Brennpunkt

Barbusig, Bikini oder Burkini? Das neue Nebeneinander im Fraueli

Neben den Corona-Schutzmassnahmen findet man am Eingang des Frauelis auch die Regeln, die im Frauenbad vorherrschen.

Neben den Corona-Schutzmassnahmen findet man am Eingang des Frauelis auch die Regeln, die im Frauenbad vorherrschen.

Nach den Musliminnen sorgen jetzt vor allem ältere Einheimische für Unruhe im einzigen Frauenbad weit und breit. Und wegen den Corona-Reisebeschränkungen steigen die Besucherinnenzahlen zusätzlich an. Menschenmassen, Hitze und scheinbar unüberwindbare kulturelle Differenzen. Gut, gibt es da Leute, die einen kühlen Kopf bewahren. Etwa Mediatorin Bea Kurz.

«Schauen Sie, das ist interessant. Die Frauen kommen verhüllt und schwupp sind sie sexy wie alle anderen auch». Bea Kurz lacht und man merkt: Sie ist hier im Fraueli zu Hause. Von allen Seiten her wird sie gegrüsst. «Ja, man scheint mich zu kennen». Wieder lacht sie. Der Sommermorgen ist zwar lau, es ist aber ruhig im Eglisee, der grosse Ansturm scheint ausnahmsweise auszubleiben. Beim kurzen Fotoshooting wird schnell klar: Einzelne Badegäste überwachen das Geschehen im Eglisee strengstens. Aus der Ferne wird die Szenerie genaustens und sehr kritisch beäugt.

Seit nunmehr acht Jahren hat Bea Kurz das Mandat als Mediatorin im Fraueli inne. Erlebt hat sie viel. Gutes und Schlechtes. Stets Herausforderndes. Dass sie den Job aber mit Herzblut ausübt, daran scheint sich nichts geändert zu haben. Im Gegenteil: «Ich wollte mich eigentlich ein wenig zurückziehen. Ich werde aber geschätzt – und auch nicht geschätzt. Auf alle Fälle kann ich meine Rolle hier nicht einfach wie ein Hemmli ausziehen.» Sie halte sich jetzt aber mehr im Hintergrund und stehe bei Konflikten auf Abruf für die Schlichtung zur Verfügung. Kurz ist also so etwas wie die gute Seele des Frauelis.

Zwei Welten treffen aufeinander

Auch wenn es sehr normal wirkt - im Frauenbad gibt es keine normalen Tage. Zu beliebt ist das einzige öffentliche Gartenbad weit und breit, in dem Frauen ganz unter sich bleiben können, zu bunt das Publikum – und zu unterschiedlich seine Ansprüche.

Zwei Welten treffen im «Fraueli» aufeinander: konservative Musliminnen aus dem Elsass auf der einen, Stammgäste auf der anderen Seite, meist einheimische ältere Frauen, die den geschützten Rahmen dazu nutzen, auch mal oben ohne an der Sonne zu brutzeln oder ins Bassin zu steigen. Seit über einem Jahrzehnt schwelt der Konflikt, doch die Lage hat sich entspannt – das bestätigen Stammgäste, aber auch Personal und die Mediatorin Bea Kurz. «Wir haben mit muslimischen Gästen aus Frankreich und Deutschland keine grossen Probleme mehr», sagt Kurz. «Die neuen Regeln werden akzeptiert. Es geht nicht immer ruhig zu und her, es wird gelacht, es ist manchmal laut, aber das ist das Badi-Leben. Das ist eine Tatsache.»

«Man muss versuchen, das gegenseitige Verständnis zu erwecken.»

Bea Kurz ist seit acht Jahren als Mediatorin im Fraueli tätig.

«Man muss versuchen, das gegenseitige Verständnis zu erwecken.»

Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, als sich das Erziehungsdepartement erstmals veranlasst fühlte, Stellung zu beziehen zur «aktuellen Diskussion betreffend der Baderegeln im Frauenbad Eglisee». Die Medienmitteilung vom 27. Juli 2010 trug den Titel: «Baderegeln im Frauenbad sind unmissverständlich und klar.» Mit Strassenkleidung sei Baden verboten, Duschen sei Pflicht, und es könne auch vorkommen, dass männliches Personal anwesend sei. Musliminnen aus dem Elsass hatten sich offenbar nicht an die Regeln gehalten: Es war auch von Aggressionen gegen Bademeister und freizügige Besucherinnen die Rede. Laut Bea Kurz hätten Musliminnen barbusige Frauen auch als «Huren» betitelt. Die «Basler Zeitung» sah schon einen «Kampf der Kulturen im Frauenbad» aufziehen. 

«Musliminnen contra Bademeister»

Doch Wirkung zeigten die ersten Massregelungen offenbar keine. Die «NZZ» widmete sich 2014 dem Clash of (Bade-)Civilations im fernen Nordwesten: «Musliminnen contra Bademeister». Von ganzen Wagenladungen mit kopftuchbedeckten Frauen samt Kindern war in den diversen Medienberichten die Rede, hergebracht von Fahrzeugen mit 67er-Nummern, Département Haut-Rhin, manche auch aus dem Süddeutschen Raum und von noch weiter weg. Diese Gruppen blieben auch im Bad unter sich, nahmen die eigene Verpflegung mit, stiegen mit Leggins, Tüchern oder weiten Burkinis ins Bassin. 2015 sammelten die SVP-Frauen Basel-Stadt sogar Unterschriften für eine Petition. Ihr Ziel: ein Verbot von Burkinis in öffentlichen Bädern im Stadtkanton. Das Problem: Es scheint im ganzen Elsass keine Frauenbadi zu geben.

Fünf Jahre später: die nächste Verschärfung. Die Badleitung und das Sportamt Basel-Stadt sahen sich 2015 genötigt, die Regeln nochmals anzupassen. Ab der Saison 2016 waren nur noch Kleinkinder bis zum Krabbelalter und Personen ab 16 Jahren im «Fraueli» erlaubt. Auch das Baden in weiten Burkinis wurde untersagt. Bis zu zwei weibliche Securitas-Angestellte patrouillierten an heissen Tagen um die zwei Schwimmbecken. Die bz titelte 2016: «Schlagstock und Kampfstiefel sorgen für Ruhe im ‹Fraueli›». Ein neues Merkblatt informierte über die neuen Bestimmungen, auch auf Französisch, ebenso neue Piktogramme. Über der Piktogrammwand am Eingang steht: «Die Regeln werden nicht verhandelt.»

«Die Konflikte, von denen früher berichtet wurde und die einen religiösen Bezug hatten, sind heute ganz klar die Ausnahme.»

Peter Portmann ist Leiter Bäder, Kunsteisbahnen und Gastronomie beim Sportamt.

«Die Konflikte, von denen früher berichtet wurde und die einen religiösen Bezug hatten, sind heute ganz klar die Ausnahme.»

«Das Verbot der Strassenkleidung war unumgänglich», so Kurz. Die Diskrepanz zwischen bekleideten und unbekleideten Badegästen sei einfach zu gross gewesen. «Heute sehe ich auch Musliminnen oben ohne im Fraueli. Beide Seiten können sehr konservativ sein, einfach auf ihre jeweils eigene Art.» Dass Securitas-Angestellte nicht die Lösung sind, hat die Badleitung bald realisiert. Auch Kurz ist sich sicher, dass man im Fraueli «nicht mit der Walze» für Ruhe und Ordnung sorgen kann. «Man muss versuchen, das gegenseitige Verständnis zu erwecken.» Die Besucherinnen, die damals wirklich unbelehrbar gewesen seien, seien in der Zwischenzeit ins Frauenbad nach Freiburg weitergezogen, welches die Regeln (noch) nicht angepasst habe.

Kein Bad für Kinder

Trotz «Zero Tolerance»: Noch immer schienen nicht alle Frauen begriffen zu haben. 2018 klagte Peter Howald, der damalige Leiter des Basler Sportamts, über «parkartige Zustände». Einer Journalistin der «Tageswoche» gab er zur Auskunft, gerade die Musliminnen würden in Scharen auf den Liegeflächen picknicken, die Kinder springen lassen, am Baden seien sie gar nicht so sehr interessiert. «Wir sind aber kein Frauenpark, sondern ein Frauenbad», sagte Howald. «Und vor allem kein Bad für Kinder.» Ein Bad für Kinder ist das Fraueli heute erst recht nicht mehr, denn das Kinderbecken wurde überdeckt. Vor einigen Jahren kam es genau hier zu grossen Problemen: Frauen kamen in Begleitung ihrer Söhne, die weit über sechs Jahre alt waren. «Da sie keine Ausweise auf sich trugen, konnte man sie nicht abweisen», erinnert sich Kurz. «Da kamen Frauen teilweise in Begleitung von 1.80 Meter grossen Männern.»

«Wegen Corona können wir natürlich weniger Frauen reinlassen als sonst», sagt Bea Kurz.

Am Eingang zum Fraueli kann die Schlange gerade an Wochenenden sehr lange werden.

«Wegen Corona können wir natürlich weniger Frauen reinlassen als sonst», sagt Bea Kurz.

Ganz anders tönt es jetzt, zwei Jahre danach, von Peter Portmann, Leiter Bäder, Kunsteisbahnen und Gastronomie beim Sportamt. Er sagt: «Die Konflikte, von denen früher berichtet wurde und die einen religiösen Bezug hatten, sind heute ganz klar die Ausnahme. Das neue Konzept habe sich bewährt. «Wobei man immer fragen muss, aus welcher Perspektive es sich bewährt hat», fügt Portmann an. Er meint damit Stammgäste, die ganz gerne unter sich bleiben würden und denen es am liebsten wäre, es würden gar keine Besucherinnen aus dem Elsass und dem südbadischen Raum eingelassen, von denen wiederum viele Musliminnen seien. «Einige wenige» seien es, sagt Portmann. Doch diese wenigen werden gehört. Denn sie lassen ihren Frust oftmals laut heraus. Was in regelrechten Beschimpfungen gipfeln kann, von denen wohl jede Frau erzählen kann, die regelmässig im «Fraueli» schwimmen geht.

Coronavirus als Deckmantel

Kurz sind diese Frauen ein Dorn im Auge: «Viele überlegen sich einfach nur, was man machen könnte, um muslimische Gäste davon abzuhalten, ins Fraueli zu kommen.» Derzeit werde das Coronavirus sehr stark als Deckmantel für Alltagsrassismus verwendet. In einigen Bädern in Deutschland würden beispielsweise nur noch Ortsansässige reingelassen, um die Ansteckungsrate möglichst tief zu halten, bzw., allfällige Ansteckungen besser zurückverfolgen zu können. «Immer wieder fragen Frauen an, ob man das hier nicht auch so handhaben könnte», erzählt Kurz. Der Hintergedanke sei klar: Ob Corona oder nicht, einige Frauen wollen die Elsässerinnen schlichtweg aus dem Bad haben. Alltagshass und Alltagsrassismus seien eine Charakterfrage, ist sich Kurz sicher.

«Es sind Menschen, die immer nur das halbleere Glas sehen. Diese Menschen streben nicht nach Zufriedenheit, sie sind stets auf der Suche nach Unstimmigkeiten, ob welchen sie sich echauffieren können.» Schon oft hätte man Besucherinnen aufgrund rassistischer Äusserungen des Bades verweisen können. Doch auch hier gilt: Das Fingerspitzengefühl geht vor, denn Eskalationen sollen und müssen verhindert werden, um die oft heiklen Situationen zum Wohle aller Beteiligten möglichst friedvoll auflösen zu können. Auflösen ja, lösen kann man sie oft nicht, denn wenn sich Denkmuster einmal eingebrannt haben (ob kulturell geprägt oder nicht), sind sie kaum mehr revidierbar. Auf beiden Seiten nicht.

Portmann legt Wert darauf, zu erwähnen, dass häufig schlicht unterschiedliche Vorstellungen aufeinanderprallten, wofür ein Frauenbad da sei. Diese Ansprüche seien nicht einfach miteinander zu vereinbaren. «Das zumeist ältere Stammpublikum zum Beispiel will vor allem seine Ruhe haben. Wenn nun eine Gruppe junge Musliminnen auftaucht, die es lustig haben und vielleicht auch mal etwas laut sind, dann fühlen sich andere gestört und es kommt vor, dass sie ihren Ärger auch kundtun.» Bea Kurz vertritt hier eine ganz klare Meinung: Wer Ruhe haben wolle und sich von fröhlichen und etwas lauteren Menschen gestört fühle, der sei zu Hause in der Badewanne wohl am besten aufgehoben.

Wachpersonal steht nur noch selten im Einsatz

Ein weiterer Umstand, der bei den muslimischen Besucherinnen für Unmut sorgte, ist ebenfalls entschärft: Das männliche Personal. «Wir versuchen, das Frauenbad wenn immer möglich mit weiblichem Personal zu bestücken», sagt Portmann. «Falls das einmal nicht machbar ist und ein Mann einspringen muss, so künden wir das an der Kasse und auf unserer Webseite an. So haben die Frauen, die das stört, immer noch die Möglichkeit, auf einen Besuch zu verzichten.» Viele Schweizerinnen fragen regelmässig nach, ob man nicht wieder männliches Personal anstellen könne. «Dann kommen die Musliminnen nicht mehr», zitiert Kurz eine immer wieder getätigte Aussage.

Privates Wachpersonal komme noch immer sporadisch zum Einsatz, sagt Portmann, aber lediglich bei der Kasse: dann, wenn die Warteschlage besonders lange ist und gerade Jugendliche darauf aufmerksam gemacht werden müssen, die Regeln einzuhalten.

Ein weiteres Problem wurde mittlerweile ebenfalls entschärft: Der Umstand, dass immer wieder Haare im Becken schwammen oder in den Garderoben auf dem Boden lagen. «Deswegen werden nun gratis Haargummis verteilt», sagt Portmann. «Frauen mit langem Haar können dieses dann zu einem Zopf binden. So landen weniger Haare im Becken.»

«Viele Frauen schätzen es, nicht immer taxiert zu werden. Oft auch Frauen, die sich sonst nicht wohl fühlen würden», sagt Bea Kurz.

Das Fraueli, eine «herrliche Oase», die für viele Frauen so wichtig ist.

«Viele Frauen schätzen es, nicht immer taxiert zu werden. Oft auch Frauen, die sich sonst nicht wohl fühlen würden», sagt Bea Kurz.

Inoffizielle «Corona-Polizistinnen»

Bis über 2000 Frauen tummeln sich an heissen Tagen im Frauenbad. Wegen Corona können bei einem allzu grossen Aufmarsch die Kassen geschlossen werden. Über diese Massnahme entscheidet der oder die Tagesverantwortliche. Eine Zahl, ab der niemand mehr eingelassen werde, gebe es keine, sagt Portmann. Kurz ergänzt: «Es gibt diese Zahl, aber sie wird nicht öffentlich gemacht, damit Frauen, die sich als inoffizielle «Corona-Polizistinnen» sehen, nicht anfangen zu zählen.»

Schönreden dürfe man nichts, darum gehe es aber auch nicht, sagt Kurz. Das aufeinander zugehen müsse beidseitig geschehen, um zu funktionieren. «Es gibt Runden von muslimischen Frauen, zu denen ich mich sofort dazusetzen und mitessen könnte. Nicht bei allen. Aber das geht ja auch nicht bei allen Schweizerinnen.» Würde man sich gegenseitig nur etwas entgegenkommen, würde vieles einfacher und besser gehen, ist sich Kurz sicher. Die Grundbedingungen für das Funktionieren des gegenseitigen Miteinanders seien Toleranz und die Akzeptanz des Andersseins.

Menschen, die man nicht ändern kann

Das Fraueli füllt sich an diesem Donnerstagmorgen nur langsam. Die Stimmung ist friedlich, die Gespräche vermischen sich in der Luft mit im Wind rauschenden Blättern. Im Becken stehen fünf Musliminnen am Rand versammelt und unterhalten sich angeregt. «Sehen Sie dieses Grüppchen? Da gibt es jetzt einzelne Frauen, die sich daran stören, dass man nicht ganz problemlos ins Wasser einsteigen kann», macht Kurz auf die Frauenrunde aufmerksam. Die Militanten kenne man natürlich, es seien immer wieder die gleichen.

«Es gibt die, die dann freundlich fragen, ob sie rasch vorbei dürften und die, die gleich zur Bademeisterin rennen, um sich zu beschweren.» Gesamthaft habe Kurz das Gefühl, in den vergangenen Jahren hier etwas Tolles zustande gekriegt zu haben. Der grösste Teil der Leute sei sehr zufrieden mit der Ist-Situation. «Bei den anderen wird der Zustand der Zufriedenheit wohl nie erreicht werden können», sagt Kurz und ist sich bewusst, dass es immer Menschen geben wird, die man nicht ändern kann.

Es scheint, als würde das Frauenbad, das kommendes Jahr seinen 110. Geburtstag feiert, bald wieder das, was es eigentlich ist: Ein ganz normales Bad, mit all seinen Freuden, aber auch Konflikten. Ein Mikrokosmos, ein Biotop, das die Gesellschaft abbildet, wie sie ist.

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