Wer in einem Chor singt, kennt das: Man ist mit seiner Stimme gefordert, wird dabei von andern getragen, hört sich selbst und die übrigen Stimmen, wie sie sich zu einem Ganzen fügen. Angeleitet und geführt von der Dirigentin oder dem Dirigenten hat man sich gleichzeitig auf Ton, Rhythmus und Text zu konzentrieren – und aufs genaue Zuhören. In guten Momenten entsteht da ein komplexer, faszinierender Klang, zusammengesetzt aus vielen einzelnen Stimmen.

Über 200 Laienchöre soll es in der Region Basel geben. Das heisst, dass sich hier Tausende von Frauen und Männern nebenberuflich fürs Singen engagieren – sowohl in grossen, halb professionellen wie auch in kleineren Chören, die sich aus Freude an der Musik gebildet haben. Viele verstehen das gemeinsame Singen nicht nur als Freizeitaktivität, sondern auch als Zeichen der Weltoffenheit und Beitrag zur Kulturverständigung.

«Singen scheint eine verbindende Kraft zu haben, und die wird in der Region auch gepflegt», sagt Abélia Nordmann. Die Musikerin und mehrfache Chorleiterin sieht einen Grund dafür im jahrzehntelangen Einsatz all jener, die junge Menschen zum Singen bringen, wie etwa in der Mädchen- und der Knabenkantorei. «Ihre Begeisterung hat einige Chorsängerinnen und -sänger dazu motiviert, in Basel oder anderswo Chorleitung zu studieren. Mit den neuen Dirigenten und Dirigentinnen entstehen wiederum neue Chöre und Vokalensembles.» Ebenso wichtig seien neben der guten musikalischen Grundbildung das europäische Jugendchorfestival und die internationale Präsenz der Schola Cantorum wie auch der Musikakademie.

Das Potenzial zur sozialen Veränderung

Nordmann ist Mitorganisatorin einer neuen Auflage von Echoes, einem offenen Chorfest und Treffen regionaler Laienchöre verschiedener Generationen und Stile. Es findet Ende August im und vor dem Filter4, der alten Wasseranlage auf dem Bruderholz, statt – die kühlen Gewölberäume werden für den optimalen Klang sorgen. Chormitglieder tauschen sich aus, besuchen Workshops, tragen einander Stücke vor und singen gemeinsam. Fürs weitere Publikum gibt es am Abend Musik aus Westafrika, Klangimprovisationen, Performances und Balkansound zum Tanz in die Nacht.

Zudem lässt sich an einem runden Tisch über die Lage der Laienformationen debattieren. «All die vielen kleinen und grossen, traditionsreichen und neuen Chöre bilden ein sehr enges Netz, glücklicherweise ein freundschaftliches», sagt Nordmann. Die Dichte empfinde sie als Chance, um kreativ zu werden und etwa unbekannte Orte zu entdecken. Chorkonzerte in neuen, anregenden Kooperationen könnten auch das «Interesse der singenden und zuhörenden Menschen an neuer Musik stärken».

Es sind noch mehr Fragen, mit denen sich die EchoesOrganisatoren befassen: Wie gehen die Laienformationen mit ihren Unterschieden in Repertoire, Niveau, sozialer Zusammensetzung und Vernetzung um? Wie finanzieren sie sich, privat oder mithilfe der öffentlichen Hand? Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Und nicht zuletzt möchte Abélia Nordmann gerne wissen, wie das Singen auf den Alltag einwirkt. Ob es so ist – wie sie glaubt –, dass das gemeinsame Singen die Menschen und die Gesellschaft bewegt und weiterbringt: «Damit hätten die Chöre tatsächlich ein Potenzial zu sozialer Veränderung und gemeinschaftlichem Denken.» (chd)


   

Echoes 2019, So, 25. August, ab 15 Uhr (Kollekte), Konzerte ab 18.30 (Abendkasse). Filter4, Reservoirstrasse, Basel.
www.echoes-culture.ch