilt wird», sagt Henke. Bis jetzt seien rund zehn Eltern zu ihm gekommen, ein Drittel wegen Ängsten, der Rest weil sie oder ihr Kind zu einer Risikogruppe gehören. Bei Arlt hat sich wegen grundsätzlicher Bedenken noch niemand gemeldet. Er betont aber, dass man «Brücken baut, wenn jemand nicht von 0 auf 100 in den Präsenzunterricht starten will».

Gefährdete Kinder werden live zur Klasse geschaltet

Im Baselbiet haben die Schulleitungen viel mehr Ermessensspielraum. Das bringt auch Probleme mit sich: «Laut Kanton sollen wir sollen wir mit besorgten Eltern ein aufklärendes Gespräch führen. Doch wirkliche Klarheit haben wir ja selbst nicht», sagt Marianna Hersche. Die Co-Präsidentin der Baselbieter Sektion des VSL beschäftigt sich in ihrer Primarschule Muttenz aktuell mit einer Handvoll solcher Fälle. Sie zeigt Verständnis für die Ängste und möchte kulant sein.

Etwas ist Hersche allerdings wichtig: «Sich weigernde Kinder kann und will ich im Fernunterricht nicht gleich behandeln wie gefährdete. Ich muss eine Linie ziehen, sonst kommen plötzlich immer mehr Eltern und nehmen ihre Kinder aus der Klasse.» Konkret würden in Muttenz Risikogruppen-Kinder per Liveschaltung in den Unterricht ihrer Klasse integriert. Weigerungsfälle hingegen bekämen bloss das Arbeitsmaterial täglich nach Hause geschickt. «Für eine Parallelbeschulung fehlen uns die Ressourcen», so Hersche.

Bussen bloss als Ultima ratio

Etwas ist in beiden Basel allerdings gleich: Theoretisch drohen Eltern, die sich weigern, ihre Kinder trotz Präsenzpflicht in die Schule zu schicken, Bussen von bis zu 5000 Franken. Doch für Kantone wie Schulleitungen ist klar, dass dieser Schritt in der Coronakrise wenn immer möglich vermieden werden sollte.

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