Stadtcasino
Beethovens letzte Sinfonie von immenser Dimension

Dirigent Giovanni Antonini spricht über Beethovens neunte Sinfonie und über ihre Interpretationsgeschichte. Das Konzert «Beethovens Neunte» wird am 20. September vom Kamerorchester Basel eröffnet und findet im Musiksaal des Stadtcasinos Basel statt.

Christian Fluri
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Der Dirigent Giovanni Antonini mit Leidenschaft und Wissen

Der Dirigent Giovanni Antonini mit Leidenschaft und Wissen

Marco borggreve

Es ist eine sehr fruchtbare Beziehung – die zwischen Giovanni Antonini und dem Kammerorchester Basel. Das machen die CDs auf dem Label Sony mit bisher acht Sinfonien von Ludwig van Beethoven gut hörbar. Antonini, der italienische Dirigent, Blockflötist und Barockspezialist, hat gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern des Kammerorchesters Basel (KOB) einen eigenen Zugriff auf Beethovens Sinfonien entwickelt. Einen Zugriff, der auf die stete Bewegung, die Rhythmik und einen schlanken agilen Klang setzt. Viel Lob und Auszeichnungen haben Antonini und das KOB dafür erhalten.

Nun folgt in zehn Tagen – am 20. September – der Abschluss mit dem Riesenunternehmen «Neunte», Beethovens letzter Sinfonie von immenser Dimension – mit Orchester, Chor und Solisten. Im Schlusssatz vertonte Beethoven Friedrich Schillers «Ode an die Freude». Antonini wartete, bis er die Neunte in Angriff nahm – denn wie bei den vorherigen Beethoven Sinfonien will er nicht einfach noch eine Interpretation dem Wust an Beethoven-Einspielungen zufügen. Er geht der Partitur auf den Grund, studiert unvoreingenommen, was der Musik unter ihrer Oberfläche eingeschrieben ist.

Viele würden die Partitur mit Schillers «Ode an die Freude» im Kopf lesen und nur nach der Bestätigung ihrer voreingenommenen Sicht suchen, moniert Antonini in unserem Gespräch über die Neunte. Der politische Umgang mit der Neunten «war und ist ein Desaster». Antonini zitiert Claude Debussy: Die Neunte «ist das Meisterwerk, über das am meisten Unsinn geredet wurde.» Die Kommunisten hätten die Neunte zur Musik für das Proletariat und die Deutschnationalen zum Monument ihres Landes umgedeutet. Von den Kommunisten bis zu den Nazis haben «alle die Neunte missbraucht».

Die Verbrechen an Beethoven

Das gilt auch für die Dritte: «Im späten 19. Jahrhundert wurde die ‹Eroica› in Bismarck-Sinfonie umbenannt und damit in ein Symbol des Militarismus verkehrt.» Ein krasser Missbrauch: Denn Beethoven selbst hatte seine ursprüngliche Widmung an Napoleon zornig durchstrichen, als sich der vermeintliche Revolutionär als imperialistischer Diktator entpuppt hatte. Antonini erwähnt, dass Beethoven durch die realpolitische Entwicklung in Europa desillusioniert worden sei. Natürlich sei die Neunte ein Plädoyer für die Freiheit, aber eines «von reinem Idealismus».

Obsessiv und rauschhaft

Antonini bezeichnet Friedrich Nietzsches «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» als wichtige Inspirationsquelle für seine Lesart von Beethoven. «Seine Musik ist dionysischer Tanz, die rhythmischen Impulse sind entscheidend, die Musik ist obsessiv, rauschhaft, auch Schreckliches ist in ihr eingeschrieben. Sie ist Feuer und bewegt sich ausserhalb von dem, was es damals an Musik gab», erzählt Antonini mit seiner ganzen Leidenschaft für Beethoven. Sie zu spielen, verlange nach einer Verknüpfung von Geist und Körper. Antonini spricht von einem Abenteuer. Er ist ein Musiker, der immer neu experimentiert.

Antonini kennt die Interpretationsgeschichte der Neunten und setzt sich profiliert davon ab: «Wenn wir uns historische Aufnahmen, zum Beispiel Kurt Furtwänglers Einspielung aus Bayreuth in den frühen 1950er-Jahren oder diejenige Arturo Toscaninis mit dem NBC Orchestra aus der gleichen Zeit anhören, handelt es sich zwar um dieselbe Sinfonie, aber sie klingt völlig anders. Furtwänglers und Toscaninis Zugriffe sind diametral entgegengesetzt. Mein eigener Blick auf die Sinfonie kommt wiederum aus einer anderen Welt, aus der der historisch informierten Aufführungspraxis und dem Spiel auf historischen Instrumenten.» Dabei fühlt er sich Toscanini näher, weil er «stärker auf die Rhythmik achtet und im durchdringenden Blick auf die Partitur objektiver ist». Furtwängler sei pathetischer. Mancher Dirigenten von heute schreite auf Furtwänglers Weg weiter. Ebenso kritisiert er Herbert von Karajans Konzept des «üppigen, luxuriösen Sounds»: «Da gibt es keine Angriffigkeit, kein Vorwärtsdrängen.» Beethovens Musik sei aber kein Denkmal, betont er, sondern unablässige Bewegung. Der Klang des Orchesters müsse biegsam sein. Er fügt an: «In dieser Beziehung können die historischen Instrumente viel mehr als die modernen.»

Für Beethoven haben sich Antonini und das Kammerorchester Basel für einen Mix aus historischen (Trompeten, Hörner, Pauken und die Bögen der Streicher) und modernen Instrumenten entschieden. Sie erreichen so den flexiblen, vorwärtsdrängenden und in die Tiefen greifenden Klang, den Antonini anstrebt.

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