Interview
«Campus Musik-Akademie soll inspirierendes Element bewahren»

Stephan Schmidt ist interimistischer Direktor Musik an der Hochschule. Im Interview spricht er über die Position der Musikhochschulen innerhalb der FHNW.

Christian Fluri
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Stephan Schmidt nennt den Campus Musik-Akademie Basel einen coolen, inspirierenden Ort. niz

Stephan Schmidt nennt den Campus Musik-Akademie Basel einen coolen, inspirierenden Ort. niz

Sie haben als Rektor der Hochschule für Musik Basel nach der Pensionierung von André Baltensperger interimistisch die Position des Rektors der Musik-Akademie übernommen und vertreten als Direktor Musik die Basler Musikhochschulen in der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Sind Sie in diese Position geschubst worden?

Stephan Schmidt: Nein, gewiss nicht. Ich fühle mich als Rektor der Hochschule für Musik auch für die gesamte Musik-Akademie mitverantwortlich. Dass ich interimistisch zum Akademie-Rektor und zum Direktor Musik ernannt worden bin, ist für mich eine Ehre. Und ich sehe darin eine gewisse Logik. Ich wirkte an der Transformation des Konservatoriums in die Hochschule und der Integration der Hochschule für Musik und der Schola Cantorum Basiliensis in die FHNW – alles grosse Veränderungen – mit. Die Musik-Akademie weiterhin mitzugestalten und die Erfolgsfaktoren ihrer Schulen zu erhalten, ist mir wichtig.

Welche grossen Veränderungen sprechen Sie konkret an?

Das Finanzierungssystem der vier Nordwestschweizer Kantone über das Fachhochschulgesetz und die FHNW ist für uns relativ neu. Das Fachhochschulgesetz und die Bologna-Reform mit Bachelor und Master erfordern eine ganz andere administrative Organisation. Bei all diesen Veränderungen müssen wir unser Kerngeschäft bewahren, für das die Basler Musikhochschulen in der Welt bekannt sind: die hohe Qualität der Vermittlung und die Reflexion darüber. Meine Verantwortung ist es, die Rahmenbedingungen innerhalb der neuen Hochschulstrukturen so zu gestalten, dass das Wesentliche der Musik und Musikausbildung erhalten wird. Künstler ausbilden heisst Persönlichkeiten ausbilden, die sich ihr eigenes Umfeld gestalten und – wenn sie sich zum Lehrer ausbilden – eine hohe Kompetenz in die Schulen hineintragen. Basel hat auch in der Musikpädagogik eine lange, hochstehende Tradition.

Vom Konservatorium zur Hochschule für Musik

Die Hochschule für Musik Basel, die internationales Renommee geniesst, ist aus dem 1905 gegründeten Konservatorium der Musik-Akademie Basel hervorgegangen. Das erste Konservatorium der deutschsprachigen Schweiz gehörte in Europa von Anfang an zu den führenden Stätten der musikalischen Berufsausbildung. 1954 erfolgt der Zusammenschluss von Allgemeiner Musikschule, Konservatorium und der 1933 von Paul Sacher gegründeten Schola Cantorum Basiliensis. 1999 wird das Konservatorium wie die Schola zur kantonalen Musikhochschule. Danach erfolgt das eidgenössische Anerkennungsverfahren aufgrund des Fachhochschulgesetzes. 2008 wird sie in die Fachhochschule Nordwestschweiz integriert. Die Hochschule für Musik verbindet Ausbildung, Forschung und Konzert. Das Lehrangebot umfasst die klassischen instrumentalen, vokalen, kompositionstechnischen und musikpädagogischen Fächer, den Jazz, Kammermusik, Improvisation und elektronische Musik (mit eigenem Studio). Die Hochschule hat neu eine eigene Forschungsabteilung aufgebaut. (flu)

Nun sind Sie für den ganzen Campus mit Hochschulen, Musikschule und Grundkursen verantwortlich und vertreten die Hochschulen in der FHNW. Keine leichte Aufgabe?

Die Vermittlung von Musik auf der Ebene der Hochschule und der Musikschule sowie die Verknüpfung dieser Ebenen sind mein Thema, seit ich pädagogisch und künstlerisch wirke. Es geht darum, unter den veränderten Begebenheiten mit den getrennten Finanzierungen und Administrationen das Beziehungsgeflecht zwischen den Bereichen weiterzuentwickeln.

Haben die Hochschulen bei der Ausbildung künstlerischer und pädagogischer Exzellenz und in der Forschung innerhalb der vorgegebenen Bologna-Struktur freie Hand?

Wir vermochten das Bologna-System so umzusetzen, dass es für uns anwendbar ist. Wir haben es gar für Verbesserungen nutzen können.

Welche Verbesserungen konnten Sie einführen?

Wir – Hochschule und Schola – haben, um ein Beispiel zu nennen, als wohl erste Hochschule in Europa Improvisation als Hauptfach eingeführt. Improvisation ist ein riesiges Feld – in der Neuen und der Alten Musik. Wir bauten den Bereich Forschung auf, der mit seinem Praxisbezug starke Impulse in die Ausbildung und sogar die Musikwissenschaft hineinträgt. Generell haben wir alle Studiengänge optimiert. Wir entwickelten auch einen Ausbildungsgang Neue Musik mit neuem Betreuungskonzept und vieles mehr.

Bologna brachte kaum nur Vorteile. Worin bestehen die Nachteile?

Probleme bringt uns die Finanzierung über die Creditpoints und deren aufwendige Verwaltung. Das System kennt kein volles Zweitstudium, es sieht nur eines vor. Wer sich aber zum Dirigenten ausbildet, muss zuvor ein komplettes Musikstudium absolvieren, sei es Klavierspiel, Musikgeschichte, Theorie oder etwas anderes. Auch ein Schola-Studium in Alter Musik ist oft ein Zweitstudium. Hier müssen wir auf Veränderungen des Finanzierungssystems hinwirken, damit es den spezifischen Bedürfnissen von Musikhochschulen entspricht.

Könnte hier ein Kunsthochschulgesetz Abhilfe schaffen, wie es die Schola-Rektorin Regula Rapp vor ihrem Weggang nach Stuttgart im bz-Interview gefordert hat?

Wir können darüber nachdenken, ob und inwiefern ein Kunsthochschulgesetz tatsächlich bessere Bedingungen schaffen würde. Diese Diskussion muss aber national und auf politischer Ebene geführt werden. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Kunsthochschulgesetz eine Chance hätte. Vorerst müssen wir innerhalb des Fachhochschulgesetzes das Beste für uns erreichen. Der bestehende Rahmen gibt uns – von einigen Knackpunkten abgesehen – genug Möglichkeit, die Musikausbildung zu gestalten.

Geht das in der FHNW mit ihrer starken technischen Orientierung?

Vielleicht ist die FHNW technisch geprägt, aber wir sind seit 2008 integriert und bringen seither als Teil der FHNW unsere künstlerische Prägung in deren Gesamtbild ein. Ich erachte den Verbund der neun Hochschulen als geglückte Konstruktion. Wir können hier unsere Anliegen anbringen. Wir haben enorm vom Aufbau der Forschungsabteilungen profitiert. Die FHNW ihrerseits muss aber dafür Sorge tragen, dass unsere Erfolgsfaktoren bewahrt werden. Das ist nicht nur die Ausbildung von Exzellenz, sondern auch von guten Pädagogen. Exzellenz bringt internationale Beachtung; die Pädagogik sorgt für eine starke regionale Verankerung. Dass wir einen hochstehenden Musikunterricht bis hinunter in die Primarklassen anbieten, ist von einer gesellschaftlichen Bedeutung, die heute noch viel zu wenig Beachtung findet.

Ich höre hier den Pragmatiker sprechen. Sollte man nicht die Utopie Kunsthochschulgesetz denken?

Wir müssen Utopien haben! Zugleich aber müssen wir auf Basis der Realität das Bestmögliche gestalten. Es gibt für uns keinen anderen Rahmen als das Fachhochschulgesetz. Wir haben innerhalb der FHNW viel erreicht. Sie gibt uns Sicherheit für die Zukunft. Und die beiden Hochschulen können – auch dies mit viel Pragmatismus – die für ihren Ruf so wichtigen Labels behalten.

In diesem veränderten Umfeld gilt es, den Campus mit seiner Verbindung von Hochschulen und den – von Basel-Stadt finanzierten – Musikschulen zu bewahren.

Für uns ist entscheidend, dass der Campus Musik-Akademie sein inspirierendes Element bewahrt, dass zusammenbleibt, was zusammengehört. Die Musikvermittlung beginnt nicht auf der Hochschulebene. Wir können die Talente, die eine Berufsbildung anpeilen, schon früh ins Auge fassen. Wir stimmen auch die Bewertungskriterien aufeinander ab. Das ist ein enormer Erfolgsfaktor für die Musikausbildung hier. Viele Hochschulen in Europa sind abgeschnitten von den Vorstufen und kämpfen dagegen an. Unser Campus-System, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat, ist äusserst modern. Dieser Campus ist einfach cool. Er ist mit seinen hervorragende Dozentinnen, Lehrern, den Studentinnen, Schülern ein Ort der Kreativität. Wir mussten um viele Dinge hart kämpfen. Aber ich bin jeden Tag glücklich, hier zu sein.

Eine grosse internationale Beachtung findet der Bereich Neue Musik mit seiner Forschungsabteilung. Da besteht doch mehr Nähe zur Universität und zur Paul-Sacher-Stiftung als zu anderen Fachhochschulen.

Niemand hindert uns an unseren guten Beziehungen zur Universität und zur Sacher-Stiftung. Die inhaltlichen Fragen sind entscheidend.

Eine Kooperation gingen Sie mit der Universität Würzburg ein.

Das hängt mit einer weiteren Herausforderung zusammen, vor die uns das Fachhochschulgesetz stellt. Wir können keine Promotionen anbieten. Manche Studienabgänger aber brauchen ein Doktorat, damit sie sich zum Beispiel in Musiktheorie oder Komposition für entsprechende Positionen bewerben können, die bereits eine Promotion voraussetzen. Wir arbeiten – in der FHNW und mit der Universität Basel – an Lösungsmöglichkeiten.

Ein Interpret zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass er historische, theoretische Kenntnisse darüber besitzt, was er musikalisch macht?

Es gibt heute kein Spiel mehr ohne Kontextwissen – schon gar nicht in der Neuen Musik. Das ist auch bei uns Alltag und keine Exklusivität mehr der Schola Cantorum Basiliensis. Sie aber war es, die das kontextorientierte Denken als das Neue in die Ausbildungskultur hineintrug.

Dies ist der dritte Teil einer Gesprächsserie über die Musikhochschulen als Teil der FHNW. Bisher sind erschienen das Interview mit Peter Schmid, Präsident der FHNW (10.3.), und mit Regula Rapp, bis Ende März Rektorin der Schola Cantorum Basiliensis (21.3.)