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Im Berlin der Zwanzigerjahre

Der junge Literatur-Blogger über Tim Krohns Roman «Die heilige Henni der Hinterhöfe».

Josia Jourdan
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Berlin in den Zwanzigern nach dem Ersten Weltkrieg. Henni Binneweis ist jung, lebensfroh und die Protagonistin des neuen Romans des Schweizer Bestsellerautors Tim Krohn, welches letzten Herbst im Kampa Verlag erschienen ist. «Die heilige Henni der Hinterhöfe» ist ein historischer Roman rund um eine junge Deutsche, die nicht nur versucht sich im Leben zu behaupten, sondern auch versucht die grosse Liebe zu finden und all das, während Deutschland langsam einen politischen Rechtsruck erlebt.

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Josia Jourdan

Josia Jourdan

Der 17-jährige Muttenzer Gymnasiast Josia Jourdan betreibt den erfolgreichen Blog «I Love Books» und schreibt monatlich für die bz.

Trotzdem stürzt sich Henni ohne grosse Angst in das Berliner Nachtleben und versucht sich in verschiedenen Berufen aus. So tanzt sie nicht nur für feine Herrschaften auf Tischen, so wie viele andere junge Mädchen zu ihrer Zeit, sie stolziert auch über die Berliner Laufstege, probiert sich als Moderatorin und letzten Endes sogar als Sängerin. Eine aufregende Zeit für die junge Schönheit, aber auch für Deutschland. Ohne Kaiser, mit einem Graben zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten und einem langsam hochkochenden Hass gegen die Juden, spürt auch Henni die Spannung, die überall lauert. Sie selbst hält nicht viel von den Hakenkreuzen. Sie versteht den ganzen Hass nicht. Vielmehr möchte sie die Welt entdecken, Englisch lernen und sich verlieben. Mit der Liebe mag es jedoch nicht klappen. Sie springt von Liebhaber zu Liebhaberin und auch finanziell kippt die Lage regelmässig ins Verzweifelte. Henni lässt sich davon aber nicht unterkriegen.

Hass ist keine Lösung

Tim Krohn hat es geschafft, seinen Figuren eine ganz eigene Stimme zu geben. Die Sprache angepasst an die Zeit, teilweise nicht ganz politisch korrekt, aber trotzdem liest sich der 250 Seiten starke Roman in kürzester Zeit. Es ist ein Unterhaltungsroman, dem zwischendurch der rote Faden fehlt. Trotzdem schafft der Autor es, der Geschichte eine gewisse Tiefe zu verleihen und überzeugt gerade mit dem sehr plötzlichen Ende. Es scheint als wäre die ganze Geschichte nur erzählt worden, um die Lesenden an diesen Endpunkt zu bringen, der schockt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Ein Schachzug, der aufgeht und dieses unterhaltsame Leseerlebnis so plötzlich enden lässt, dass einen Hennis Ende noch länger beschäftigen und man vom Mut dieser lebensfrohen Frau beeindruckt sein wird.

Krohn hat die Geschichte einer jungen Deutschen erzählt, die für sich selbst keine Grenzen setzt. Egal ob beruflich oder in der Liebe, Henni möchte strahlen. Auch wenn ihr Steine in den Weg gelegt werden und sie immer wieder mit den falschen Menschen verkehrt, bleibt sie sich selbst treu und bis ans Ende ist sie nicht bereit den langsam aufkommenden Hass in Deutschland zu unterstützen. Henni hat begriffen, was wir uns auch 100 Jahre später noch als Vorbild nehmen sollten: Hass ist keine Lösung und Hakenkreuze noch viel weniger.

«Die heilige Henni der Hinterhöfe», Tim Krohn, Kampa Verlag.

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