Interview
Chef der BIZ ist glücklich mit dem Standort Basel: «Die Stadt bietet alles, was man braucht»

Agustin Carstens, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), spricht im Interview mit der bz über den Standort Basel und die Pläne für einen Neubau am Bahnhof.

Patrick Marcolli, Jonas Hoskyn
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Agustin Carstens leitet seit drei Jahren die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Agustin Carstens leitet seit drei Jahren die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Kenneth Nars

Herr Carstens, vor kurzem wurde die künftige Basler Regierung gewählt. Kennen Sie die sieben Personen?

Agustin Carstens: Leider kenne ich Sie noch nicht alle persönlich, aber freue mich, sie zu treffen. Ich habe die bisherige Regierung mal getroffen. Und wir werden sicherstellen, dass wir auch zu der neuen eine gute Verbindung haben.

Ist es für Sie überhaupt wichtig, wer in Basel regiert? Für Sie zählt doch eher, wer künftige US-Finanzministerin wird.

Doch, sicher ist es das. Die BIZ ist seit 90 Jahren hier. Wir fühlen uns als Teil der Stadt und wollen das auch sein. Unsere Besitzer sind zwar die Zentralbanken der Welt, aber unsere Angestellten leben hier und sind Teil der Gesellschaft. Ich hoffe, wir werden auch so wahrgenommen. Wenn ich Ihnen ein Beispiel geben darf: Wenn man in englischsprachigen Nachrichten nach dem Suchbegriff «Basel» sucht, kommt als erstes Resultat das «Basel Committee on Banking Supervision» (Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, welche ihren Sitz im BIZ-Turm hat) und zwar vor dem Fussball Club, Roche, Novartis oder Roger Federer. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kam bei unserer Suche auf Platz 4. Auch der «Basel Process» ist ein sehr etabliertes Konzept in der internationalen Finanzwelt.

Waren Sie denn schon einmal an einem Fussballspiel des FC Basel?

Ja, einmal.

Würden Sie sagen, Sie nehmen am sozialen Leben in Basel teil oder sind Sie eher Teil einer Parallelgesellschaft?

Überhaupt nicht. Wir leben hier wie alle anderen Bürger auch. Wir geniessen die Stadt. Ich gehe gerne in Museen, an Konzerte oder in Restaurants. Die BIZ hat für den Stadtcasino-Neubau eine Million Franken gespendet. Ich freue mich sehr darauf, diesen Konzertsaal wieder zu besuchen. Eine meiner Lieblingsaktivitäten ist es, mit meiner Frau und unseren Hunden spazieren zu gehen. Meine Frau sagt immer, Basel sei dafür der beste Platz der Welt. Sie müssen wissen, ich habe früher in Mexico City gelebt.

Wie ist es, aus einer solchen Millionenmetropole in ein doch vergleichbar beschauliches Städtchen wie Basel zu kommen?

In der ganzen Metropolitanregion von Mexico City leben 20 Millionen Menschen. Wenn Sie das mit Basel vergleichen, bin ich in eine Stadt gezogen, die ein Prozent davon ausmacht. Nun stellen Sie sich vor, Sie zügeln von Basel in eine Ortschaft, wo entsprechend weniger Menschen leben – also rund 2'000. Dann sprechen wir von einem kleinen Dorf. Aber das ist kein fairer Vergleich. Basel ist sehr urban, gleichzeitig sehr angenehm, einladend und auch sehr komplett – die Stadt bietet alles, was man braucht. Es gibt Museen, Konzerte, gute Restaurants, gute Verbindungen in die ganze Welt. In grösseren Städten funktioniert oftmals vieles deutlich weniger gut. Wir sind sehr glücklich mit unserem Standort.

Zu den Treffen in der BIZ kommen die wichtigsten Personen aus der Finanzwelt. Menschen, die sich Metropolen wie New York oder London gewohnt sind. Ist das nicht ein bisschen komisch, diese in einem «Dorf» wie Basel zu empfangen?

Im Gegenteil, es ist eine Erleichterung. Unsere Treffen finden sechs Mal im Jahr statt. Ich war selbst in meiner früheren Funktion als Gouverneur der mexikanischen Zentralbank mehrfach in Basel zu Gast. Ich habe das immer sehr genossen. Natürlich ist der Zeitplan sehr eng. Hier wird gearbeitet. Gleichzeitig muss man sich nicht darum kümmern, ob man auf dem Weg zum Meeting eine Stunde im Stau stecken bleibt. Man lernt die Stadt auch schnell kennen. Mir gefällt etwa, wie unterschiedlich die Jahreszeiten sich hier zeigen. Unsere Besucher fühlen sich sehr wohl und auch sicher hier – das ist ein Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte. Aufgrund der Pandemie finden unsere Meetings aktuell nur virtuell statt. Ich habe mich manchmal gefragt, ob dies auch Auswirkungen für die künftige Art unserer Treffen haben wird. Aber alle, die ich gefragt habe, sind ungeduldig, endlich wieder persönlich hierher zu kommen.

Wann rechnen Sie damit, dass die Meetings wieder stattfinden können?

Das hängt stark von der Entwicklung der Pandemie ab und wie das internationale Reisen aussehen wird. Derart wichtige Personen können es sich nicht leisten, am Ende irgendwo zu stranden. Ich hoffe, dass wir im Juni unsere jährliche Generalversammlung wieder in Basel abhalten können. Dann wollen wir auch unser neunzigstes Jubiläum und im Juni die öffentliche Ausstellung feiern, welche wir dieses Jahr ausfallen lassen mussten.

Sie haben das Thema Sicherheit erwähnt. Wie wichtig ist politische Stabilität für Ihre Institution?

Viele Gründe, dass Basel 1930 als Standort der BIZ ausgewählt wurde, sind immer noch gültig – etwa die Neutralität der Schweiz. Oder die Verkehrsverbindungen: Der Hauptgrund, dass der BIZ-Turm hier steht, ist weil Basel damals sehr gute Bahnverbindungen hatte.

Zeigen Sie Ihren Gästen die Stadt oder ist die Sicht aus dem obersten Stock der einzige Blick, den sie auf Basel haben?

Wir haben oft Essen in einem Restaurant in der Stadt. Viele gehen auch gerne in die Fondation Beyeler oder ins Kunstmuseum. Wir versuchen, unseren Gästen auch immer etwas von der Stadt zu zeigen. Viele ergreifen selber die Initiative. Einige gehen gerne wandern, andere geniessen einen Spaziergang am Rhein entlang. Ein paar sind auch schon runter geschwommen.

Von den Personen, die in der BIZ arbeiten, ist meist nur eines bekannt: Dass sie keine Steuern zahlen müssen. Werden Sie oft darauf angesprochen?

Das sollte grundsätzlich in einem Gespräch nie das erste Thema sein. Aber im Ernst: Ich finde diese Kritik nicht fair. Niemand ist hierhergekommen, um keine Steuern zahlen zu müssen. So funktioniert das bei internationalen Organisationen. Sie geniessen kraft eines Staatsvertrags mit dem Gaststaat Steuerbefreiung. Da ist die BIZ auch keine Ausnahme. Es gibt ja auch Schweizer, die in anderen Teilen der Welt bei einer vergleichbaren Organisation arbeiten und dort ebenfalls steuerbefreit sind. Und was Sie auch bedenken müssen: Wir unterstützen die lokale Wirtschaft. Wir organisieren jährlich zwischen 150 bis 200 Meetings mit 7'000 bis 8'000 Besuchern. Die übernachten und konsumieren alle hier.

Rund um Ihre Institution ranken sich jede Menge Gerüchte und Mythen. Was tun Sie, um hier eine gewisse Normalität herzustellen?

Wir sind überhaupt keine mysteriöse Institution. Wir laden immer wieder Gruppen oder Schulklassen zu uns ein. Das wollen wir verstärken. Wir haben auch immer wieder Gäste aus der Wissenschaft oder der Wirtschaft. Auch Mitglieder des Ständerats waren hier schon zu Besuch. Und wir wollten diesen Sommer eigentlich zum 90-jährigen Jubiläum den BIZ-Turm für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Wir hatten eine Ausstellung geplant. Auch der oberste Stock wäre zugänglich gewesen. Man hat eine wunderbare Aussicht von dort oben. Wegen der Pandemie mussten wir die Feierlichkeiten aber auf 2021 verschieben. Wir überlegen uns auch, einen Instagram-Account zu starten. Wir freuen uns, im Rahmen der Jubiläumsausstellung im nächsten Juni unsere Türen für die Basler Bevölkerung zu öffnen.

Welche Pläne haben Sie für die kommenden Jahre?

Ein Thema, das wir früher mit der Regierung besprochen haben und das wir gerne wiederaufnehmen möchten, sind unsere Pläne für ein weiteres Gebäude auf dem Areal hinter dem Turm. Wir haben diese Pläne auf Eis gelegt, als die Pandemie begann, aber erst vergangenen Monat haben wir beschlossen, den Prozess wieder aufzunehmen. Wir haben bisher in enger Absprache mit dem Kanton Basel-Stadt gearbeitet, und dies wird sicherlich weiterhin der Fall sein.

Was sind Ihre Pläne?

Der BIZ gehören neben dem Turm auch die Gebäude dahinter. Unsere Organisation wurde in den vergangenen Jahren immer grösser. Als dieser Turm in den 1970er Jahren gebaut wurde, hatten wir rund 40 Mitglieder, nun sind es 63. Wir haben mehr Ausschüsse. Entsprechend brauchen wir mehr Möglichkeiten für Sitzungen und Anlässe. Auch unsere Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Ein Handelsraum, wo finanzielle Transaktionen vorgenommen werden, funktioniert heutzutage ganz anders als vor 20 Jahren. Viele unserer Bankgeschäfte werden im Botta-Gebäude am Aeschenplatz abgewickelt. Das würden wir gerne zentralisieren.

Wie muss man sich das zweite Gebäude vorstellen?

Es gibt natürlich städtebauliche Vorschriften, die auch für uns gelten. Der erste Schritt wird sicherlich ein Architekturwettbewerb sein. Entsprechend kann ich Ihnen noch nicht sagen, wie das neue Gebäude dereinst aussehen wird.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Die Vorbereitungen werden wohl rund eineinhalb Jahre dauern. Dann brauchen wir noch den Segen unserer Mitgliedszentralbanken, bevor wir starten können. Aber wenn alles klappt, soll das neue Gebäude in sechs bis sieben Jahren stehen.

Wie wichtig ist eine solche Zentrale für eine Organisation heutzutage noch?

Man kann vieles virtuell machen, aber letztlich gibt es keinen Ersatz für echte zwischenmenschliche Treffen. Spontane Diskussionen entstehen fast nur, wenn man sich persönlich gegenübersitzt. Technologie bleibt sehr starr. Die kurzen Gespräche im Lift oder in den Pausen fehlen. Das Gegenüber kennen zu lernen, macht einen grossen Unterschied aus. Letztlich basiert das ganze Finanzsystem auf Vertrauen. Dieses lässt sich nur zwischenmenschlich herstellen und bewahren. Aber wir haben auch dezentrale Strukturen: Wir haben seit den 1990er Jahren ein Büro in Hongkong und seit 2002 eines in Mexico City. Und wir bauen rund um die Welt sog. «Innovation Hubs» auf, um beim Thema Innovation und Technologie stärker zu werden. Aber eine Institution wie unsere wird immer einen Hauptsitz brauchen, und für uns ist das Basel.