Herzstück
Adventsbrief an meine Enkeltochter (2)

Martin Dürr
Martin Dürr
Merken
Drucken
Teilen
«Meine Liebe, das Jahr geht seinem Ende entgegen», beginnt Pfarrer Martin Dürr seinen Adventsbrief an seine zweijährige Enkelin. (Symbolbild)

«Meine Liebe, das Jahr geht seinem Ende entgegen», beginnt Pfarrer Martin Dürr seinen Adventsbrief an seine zweijährige Enkelin. (Symbolbild)

Meine Liebe, das Jahr geht seinem Ende entgegen. Es war sowohl ein langes als auch ein kurzes Jahr. Meine Wahrnehmung der vergehenden Zeit ändert sich stark, je nachdem, ob ich denke: «Schon bald ist wieder Weihnachten, es geht immer schneller», – oder wenn ich überlege, was alles geschehen ist in den vergangenen zwölf Monaten. Auf den Fotos vom letzten Dezember sehe ich noch fast ein Buschi. Du konntest schon einige Worte sagen. Jetzt machst du bereits Sätze - Worte lernst du mit Leichtigkeit jeden Tag dazu. Du singst manchmal selbstvergessen; manchmal willst du ein Lied von mir gleich zwanzig Mal hintereinander hören und mitsingen. Es gibt Momente, in denen du alles selbst machen willst – wehe, ich versuche dir zu helfen! Und dann wieder willst du einfach gehalten werden oder ein Bilderbuch gemeinsam anschauen. Mich erstaunt immer wieder, wie klar du deine Bedürfnisse ausdrücken kannst. Manchmal bin ich nach unserem wöchentlichen gemeinsamen Nachmittag zwar durchaus müde, aber immer glücklich. Nicht nur du lernst Neues dazu, ich auch.

Ich sehe manche Dinge durch deine Augen neu. Das kann ein Käfer im Garten sein oder ein Hund auf der Strasse. «Das ist ein lieber Hund», machst du dir und mir Mut, wenn ein stets übel gelaunt aussehender Mops mit seinem stets übelgelaunt aussehenden Besitzer vorbeispaziert. Die Angestellte im Coop, die mich früher einfach routiniert freundlich bedient hat, ruft dich schon von weitem bei deinem Namen. Mein Ansehen bei ihr ist beträchtlich gestiegen, schliesslich bin ich dein Grossvater. Oft strahlst du die Menschen an, und sie können nicht anders, als sich zu freuen. Du kannst durchaus wählerisch sein mit deiner Zuneigung, es muss nicht gleich jede meinen, sie könne dir zu nahe kommen. Es gibt leider Menschen, die ein Nähe-Distanz-Problem haben; einige haben das als Kinder wohl nie gelernt (oder durften nie Nein sagen, wenn ihnen jemand zu nahe kam).

Etwas anderes, das ich von dir lerne: Für dich gibt es nur das Jetzt. «Jetzt spielen», nicht später. Himbeeren jetzt, nicht erst Gemüse essen. Manchmal muss ich natürlich darauf bestehen, dass es ein «Jetzt nicht» oder «noch nicht» gibt. Erst Jacke und Schuhe anziehen, sonst können wir nicht raus und rennen. Als Erwachsene haben wir gelernt, dass es ein Vorher und ein Nachher gibt und nicht immer nur gerade das, was Spass macht. Andererseits: Haben wir das tatsächlich gelernt? Können wir ganz im Jetzt leben und trotzdem auch mal warten, weil sich nicht alle Wünsche sofort erfüllen? Können wir das Leben heute geniessen und trotzdem nicht vergessen, dass es auch morgen und übermorgen für Kinder wie dich eine Welt braucht? Gar nicht so einfach. Dass jeden Tag im Adventskalender nur ein Türchen aufgeht, ist eine gute Übung. Das macht das Leben spannender, als wenn immer gleich alles zu haben ist.

Was mich bei allem aber am meisten berührt: Dass du mir vertraust. Das ist ein riesiges Geschenk. Das Jetzt mit dir ist wunderbar.

Pfarrer Martin Dürr

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.