Leitartikel

Coronakrise: Die getrennten Wege beider Basel liegen in den unterschiedlichen Charakteren begründet

In beiden Basel wurden glücklicherweise nicht alle Spitalkapazitäten gebraucht.

In beiden Basel wurden glücklicherweise nicht alle Spitalkapazitäten gebraucht.

Vor zwei Monaten nahm die Krise in der Region ihren Lauf. In der Chronologie zeigt sich: Die beiden Basel arbeiten wenig zusammen. Der Grund liegt in ihrem unterschiedlichen Charakter, der nun besonders stark hervortritt.

Am Anfang war das Chaos. Basel-Stadt und Baselland zählten in der letzten Februarwoche zu den Kantonen mit den ersten Coronafällen. Sofort brach sich eine ungeahnte Dynamik Bahn: Fasnacht abgesagt, nur Beizenfasnacht in Baselland; das Unispital rüstete sich in der Predigerkirche auf den erwarteten Ansturm und bald folgte der erste Todesfall auf dem Bruderholz. Die Ausgangslage für die Region zu Beginn des März war schlecht. Nur wenige Kilometer weiter im Elsass schnellten die Infektionszahlen in die Höhe. Zudem sind Ballungszentren ohnehin von einer schnelleren Ausbreitung gefährdet. Basel-Stadt ist von allen Kantonen am dichtesten besiedelt, Baselland folgt auf Platz fünf. Wenig erstaunlich verlief die Kurve im Stadtkanton bald schon so steil wie im Tessin. Während in Basel-Stadt regelmässig die Regierung vor die Medien stand – analog zum Bundesrat flankiert vom Kantonsarzt und anderen Entscheidungsträgern –, fielen die ersten Reaktionen im Baselbiet nur spärlich aus: Bildungsdirektorin Monica Gschwind kehrte von ihren Ferien im Risikogebiet erst mal in die Quarantäne zurück.

Gleichzeitig lancierte Basel-Stadt eine Kampagne, welche sich später als eine der wirksamsten Massnahmen zur Eindämmung von Covid-19 herausstellen sollte: die Aktion #Seifenboss. In einem kurzen Film lernten Kinder das Händewaschen. Das Video mit der dazugehörigen Geste verbreitete sich spätestens ab Schulbeginn wie ein Lauffeuer. Das nämlich war ein weiterer wichtiger Punkt für die gesamte Region: Im Gegensatz zu anderen Kantonen öffneten die Schulen nach den Ferien wieder. 20'000 Schülerinnen und Schüler bedeuteten einen riesigen Multiplikator für eine Kampagne, die sich nur augenscheinlich an die Kinder richtete. Tatsächlich waren die wahren Adressaten die Eltern, die so die Wichtigkeit der Handhygiene lernten. Basel-Stadt entwickelte daraus eine für den Kanton beispiellose Kampagne, liess Plakate und Fahnen drucken und erreichte über Social Media 750'000 Menschen, sodass am Ende auch andere Kantone aufsprangen. Nach diesen zwei Wochen hatten viele ihre Meinung bereits gemacht. Basel-Stadt spurt vor, Baselland zieht bestenfalls nach.

Ausgerechnet an einem Sonntag, genauer dem 15. März, startete das Baselbiet einen Alleingang, unabhängig von den Nachbarn, unabhängig vom Bund. Das mochte damals als forsch erscheinen, und sicher war auch die Kommunikation schlecht. Tiefpunkt: Isaac Reber und ein gelalltes Interview gegenüber SRF. Die erklärte Notlage und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens entpuppten sich im Nachhinein jedoch als ein Vorsprung auf die Infektionsrate.

Die Basler Fasnacht und das Baselbieter Vorpreschen: Noch bevor Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga das Land zu einem Ruck aufforderte, war dieser in den beiden Basel bereits vollzogen. Dies zu einem Moment, in dem Zeit eine gewaltige Rolle spielte. Statistiken der ETH Zürich zeigen, wie schon vor dem Lockdown die Reproduktionszahl zurückging. Infektiologen wie Pietro Vernazza folgern daraus, dass manche Massnahmen gar nicht nötig wären. Zentral seien das Abstandhalten und die Hygiene, beides obliegt der Eigenverantwortung. Dem widersprechen viele Forscher, doch für die beiden hiesigen Regierungen ist der Schluss sicher zulässig: Sie haben der Bevölkerung das Bewusstsein für die Krise frühzeitig in die Köpfe gehämmert und das war richtig. In Basel-Stadt und Baselland zeigte sich entsprechend ein Knick in der Kurve und es blieb möglich, stets auf die Selbstverantwortung der Leute zu zählen.

Die Spitäler waren da bereits gut aufgestellt. Die beiden grossen öffentlichen Häuser der Region, das Universitätsspital Basel und das Kantonsspital Baselland, hatten vor der Krise trotz gescheiterter Fusion im Alltag sehr eng zusammengearbeitet. Kaum aber erreichte die Coronapandemie die Schweiz, gingen die Spitäler wieder getrennte Wege. Doch immerhin gelang es den beiden Kantonen nach kurzer zeitlicher Verzögerung, die Privatspitäler für einen gemeinsamen Kampf gegen Covid-19 ins Boot zu holen.

Die Stadtregierung hingegen brillierte früh mit Massnahmen, um den drohenden Wirtschaftsschaden abzufedern. Es ist das Verdienst von Christoph Brutschin, der die Verbände beizog. Vom Taxifahrer bis zur Physiotherapeutin scheinen aktuell die Bedürfnisse gedeckt und auch für die Schwächsten ist gesorgt. Abzüge gibt es höchstens für das etwas komplizierte Verfahren zur Begrenzung von Fixkosten wie Miete. Hier scheint das Baselbieter Modell unbürokratischer: Im KMU-Kanton erhält etwa ein Beizer schnelle Hilfe von 7500 Franken à fonds perdu. Der Entwicklung geschuldet, besserten beide Regierungen ihr Angebot fortwährend nach, wobei insbesondere im Baselland die gesamte Politik einbezogen war. Der Landrat war das zweite Parlament, das den Betrieb wieder aufnahm und damit das Vorgehen der Regierung schnell legitimierte. Die Stadt folgte erst jetzt, sechs Wochen nach den Ankündigungen der Regierung.

Das passt ins Bild. In der Stadt vertraut man der Obrigkeit. Sei es die eigene oder die Landesregierung, die man in der Kommunikation kopiert. Abgesehen von der Wirtschaft hat der Kanton Basel-Stadt stets auf den Bund gewartet und dann reagiert. Das Baselbiet hingegen hat sich ein Stück Renitenz bewahrt. Noch immer kommuniziert die Regierung spärlich und lieber direkt mit den Betroffenen, als die Öffentlichkeit zu suchen. Dabei spielt auch die Geopolitik eine Rolle: Das Baselbiet ist über die Gemeinden strukturiert, Liestal ist die Koordinationszentrale. Schon zu Beginn der Krise fiel es den Gemeinden zu, über ihre Fasnachten zu entscheiden. So läuft das System von Checks and Balances, und deshalb spart man auch nicht mit Kritik am Bund, wenn es um das Überleben der KMU geht. Vor dem Hintergrund dieser Unterschiede erklärt sich, warum es kaum Zusammenarbeit zwischen den beiden Kantonen gab, kaum eine Pressekonferenz je abgestimmt war, obwohl es in einem so kleinen, gemeinsamen Lebensraum Überschneidungen geben muss. Doch auch wenn die Regierungen sich selten synchron verhalten haben: Die Kurve der Ansteckungen tat es. Und das scheint doch das Wichtigste.

Meistgesehen

Artboard 1