Fall Curt Glaser

Abfindung in unbekannter Höhe: Kunstmuseum Basel findet eine Einigung mit den Glaser-Erben

Eine Abfindung, eine Ausstellung, aber keine Rückgabe. (Archivbild)

Eine Abfindung, eine Ausstellung, aber keine Rückgabe. (Archivbild)

Der Deal mit den Nachkommen des jüdisch-stämmigen Kunstsammlers: Es gibt eine Abfindung, eine Ausstellung, aber keine Rückgabe der Werke.

Ein Jahr lang hat die Kunstkommission des Kunstmuseums Basel mit den Anwälten verhandelt, bis Anfang Jahr eine Einigung erzielt werden konnte. Nun ist sie öffentlich: Die Erben des jüdischen Kunstsammlers Curt Glaser erhalten eine Abfindung in unbekannter Höhe. Gleichzeitig bereitet das Kunstmuseum Basel eine Ausstellung vor, die Glaser als Sammler, Kunsthistoriker und Museumsleiter zeigen, zusammen mit den Werken, die das Kunstmuseum 1933 bei einer Auktion aus seiner Sammlung erstanden hat. Eine Restitution der Kunstwerke findet jedoch nicht statt.

Mit der Einigung hat das Kunstmuseum eine «faire und gerechte Lösung» nach den sogenannten «Washington Principles» von 1998 gefunden. Diese Vereinbarung, die auch von der Schweiz unterschrieben worden ist, verlangt, dass im Fall von Verlusten von Kunstwerken zur Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten nach einer grosszügigen wie einvernehmlichen Lösung gesucht werden soll.

Der historische Hintergrund ist ein Konvolut von knapp 200 Grafiken und Zeichnungen, die das Kunstmuseum bei einer Auktion im Mai 1933 in Berlin ersteigert hat. Glaser hatte in dieser Zeit seine umfangreiche Kunstsammlung weitgehend abgestossen, wobei die Motivlage bis heute mehrdeutig geblieben ist. Denn zum einen war kurz zuvor seine erste Frau gestorben, mit der er zusammen die Kunstsammlung aufgebaut hat, und Glaser hatte die Absicht, mit einer deutlich jüngeren Frau ein neues Leben zu starten. Doch Glaser musste auch seine grosszügige Wohnung verlassen, weil die Gestapo das Gebäude für sich nutzen wollte. Glaser, der zwanzig Jahre zuvor vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertierte, stand offenkundig unter zunehmendem Druck der Nationalsozialisten. Dass er seine Wohnung aufgeben musste, hatte nach der historischen Forschung aber eher nichts mit seiner jüdischen Herkunft zu tun. Damit zu tun hatte aber sehr wohl, dass er ebenfalls im Frühjahr 1933 seine Stelle als Direktor der Berliner Kunstbibliothek durch eine frühzeitige Pensionierung verlor.

Kunstkommission verfasste Grundlagenbericht

Die Basler Regierung hatte 2008 ein Begehren der Erben auf Restitution der Werke abgelehnt. Die Forderung kam in der Schweiz wieder auf, nachdem das Kunstmuseum Bern die Gurlitt-Sammlung bei sich aufgenommen hatte und damit auch die strengeren Restitutions-Massstäbe der deutschen Museen übernahm. Nach einem Bericht der «Rundschau» rückte damit auch die Glaser-Sammlung in Basel wieder ins Scheinwerferlicht. Da in den vergangenen Jahren gleich reihenweise deutsche Institutionen mit den Glaser-Erben Restitutions-Vereinbarungen getroffen haben, stand damit auch das Kunstmuseum Basel unter Druck, eine Lösung zu finden.

Die Kunstkommission, ein beratendes Gremium für die Regierung und das Kunstmuseum, verfasste zusammen mit Experten des Kunstmuseums 2019 einen 170-seitigen Grundlagenbericht, der die verschiedenen Aspekte würdigt. Die Kommission kommt zum Schluss, dass Glaser als Opfer des Nationalsozialismus zu gelten habe und deshalb die «Washington Principles» zur Anwendung kommen sollen. Der Erwerb durch das Basler Kunstmuseum im Jahr 1933 stelle aber kein wesentliches Unrecht dar, womit eine Rückgabe (Restitution) der Werke nicht gerechtfertigt wäre. Glaser, der später über die Schweiz in die USA emigrierte, habe «über eine vergleichsweise grosse Freiheit verfügt, gewisse Kunstwerke zu verkaufen und andere zu behalten». Damit stützt die Kunstkommission einen Entscheid der Basler Regierung, die vor zwölf Jahren eine Forderung der Glaser-Erben abgelehnt hatte. Es gebe keinen Anlass «von der rechtlichen Einschätzung des Kantons aus dem Jahr 2008 abzuweichen», schreibt die Kommission in ihrem Bericht.

Bereits bevor die Kunstkommission mit den Erben konkrete Gespräche aufnahm, machte sie die Empfehlung, mit einer besonderen Ausstellung eine Form der Wiedergutmachung  zu leisten. Über die Höhe der finanziellen Entschädigung haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. Aus dem Untersuchungsbericht geht jedoch hervor, dass damit vor allem auch die Anwalts- und Reisekosten der Erben beglichen werden könnten. Da das Geld zudem dem Ankaufskredit der öffentlichen Kunstsammlung entnommen wird, ist davon auszugehen, dass die Limite von einer Million Franken nicht überschritten wird.

Autor

Christian Mensch

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