Jubiläum
150 Jahre Musik-Akademie: «Hier liegt ein Zauber verborgen»

Vor 150 Jahren wurde in Basel die Allgemeine Musikschule gegründet, die Keimzelle der heutigen Musik-Akademie (MAB), die der heutige Direktor Stephan Schmidt als eine «Meisterin des Wandels» beschreibt.

Anja Wernicke
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«Wir machen nicht jeden billigen Unsinn mit», sagt Stephan Schmidt im Interview. Beim Fototermin beweist er trotzdem Humor.

«Wir machen nicht jeden billigen Unsinn mit», sagt Stephan Schmidt im Interview. Beim Fototermin beweist er trotzdem Humor.

Roland Schmid

Ist der Akademie-Gedanke in der heutigen Do it yourself-Kultur noch zeitgemäss?

Stephan Schmidt: In der Tat, vieles entwickelt sich in eine Art Do it yourself-Kultur. Jeder bastelt seinen eigenen Lebenslauf, inszeniert sich, macht sich über Social Media «berühmt». Dabei lernen und üben die Menschen vor allem zu Senden. Kommunikation findet eigentlich nicht statt. Gleichzeitig stellt man fest, dass nur das «analoge» Zusammenleben und das Zusammenwirken als Gegengewicht zu dieser digitalen Vereinsamung und reinen Senderorientierung wirkt. Genau hier ist die Musik-Akademie und die Musik allgemein ein Zukunftsmodell. Musikmachen ist zwar auch Senden, aber es basiert auf gegenseitiger Kommunikation.

Ist die Akademie also eine Gegenbewegung?

Könnte man sagen. Sie ist aber nicht als Gegenbewegung konzipiert. Sie ist ein Modell für ein Zusammenwirken in einer Gesellschaft. Die heutige reine Sendekultur ist dagegen kein Modell, das für die Gesellschaft eine langfristig tragende Zukunftsvision beinhaltet. Sie stellt nur noch das egoistische Individuum ins Zentrum. Wir dagegen sind eigentlich noch moderner: Wir tun wieder Dinge, die für die weitere Entwicklung des sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenlebens von höchster Relevanz sind. Ich würde nicht einer Institution vorstehen wollen, die sich als museal begreift und an Dingen festhalten will, nur weil sie Tradition sind.

Zur Person

Gitarrist & Direktor

Stephan Schmidt (53) stammt aus der Region Donaueschingen/Schaffhausen und erhielt mit 24 Jahren seine erste Anstellung als Professor für Gitarre am Konservatorium Bern. Seitdem ist er sehr eng mit der Schweiz verbunden. Heute ist er mit einer Schweizerin verheiratet, hat drei Kinder und besitzt unterdessen selbst den Schweizer Pass. 2002 wurde er zum Direktor der Hochschule für Musik gewählt und 2012 mit einem Doppelmandat zum Direktor der Musikhochschulen FHNW sowie zum Direktor der Musik-Akademie ernannt.

Ist denn die traditionsreiche Akademie ein schwieriges Erbe? Sie wurde ja in einem eurozentrischen Geist begründet, als man dachte, klassische Musik sei per se die beste.

Immer wieder wurde der Verdacht geäussert, klassische Musik sei Elitenkultur und Musikunterricht sei altmodisch. Aber das ist falsch. Im Gegenteil: Alle Menschen, die hier arbeiten sind offen, interessiert und entwickeln sich ständig weiter. Der Laden brummt im besten Sinne. Deshalb bezeichne ich diese Institution auch als Meisterin des Wandels. Sie lebt von den Menschen, die nicht eine Anstellung suchen, sondern ein Feld, in dem sie aktiv etwas beitragen können. Es heisst ja nicht Klassische Musik-Akademie. Wir arbeiten ständig an allen stilistischen, gesellschaftlichen Phänomen intensiv weiter. Aber wir machen auch nicht jeden billigen Unsinn mit.

Was ist für Sie denn das wichtigste Merkmal der Musik-Akademie?

In den letzten Jahrzehnten wurden die Ausbildungsbereiche gesetzlich wie organisatorisch stark getrennt: Primarschule, Sekundarstufe, Gymnasium, Universität, Hochschulen. Viele Berufsfelder können sich über diese Trennung hinwegbewegen. Die Musik aber nicht. Wer mit Anfängern arbeitet, weiss, dass die Fähigkeit Musik als Beruf wählen zu können, bereits im Anfangsunterricht gelegt werden muss. Laienmusik, Kinderförderung, Jugendförderung, Hinführung zum Beruf und Laienmusizieren von Erwachsenen passiert bei uns unter einem Dach. Zwar sind die Bereiche mit Leistungsaufträgen organisatorisch voneinander getrennt. Doch inhaltlich halten wir den Bezug.

Die Cafeteria ist bei uns der Ort, wo dieser Kontakt sinnbildlich wird: hier sitzen Anfänger neben Weltstars. Unglaublich viele Ideen der Zusammenarbeit werden hier geboren. Der strukturelle und institutionelle Überbau kann diesen Austausch ermöglichen, ihn aber nicht ersetzen. Wenn ich in die Cafeteria gehe, spare ich manchmal in Sitzungen. Ich sehe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich spüre sie, ich kann mich austauschen. Neue Impulse entstehen oft auch durch unvorhergesehene Konstellationen.

Geschichte

Beständiges Wachstum

Die ersten sechs Jahre ist die Allgemeine Musikschule mit rund 180 Schülern an der Herbergsgasse 1 beheimatet, später am Nadelberg 8. 1896 wird Hans Huber zum Direktor berufen, der den Neubau an der Leonhardsstrasse veranlasst. 1905 erfolgt die erste organisatorische Teilung in Musikschule und Konservatorium. 1919 wird ein Subventionsvertrag mit dem Kanton Basel-Stadt unterzeichnet. Nach und nach wachsen die Angebote und Abteilungen, neue Studiengänge wie Schulgesang, Orchesterdiplom und Solistendiplom kommen hinzu. 1933 wird die Schola Cantorum Basiliensis (SCB) als privates «Lehr- und Forschungsinstitut für alte Musik» gegründet. 1954 schliessen sich Musikschule, Konservatorium und SCB zur MAB zusammen. 1975 folgt das elektronische Studio, 1980 die Musikschule Riehen, 1993 das Studio für aussereuropäische Musik (seit 2010 Studio für Musik der Kulturen), 1999 wird die Berufsabteilung der Jazzschule Basel als Abteilung Jazz in die Hochschule für Musik integriert. 2007 wird die Abteilung Forschung an der Hochschule für Musik gegründet und ein Jahr später erfolgt die Integration von Schola Cantorum Basiliensis und Hochschule für Musik in die Fachhochschule Nordwestschweiz.

Wie schlagen Sie Brücken zum Basler Musikleben ausserhalb der MAB?

Wir haben zum Beispiel mitgeholfen das Festival KlangBasel zu gründen - in unserer Freizeit wohlgemerkt. Wir wollen weder die Szene bestimmen noch dominieren. Aber der Kontakt ist uns wichtig. Ich gehe auch zur Verleihung des Basler Poppreises. Wir sind ein offenes Haus. Uns geht es vor allem um eine gute Vermittlung von Musik. Aber wir kommen nicht nur aus Freude am Musizieren zusammen. Bei uns geht es um gewisse Ziele. Doch wir sind gleichzeitig ein Teil der Basler Musikszene, die wie wir wissen, unglaublich reich und vielfältig ist. Das möchte das Festival zeigen. Viele Festivals trumpfen mit eingeflogenen Stars auf. Aber KlangBasel möchte im Gegensatz dazu bewusst und erlebbarmachen, was die fantastische Szene vor Ort zu bieten hat.

Was ist die grösste Herausforderung für die Akademie heute?

Die Herausforderung ist – wie eigentlich schon immer - in einem öffentlich-rechtlichen Umfeld transparent darzustellen, warum wir finanzielle Unterstützung brauchen und wahrnehmbar zu machen, dass unser Tun für die Gesamtheit von Bedeutung ist. Wir sind kein Elite-Club! Wir sind kein Exzellenz-Bereich nur für Wenige. Wir sind für alle da. So lange es Menschen gibt, hoffen wir auch, dass Musik gemacht wird. Gute Musik.

Wenn Sie frühere Direktoren treffen würden, wie würden die auf die heutige Situation reagieren?

Wahrscheinlich würde jeder Vorgänger – es gab ja noch nie eine Frau als Direktorin – erst einmal schimpfen, dass es heute nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Ich würde erwarten, dass jeder viel Kritik anbringt, aber vielleicht auch staunen kann über das, was heute anders ist. Ob es auch besser ist, weiss ich nicht. Jede Generation hat eigene Massstäbe. Früher war sehr klar, was Qualität ist. Das ist heute anders. Auch provozieren ist nicht mehr so leicht möglich.

Aktueller Stand

Struktur und Zahlen

Die Musik-Akademie Basel (MAB) vereint heute eine Vielzahl von Ausbildungsstäten: 4000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene erhalten Unterricht an der Musikschule Basel oder Riehen, an der Musikschule der Schola Cantorum Basiliensis, an der Musikschule Jazz, am Studio für Musik der Kulturen oder am erst kürzlich gegründeten Institut Weiterbildung der Musik-Akademie. Die Hochschule für Musik und die Schola Cantorum Basiliensis bilden zusammen die «Musikhochschulen FHNW» und gehören somit zu der 2006 gegründeten Fachhochschule Nordwestschweiz. Ein Kooperationsvertrag regelt die Zusammenarbeit von MAB und Fachhochschule. An den Musikhochschulen FHNW werden rund 600 Musikerinnen und Musiker für musikpädagogische Berufe oder die Konzertlaufbahn ausgebildet und arbeiten an aktuellen Forschungsthemen rund um Musik. Der Kanton Basel-Stadt subventioniert die MAB mit jährlich 13 Millionen Franken für Leistungen im Nichthochschulbereich.

Ist dieser Wegfall der starren Massstäbe auch eine Erleichterung?

Die starren Werte oder Richtlinien wurden bewusst aufgebrochen. Der Effekt ist, dass damit auch Orientierungslinien verloren gegangen sind. Und: Was früher revolutionär war, gilt manchmal plötzlich als konservativ. Dieser Aufbruch der Werte erzeugt Unsicherheit. Soll man sich eine Rückkehr wünschen und sein Heil in sogenannten klaren Werten suchen? Das wäre ein Irrtum, glaube ich. Aber der Umgang mit der heutigen Prämisse «Alles ist möglich» ist eben auch nicht einfach. Entweder, man freundet sich mit der Offenheit an oder man kippt in einen neuen Fundamentalismus. Es braucht meiner Meinung nach positive und zuversichtliche Leitfiguren, die nicht wegen einer vereinfachenden Eindeutigkeit als Vorbilder fungieren, sondern wegen ihrer Nachvollziehbarkeit und Sinnhaftigkeit.

Wie wird diese Erkenntnis den Studenten vermittelt?

Wir können da nur vorleben. Junge Menschen dürfen an ihren idealistischen Zielen und Berufszielen auch mit einer grossen Prise Jugendlichkeit, vielleicht gar Naivität arbeiten. Ein Beispiel: Zu mir kam mal von sehr weit her ein Gitarrist, der sagte, er wolle der beste Gitarrist der Welt werden. Aber ich antwortete, er sei da bei mir an der falschen Adresse. Ich möchte helfen, hervorragende Musiker auszubilden, die solche Kategorien vermeiden. Also versuche ich zu vermitteln, welche Einstellung es braucht, um im Musikerberuf zurechtzukommen. Seien wir ehrlich: schöner, schneller und virtuoser zu spielen, ist für Junge vielleicht eine Art Urmotivation. Aber sie darf nicht zum Gefängnis werden. Auch ich hatte eine Lebensphase, in der ich als Preisträger durch die Welt gereist bin und immer die Rolle des Virtuosen bedienen musste. Ich wollte aber eigene Programmideen verwirklichen und merkte bald, dass sich meine persönliche Entwicklung mit dieser Rolle nicht vereinbaren liess. Ich habe dann versucht, Kompromisse zu finden. Aber das hat nicht immer funktioniert.

Wie sind Sie dann vom preisgekrönten Solisten zum Direktor geworden?

Das war eine Art Unfall. In Organisation und Verwaltung mitzuarbeiten, war nie mein direkter Wunsch, aber ich wollte Dinge möglich machen. Als 1997 ein guter Freund und Musikerkollege von mir tödlich verunfallt ist, hat mich das in eine sehr nachdenkliche Phase gestürzt. Gleichzeitig sind einige grössere Projekte geplatzt. So habe ich begonnen, am Berner Konservatorium, wo ich damals unterrichtete, Projektideen einzubringen. Diese wurden überraschenderweise schnell angenommen und bereits ein Jahr später, habe ich eine Musikwoche mit der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja organisiert. Das hat mich sehr beflügelt. Als Direktor bin ich weniger nah an den Projekten dran und das fehlt mir manchmal. Andererseits verstehe ich mich weiterhin als Ermöglicher und keinesfalls als Bestimmer. Der Lohn für die organisatorische Arbeit sind die warmherzigen und inspirierenden Menschen, die hier arbeiten. Ich habe es schon einmal gesagt: Der Laden brummt und ich bin überzeug, dass irgendwo hier ein Zauber verborgen liegt, der die Akademie zu einem besonderen Ort macht.

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