Ballett Basel
20 Jahre Richard Wherlock: «Leiten kann man nur, wenn man Menschen liebt»

Welche Konstanz: Basels Ballettchef Richard Wherlock feiert sein 20-Jahr-Jubiläum. Der Festabend findet nicht statt, doch wir feiern ‒ und blicken zurück.

Elisabeth Feller
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Richard Wherlock: «Basel was the best moment in my life.»

Richard Wherlock: «Basel was the best moment in my life.»

Christian Knörr

«Entfällt»: Als hätte man nicht geahnt, dass diese Premiere am 10. April nicht stattfinden würde. Mit «Ballett auf allen Bühnen» wollte das Theater Basel das 20-Jahr-Jubiläum seines Ballettchefs Richard Wherlock feiern. Doch es soll pandemiebedingt eben nicht sein. Somit werden wir kein Feuerwerk der zeitgenössischen Tanzkunst mit Stücken von Bryan Arias, Sidi Larbi Cherkaoui, Alexander Ekman, Johan Inger, Hofesh Shechter, Ed Wubbe und Richard Wherlock zu sehen bekommen. Was bleibt uns dann? Das, was ein chinesischer Reiseführer immer dann sagte, wenn er nicht mehr weiter wusste: «Machen Sie Fantasie.» Genau das machen wir, indem wir 20 Wherlock-Jahre Revue passieren lassen.

2001 löst der heute 62-jährige Brite den Tanztheater-Spezialisten Joachim Schlömer als Ballettdirektor und Chefchoreograf ab. Die bisherige Wirkungsstätte in Berlin tauscht Richard Wherlock gegen die neue in Basel ein, was er später so kommentiert: «Basel was the best moment in my life.» Er habe zwar gewusst, dass das Publikum in der Rheinstadt dem Tanz «mit grösstem Respekt» begegne, doch jeder neue Ballettdirektor müsse sich zuerst an dieses herantasten, sagte er vorsichtig – und überraschte die Baslerinnen und Basler gleich zu Beginn mit «Wunderbar».

Dieses Werk schien wie die Musik der Beach Boys vor allem für «having fun» zu stehen. Aber insgeheim wusste man schon da, dass die Mischung aus (anscheinend) Unbekümmertem, spielerischer Attacke und schnellem Tempo wohl mehr war als nur Ausdruck einer spassigen Lebensmaxime, die keine Probleme kennt. In Tat und Wahrheit lässt Wherlock diese in vielen seiner Ballette aufscheinen, gerade weil Spass bei ihm zwillingshaft mit Ernsthaftigkeit verbunden ist.

Meilenweit von der «Spitzen-Grazie» entfernt

In «Wunderbar» fächert der neue Ballettchef unterschiedliche – später mannigfach variierte – Paarbeziehungen auf: Frauen und Männer stieben wie bunte Glaspartikel eines Kaleidoskops auseinander; mal erhaschen sie im Flug einen Partner für einen kurzen, jede Innigkeit rigoros vermeidenden Pas de deux oder sie verfallen einer solistischen Vereinzelung. Dabei sind die Tempi nicht nur straff, sondern irrwitzig schnell. Was nicht bedeutet, dass Wherlock gleichsam mit dem Express über seine Choreografie hinwegbraust. Basels Ballettchef betätigt sich sehr wohl als Kartograf mit einem Teleobjektiv von langer Brennweite, was die präzise Zeichnung von choreografischen Details unterstreicht. Beispielhaft dafür stehen etwa das mit langem Anlauf vorbereitete Aufeinanderzustürzen, das Festklammern und die darauf folgende Auflösung in skulptural anmutende Figuren.

Dies alles ist meilenweit von einer «Spitzen»-Grazie entfernt. Nicht zuletzt deshalb, weil Wherlock keine Unterschiede macht zwischen Tänzerinnen und Tänzern. Das Bewegungsvokabular ist für beide ziemlich gleich: Arme und Hände schnellen blitzartig in die Höhe, durchpflügen die Luft oder erschöpfen sich in kreiselnden Bewegungen. Kommt hinzu, dass Hebefiguren nicht allein Sache der Männer, sondern auch der Frauen sind, was die Rollenzuteilung des klassischen Balletts auf den Kopf stellt: so auch im Klassiker «Schwanensee», der bei Wherlock zu «A Swan Lake» wird.

Wer in Basel auf Odette/Odile und Prinz Siegfried hofft, hofft vergeblich. Auch «Giselle», das romantische Ballett schlechthin, liest Wherlock neu. Sein Stück wurzelt zunächst in einer abstrakten Bergwelt; den zweiten Teil situiert der Choreograf im Kloster. Damit greift er ein beliebtes Sujet auf: Die widerspenstige Tochter wird vom Vater ins Kloster gesteckt, auf dass sie gefügig werde.

«Kein Mensch ist perfekt»

Handlungsballette: Wer an Richard Wherlock denkt, denkt gerade an sie. Beispielsweise an «Peer Gynt», «Robin Hood», «Carmen» oder «The Comedy of Error(z)» nach William Shakespeare. Das Z gibt Rätsel auf, aber so lässt es sich knacken. Z ist der letzte Buchstabe im Alphabet. Somit ist er der Richtige, um eine Geschichte der Irrungen zu beenden, die in Wherlocks Lesart nur sehr bedingt an Shakespeares rasante Verwechslungskomödie um zwei Zwillingspaare anknüpft. Der Brite versetzt die Geschichte vielmehr in die Gegenwart; seine Schöpfung erzählt von schmerzlicher Trennung, vom Wiederfinden und vom Aufeinanderprallen konträrer Welten. Die Atmosphäre ist aufgeheizt, weshalb man sich unwillkürlich an Leonard Bernsteins «West Side Story» erinnert fühlt.

Mit Thomas Mann und dessen «Tod in Venedig» nimmt Wherlock sich einmal mehr Grosses vor. Aus Manns Schriftsteller Aschenbach wird nun ein Fotograf gleichen Namens. Einer, der die gegenwärtige – allzeit von allen festgehaltene – Welt nur noch durch die Kameralinse wahrnimmt. Doch dann holt diesen Fotografen eine Krise ein, die ihn wie in einem Fiebertraum an viele Schauplätze führt und mit teils sonderbaren Figuren kurzlebige Bekanntschaft schliessen lässt. Bis er in Venedig auf Tadzio stösst – und diesem verfällt.

Handlungsballette: Richard Wherlock erzählt sie stets im Verbund mit sensibel abgestimmter, sich auch an den Stoffen reibender Musik. Nicht immer mögen einem seine Kreationen als solche von ultimativer Schlüssigkeit erscheinen; manchmal kommen die Geschichten dem Choreografen abhanden. Spannend sind sie jedoch allemal, weil sie zeigen, um was es Richard Wherlock geht: Er will im Theater einen Raum schaffen für das Ausleben von Träumen vor dem Hintergrund einer oft genug bitteren Realität. Liebe, Trauer und Verzweiflung nehmen darin Platz ein – doch getanzt wird solches nicht verbissen, sondern mit jener stupenden Leichtigkeit, Schnelligkeit und technischen Brillanz, die das Ballett Basel auszeichnen.

Nicht umsonst lieben grosse Choreografen wie die eingangs erwähnten, aber auch eine Ballettlegende wie Jiří Kylián die Arbeit mit ihm. Dass Kylián dem Ballett Basel die Aufführungsrechte für das Stück «One of a Kind» überliess, unterstreicht die Exzellenz einer Company, über die Richard Wherlock im Gespräch mit dieser Zeitung einmal sagte: «Ich habe unglaublich viel Freude mit ihr. Leiten kann man eine Company aber nur dann, wenn man Menschen liebt – gerade im Wissen darum, dass kein Mensch perfekt ist.»

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