Repo in Mulhouse

«Bourtz ist nicht die Bronx»: Ist das Armenviertel eine Hochburg für Salafismus und Kriminalität?

Bourtzwiller, das grösste Quartier von Mulhouse, ist verarmt, hat eine von Gewalt und Kriminalität geprägte Vergangenheit und beheimatet Menschen, die sich dort dennoch wohl fühlen – und sich weigern, es als ein verlorenes Gebiet zu betrachten.

«Heute ist das Quartier Bourtzwiller, eine Gemeinde, die 1947 der Stadt Mulhouse eingegliedert wurde, regelrechten Guerillaszenen ausgesetzt: verbrannte Autos, Molotow-Cocktails und eine verängstigte Polizei, die sich kaum noch ins Quartier wagt. (...)

Kebabstände überall, keine Frauen – es sei denn, sie sind vollverschleiert – sowie eine starke Präsenz von jungen, bärtigen Männern, mit Gamis gekleidet und unbedeckten Knöcheln über den Schuhen: Bourtzwiller hat sich im Stillen salafisiert. (...) Ein weiteres verlorenes Territorium mit 15000 Bewohnern, das man nicht mehr zu wiedererobern gedenkt.»

Diese düstere Beschreibung von Bourtzwiller stammt aus einem Buch von Alexander Mendel, Journalist bei der rechtskonservativen Pariser Wochenzeitung «Valeurs Actuelles». Die Befürchtung, dass sich zahlreiche arme Quartiere entlang ethnoreligiöser Linien abschotten, hat auch den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron dazu veranlasst, Mitte Februar das elsässische Quartier zu besuchen und in einer landesweit beachteten Medienkonferenz dem «islamistischen Separatismus» den Kampf zu erklären.

Bourtz, zwischen Banlieue-Ästhetik und Grünflächen

«Bourtz», wie das Quartier von seinen Bewohnern genannt wird, befindet sich im Norden von Mulhouse und wird südlich und östlich von Autobahnen umrahmt. Lange Wohnblöcke erstrecken sich zwischen weiten, von Bäumen gesäumten Grünflächen. Keine Betonwüste also, wie wir sie aus der Bildsprache der Rap-Musikvideos aus der Hauptstadt Paris kennen. Obschon sich der Rapper Maïza aus Bourtzwiller gerne an die Banlieue-Ästhetik der Rap-Szene anlehnt:

Ce qui rend dur, c'est pas le rap
Ni la rue, ni les armes, ni la thune
Mais c'est l'amertume
de voir nos mères en larmes
C'est les yeux dans la banlieue donc c'est coriace
Quand Maïza représente Mulhouse
c'est forcément féroce
Was uns hart macht, ist nicht der Rap
oder die Strasse, die Waffen,
und die Kohle, / Sondern, dass wir
unsere Mütter weinen sehen.
Der Blick aus der Banlieue ist
unerbittlich / Wenn Maïza Mulhouse
vertritt, ist es einfach nur wild
Den Part von Maïza im «Freestyle Province»-Kollektiv-Album:

Auf den ersten Blick wirkt Bourtzwiller jedoch weder wie ein amerikanisches Ghetto noch wie eine islamistische Hochburg. Nüchterner beschreibet indes das Quartier eine jugendliche Rap-Crew, die sich 2002 gegen den Abriss eines Wohnblocks mit 420 Wohnungen erhoben hat. Ihre Siedlungen böten zwar kein Postkartenmotiv, seien aber auch keine Slums:

C’est vrai que nos blocs
c’est pas des sites touristiques
Mais c’est pas non plus
des bidonvilles.

Für die Soziologin Chantal Mazaeff ist Bourtz besser als sein Ruf. «Bei vielen Menschen in Mulhouse herrscht immer noch das Gefühl, Bourtz sei wie die Bronx. Das stimmt einfach nicht.» Mazaeff hat vor 20 Jahren im Quartier als Sozialarbeiterin gearbeitet. Heute erstattet sie ihren Nachfolgern einen Besuch. Sie stellt fest: «Als ich Bourtz vor 20 Jahren verlassen habe, war es noch viel stärker heruntergekommen.»

«Was wollt ihr hier eigentlich zurückerobern?»

Beim Schlendern durch die weiten Strassen fallen zahlreiche renovierte Wohnblöcke auf. Mazaeff, die nun in Mulhouse eine Hochschule für Sozialarbeit leitet, führt uns zur «Régie», ein Sozialunternehmen, das Arbeitslosen den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt vereinfachen soll.

Unter anderem ist das Unternehmen für die lokale Abfallentsorgung zuständig; entsprechend reihen sich Container auf dem Vorplatz. Autos fahren ein und aus, Kunden werden von Mitarbeitenden in orangen Westen empfangen.

..

Wir treffen auf Direktor Joel Texier. Er gehört zu den Sozialarbeitern vor Ort, die den Präsidenten Macron bei seinem Besuch persönlich getroffen haben.

Dass in Teilen der verwahrlosten Banlieues sich Menschen unter dem Einfluss des Salafismus abschotten, ist in Frankreich unbestritten; über das Ausmass des Phänomens ist man sich aber uneinig. «Ich sage nicht, dass es keine Radikalisierung in Bourtzwiller gibt», sagt Joel Texier.

Joel Téxier, Direktor von der Régie.

Joel Téxier, Direktor von der Régie.

«Aber ich sehe nicht, wo sie stattfindet.» In anderen Quartieren von Mulhouse sei sie ausgeprägter: «Als ich für ein anderes Sozialprojekt im Zentrum arbeitete, wurden wir bei Quartierfesten regelmässig von Einwohnern kritisiert, weil wir Weisswein anboten. Das ist hier in Bourtz nie passiert.»
Unterdessen ist Larbi Rhibane dazugestossen, ein weiterer Sozialarbeiter, der mit seinem Trenchcoat, seinem Anzug und seiner gepflegten Frisur genausogut auf einer Bank arbeiten könnte.

Larbi Rhibane, Direktor der «Base»

Larbi Rhibane, Direktor der «Base»

Gemeinsam mit Chantal Mazaeff verlassen wir die «wirtschaftliche Lunge des Quartiers», wie Rhibane die «Régie» nennt – denn diese habe zahllosen Menschen geholfen, sich wieder ins Arbeitsleben einzugliedern. Rhibane leitet eine Fachstelle, die Menschen durch die administrative Hölle der französischen Verwaltung leitet, ihnen hilft beim Verfassen von amtlichen Dokumenten oder Bewerbungen.

Für viele Einwohner des Quartiers ist alleine schon die Sprache eine Barriere: die Mehrheit hat Migrationshintergrund. Jeder zweite Quartierbewohner hat keinen Schulabschluss.

Radikalisierung soll hier randständig geblieben sein

Die ersten Migranten aus den ehemaligen nordafrikanischen Kolonien sind in den 1960er-Jahren gekommen, um für die Autoindustrie zu arbeiten, zum Beispiel in den 1972 eröffneten Peugeot-Werken. Rhibane ist ursprünglich aus dem Maghreb, wuchs muslimisch auf. Er sagt aber, dass ihm das nicht helfe, um Vertrauen zu schaffen.

«Die Leute wollen, dass man ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich Rhibane oder Dupont heisse.» Auch er hat den Präsidenten getroffen. Er sei positiv überrascht gewesen, dass Macron sich für alle Zeit genommen habe. Aber das Thema Radikalisierung sei nicht eine Priorität der lokalen Akteure gewesen.

Rhibane und Mazaeff unterhalten sich, zwischen den Wohnblöcke schlendernd. Sie erinnert sich, dass sie bei ihrer Arbeit im Gefängnis in den 90er-Jahren viele junge Leute erlebt hat, die sich einer radikalen Auslegung der Religion zuwendeten. «Von einem Tag auf den anderen liessen sie sich Bärte wachsen, weigerten sich, mir die Hand zu geben und kleideten sich nur noch in weiss. Aber es war eine individuelle Radikalisierung, eine Suche nach einer rigiden Struktur und einem klaren Lebenssinn in ihrer chaotischen Existenz. Gewalt gegen Ungläubige spielte dabei keine Rolle.»

Chantal Mazaeff

Chantal Mazaeff

Mazaeff ist selber ein Kind verschiedener Kulturen. Ihr Vater stammt von russischen Migranten in Frankreich ab, ihre Mutter ist eine christliche Syrerin. Sie selber wuchs im Libanon und in Tunesien auf, bevor ihre Familie sich im Elsass niederliess.

Entsprechend stört sie sich nicht, anders als Autor Alexandre Mendel und seine rechtsextreme Leserschaft, an den zahlreichen Hallal-Metzgereien, an denen wir vorbeilaufen. Oder an der jungen Frau mit Kopftuch, die auf das Tram wartet. An den Namen auf den Briefkästen, die fast allesamt arabischen oder türkischen Ursprungs sind.

«Muslime tragen auch eine Verantwortung»

Im Zentrum des Quartiers steht eine der wichtigsten Moscheen im Osten Frankreichs; keine hundert Meter steht aber auch die evangelische Kirche «Porte Ouverte», die 2500 Menschen empfangen kann und diese Woche bei einer Massenveranstaltung sich dutzende Gläubige aus ganz Frankreich infiziert haben.

Ebenfalls unweit von Bourtzwiller entsteht das islamische Zentrum An-Nour, das national Schlagzeilen machte wegen der grosszügigen Unterstützung durch Qatar. «Die Muslime tragen auch eine Verantwortung», meint Rhibane. «Hier stimme ich dem Präsidenten zu: Der Islam in Frankreich muss sich organisieren, radikale Prediger aussieben und seine Finanzen in den Griff kriegen.»

Armut und Kriminalität sind noch immer alltäglich

Was gemäss Rhibane und Mazaeff die Leute hier aber wirklich beschäftigt, sei ihre wirtschaftliche Lage. Die Löhne sind signifikant niedriger als im nationalen Durchschnitt. Die Anzahl Schulabbrecher ist alarmierend hoch, und somit auch die Jugendkriminalität.

Das sagt auch Fatiah (Name geändert) im Wartezimmer von Rhibane. Die langjährige Bourtz-Bewohnerin will nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung erscheinen. «Die werden mir sonst mein Auto zerstören, wenn sie das lesen», sagt sie. Sie richtet ihre blond gefärbten Haare zurecht und bietet uns Datteln aus ihrem Heimatdorf in Algerien an. «Ich war letzte Woche dort.»

Sie mache alles dafür, ihre fünf Kinder von den Drogendealern fern zu halten. «Mein ältester ist 18 Jahre alt. Aber auch bei ihm bin ich strikt, wie lange er draussen sein darf.» Sie habe schon Dealer anschreien müssen, ihren Sohn in Ruhe zu lassen. Für sie ist Kriminalität mehr ein Scheitern der elterlichen Erziehung als der staatlichen Strukturen.

Autos verbrennen als Zeichen der Frust

Weiter spazieren wir mit Rhibane und Mazaeff vorbei an Einfamilienhäuschen, die sich inmitten der Wohnblöcke halten konnten, und entlang des begrünten Trassees der Tramlinie 1. «Die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr hat viel für das Quartier bewirkt», kommentiert Mazaeff.

..

Trotzdem brennen hier immer wieder Autos. Nicht mehr so viele wie bei den nationalen Gewaltausbrüchen von 2005. Trotzdem war Bourtzwiller auch 2012 wieder ein Krawall-Hotspot. «An Neujahr war die Hölle los», sagte uns Fatiah. Dass hier Gewalt ausbrechen kann, inmitten der ruhigen Wohnblöcke, wo Kinder auf den Spielplätzen herumtollen und Vögel zwitschern, wirkt surreal.

..

Das Quartier als primäre Identität

Die Stadt habe aber das Quartier nie den Banden überlassen. «Die Behörden zeigen Präsenz», sagt Rhibane. Ein klares Signal ist der neue Polizeiposten, mitten im Quartier. Im Jahr 2002 wurden grosse Wohnblöcke abgerissen, um der Ghettoisierung vorzubeugen. Sie waren in die Lokalgeschichte als «les 420» eingegangen, weil 420 Familien dort wohnten.

Obgleich als soziale Massnahme gedacht, wurde die Zerstörung als Trauma erlebt. Als Symbol der Ohnmacht der ärmsten Bevölkerung gegen die Gewalt des Staates. Denn vielmehr als Religion ist die Zugehörigkeit zum Quartier identitätsstiftend. «Die Leute fühlen sich hier zuhause. In Bourtz sagen wir, dass du zweimal weinst: Wenn du hier ankommst – und wenn du wieder gehen musst», sagt Rhibane. «Viele Leute verlassen das Quartier sozusagen nie. Es ist die einzige Realität, die sie kennen.»

Ils nous ont dit:
Détruire pour mieux reconstruire 
Laisse-moi rire
Les 420 resteront gravés dans nos coeurs
Les voir tomber ça m'écoeure
Sie sprachen von «zerstören,
um besser nachzubauen»
Aber lass mich lachen
Die 420 prägten sich
ein in unser Gedächtnis
Sie stürzen zu sehen, empört mich.

Meistgesehen

Artboard 1