Schauspielerin

Basler Filmstar Marthe Keller: «Ich war mein Leben lang verliebt»

Archiv, April 2016

Marthe Keller dreht heute mehr Filme denn je.

Archiv, April 2016

Marthe Keller, Basler Filmstar von Weltruf, über das Leben, den Tod und die Chancen von ungelifteten Frauen.

Wir treffen die Baslerin Marthe Keller (74) in Zürich, in einem etwas düsteren, nach frühem 20. Jahrhundert riechenden Gebäude. Sie gibt Interviews zu einem Film, den sie vor zwei Jahren gedreht hat. Inzwischen seien fünf weitere Filme dazugekommen, bemerkt sie beiläufig. Keller antwortet routiniert, wirkt manchmal distanziert und manchmal nah. Und freut sich, Baseldeutsch sprechen zu können.

Sie spielen in «L’ordre des médecins» eine sterbenskranke Frau im Krankenbett. Ist diese Rolle nicht undankbar?

Marthe Keller: Nein, wie kommen Sie denn darauf! Ist für Sie nur das «dankbar», was quicklebendig ist und sich bewegt? Ich konnte in dieser Rolle «sein» und musste nicht «tun». Das war irgendwie ehrlicher, tiefer. Ausserdem sterbe ich ja fast in allen meinen Filmen (lacht).

Macht es Ihnen eigentlich nichts aus, meist in Nebenrollen aufzutauchen?

Ich will keine Hauptrolle spielen. In «L’ordre des médecins» habe ich wegen des jungen Regisseurs mitgespielt, aber eigentlich auch wegen des einen Satzes, den meine Figur am Schluss spricht: Ich habe das Leben gelebt, von dem ich geträumt habe.

Warum das?

Ich selbst hatte eine grosse Portion Glück und das Leben, das ich mir erträumt habe. Wenn ich einmal sterbe, so stelle ich mir vor, sagt vielleicht jemand wie auf dem Filmset «Schnitt!». Und dann ist es vorbei und ich möchte loslassen können.

Viele Ihrer früheren Schauspielerkollegen sind längst tot. Wie gehen Sie mit den Erinnerungen um?

Diese Woche wurde in Zürich die restaurierte Version von Billy Wilders «Fedora» von 1978 gezeigt. Dabei fiel mir auf, dass ich eine der wenigen aus der Besetzung bin, die noch lebt: William Holden, Hildegard Knef, Henry Fonda – sie alle sind gestorben. Aber eben, wie ich schon sagte: Der Tod gehört zum Leben.

In den vergangenen Jahren haben Sie auffallend viele Filme gedreht. Wie erklären Sie sich das?

Stimmt, ich habe mehr zu tun als früher. Meine Erklärung dafür: Ich habe mich nicht liften lassen. So einfach ist das. Deshalb (wendet sich lachend zum bz-Fotografen) müssen Sie gut aufpassen, in welchem Licht Sie mich zeigen! Im Ernst: Es gibt viele Regisseure in den USA, die nicht mit gelifteten Frauen arbeiten möchten.

Eine doch überraschende Feststellung!

Ja, zumal wir in einer so narzisstischen Zeit leben. Es gibt heute Schauspieler, die nach der Anzahl der «likes» in den Social Media engagiert werden. Das finde ich unglaublich.

Fühlen Sie sich überhaupt noch zu Hause in einer solchen Zeit?

Ja, klar. Ich habe diese Probleme ja nicht. Es gibt Schauspieler, die tun alles, um Rollen zu bekommen. Ich tue nichts – und erhalte sie.

An welchem Ort der Welt fühlen Sie sich daheim?

Ich fühle mich überall dort zu Hause, wo ich gerade bin. Ich bin aber grundsätzlich sehr gerne in Verbier, in den Bergen. Städte mag ich nicht besonders. In Paris wohne ich ab und zu, weil meine Familie dort lebt.

Was bedeutet Ihnen Ihre Heimatstadt Basel?

Es leben leider nur noch mein Bruder und seine Frau dort, sonst niemand mehr. Ich hatte so wunderbare Eltern, die mittlerweile aber verstorben sind. Deshalb bin ich auch nicht so gern in Basel, weil die Erinnerung an sie dort immer ein bisschen schmerzt.

Sie haben viele Jahrzehnte in den USA und Frankreich gelebt. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Schweizer?

Sie sind leider oft ängstlich. Und haben Angst davor, etwas falsch zu machen. Gerade in der Deutschschweiz. Stark sind die Schweizer in der Beobachtung und wenn sie nicht reden müssen. So erkläre ich mir den Erfolg unserer Uhrenindustrie, unserer Grafik und der Fotografie.

Hat die Schauspielerei im Kern nicht auch mit Beobachten zu tun?

Ja, sehr viel. Meine Mutter, die ich über alles geliebt habe, hat mir und meinem Bruder damals in der Wohnung an der Delsbergerallee im «Gundeli» ein Kissen gegeben, damit wir zum Fenster hinausschauen und beobachten können. Deshalb bin ich überhaupt erst Schauspielerin geworden.

War das nicht auch langweilig für ein Kind?

Doch. Aber die Langeweile hat dazu geführt, dass ich meine Fantasie habe walten lassen. Langeweile ist nichts Negatives. Besonders heute, da man nur über Kommunikation spricht und nicht wirklich miteinander kommuniziert.

Also sind Sie doch wie aus einer anderen Zeit?

Sehen Sie: Meine Generation ist so verwöhnt. Wir mussten keinen Krieg erleben, kannten in jungen Jahren Aids nicht. Wäre ich dreissig Jahre jünger, hätte ich den Satz der sterbenden Frau im Film nicht sagen können. Ich war mein Leben lang verliebt und hatte nur schöne Arbeit. Dieses Leben war und ist nicht gespielt. Dafür bin ich dankbar.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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