Ausstellung
Dank ihnen wäre Prinz Charles beinahe an den Vogel Gryff gekommen – Basler Taufbücher kehren heim

Was Prinz Charles und die Mormonen mit Taufbüchern der Theodorskirche zu tun haben und warum sich die Kleinbasler eine Rehabilitierung von ihrem minderen Image versprechen.

Olivia Meier
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Taufbücher St. Theodor
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Taufbücher St. Theodor: Diese Taufbücher sind die ältesten im deutschsprachigen Raum. Jetzt wurden sie zurück nach Basel geholt.
Taufbücher St. Theodor HxB: 118.7 x 140 cm; Öl auf Leinwand; Inv. 2318
Taufbücher St. Theodor HxB: 65 x 50 cm; Öl auf Eichenholz; Inv. 1876
Taufbücher St. Theodor Bild: 70.5 x 105.5 cmPlatte: je ca. 35 x 53.5 cm; Radierung von vier Platten; aus vier Bögen zusammengesetzt; aufgezogen; Inv. X.2118
Taufbücher St. Theodor

Taufbücher St. Theodor

Kenneth Nars

Als die von Brunns 1861 zwei schwere Bücher an einen Antiquar verhökern, denken sie sich nicht viel dabei. Sie ahnen nicht, dass der Verkauf die Basler die nächsten Jahrhunderte beschäftigen wird, geschweige denn, dass sie gerade die wichtigste Datenbank des Kleinbasels verkaufen. Die beiden Bücher dokumentieren alle Taufen in der Theodorskirche von 1490 bis 1737. Es sind die ältesten Taufbücher im deutschsprachigen Raum.

Johann Jakob von Brunn, Pfarrerhelfer, hat die Taufbücher zu Lebzeiten bei sich zu Hause gelagert, um sie dort zu führen. Der Antiquar, der die Bücher kauft, versteht etwas mehr davon als Von Brunns Nachkommen. Bald verschachert er sie an einen Händler in Paris. Dieser gibt die Register schliesslich nach London ans British Museum und von dort aus gelangen sie in die British Library. Hier befinden sie sich noch heute, hier werden sie wohl bleiben. Es ist nicht überliefert, wann die Basler das Fehlen der Register bemerken. Überliefert sind nur die vielen Versuche, die Bücher irgendwie zurückzubekommen: Ein Protokoll des Kleinen Rates vom 14. Dezember 1867 zeigt, dass bereits zu dieser Zeit Bestrebungen unternommen werden, die Register zurückzubekommen. Erfolglos.

Vor allem die Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels setzen sich dafür ein, die Taufbücher wieder nach Basel zu holen. Mit gutem Grund: Die Bücher erzählen die Geschichte von wichtigen Baslerinnen und Baslern, die in der Theodorskirche getauft werden und zeigen die Wichtigkeit des Kleinbasels auf. Die Dokumente sind der Beweis: Es war eben doch nicht nur das mindere Basel auf der anderen Seite des Rheins.

Durch die Glaibasler Geschichte

Was die Taufbücher über die Pest und den Dreissigjährigen Krieg erzählen und wie sich die Bedeutung der Taufe geändert hat.

Pfarrer Philipp Roth steht vor dem massiven, rötlichen Taufstein. «Er stammt ungefähr aus der Zeit der ersten Taufbuch-Einträge», sagt er. Seine Stimme füllt den grossen Raum der Theodorskirche im Kleinbasel nicht. Er streicht über den Stein, über dem seit 1490 Tausende Baslerinnen und Basler getauft werden. «Das ist das Schöne an der Taufe. Man wird in eine grosse Familie aufgenommen, die räumlich und zeitlich weit über unsere Grenzen hinausgeht.» Durch die Taufe wird eine Verbindung zu Menschen hergestellt, die schon lange gestorben sind. Vor Hunderten Jahren wurden sie als Neugeborene über denselben Stein gehalten und mit Taufwasser getauft.

Heute ist die Taufe ein Fest der Dankbarkeit und der Freude. Die beiden ältesten Taufbücher im deutschsprachigen Raum, die aus der Theodorskirche stammen, zeigen aber ein ganz anderes Bild der Taufe. «Damals war die Taufe kein Fest. Sie befreite das Kind von der Erbsünde und sorgte nach damaliger Vorstellung dafür, dass es nicht in die Vorhölle kommt», erklärt Barbara Piatti, Kulturhistorikerin, die Forschungen zu den Taufbüchern anstellte und die Ausstellung dieser kuratiert. Zu dieser Zeit wurde alles darangegeben, ein Kind taufen zu können, bevor es stirbt: Aufwendige Operationen, bei denen der Tod der Mutter in Kauf genommen wurde. Versuche, die Taufe nach dem Tod des Neugeborenen nachzuholen. Taufen, bei denen die Mutter nicht dabei war, weil sie noch geschwächt war. In vielen Einträgen fehlt deshalb der Name der Mutter des Kindes.

Im Jahr 1491 sind in den Büchern 35 Taufen verzeichnet. Davon fanden 23 noch am Tag der Geburt statt. «Nata et baptista» (weibliche Form) oder «natus et baptistus» (männliche Form), was bedeutet geboren und getauft, steht bei diesen Einträgen. «Die Sicht auf die Kindheit war damals eine andere. Es waren quasi kleine Erwachsene, die zur Welt kamen», erklärt Pfarrer Roth. Die Taufpaten spielten zu dieser Zeit eine wichtige Rolle. Sie sollten eine möglichst hohe gesellschaftliche Stellung haben und so das Kind auf seinem Lebensweg unterstützen können. Oft waren die Paten auch Namensgeber.

Der Dreissigjährige Krieg

Wer weiss, wie die Bücher zu lesen sind, bekommt einen Einblick in wichtige historische Ereignisse und gesellschaftliche Veränderungen. Beispielsweise weisen die Jahre 1633, 1634 und 1638 mit 120 bis 151 Täuflingen pro Jahr die meisten Taufen auf. Möglicherweise lässt sich das auf den Dreissigjährigen Krieg zurückführen. Es könnte sein, dass schwangere Frauen aus dem nahen Elsass und Baden ins einigermassen sichere Basel geflohen sind, um sich und ihre Kinder zu retten.

Auch von Katastrophen wie zum Beispiel der Pest ist in den Büchern zu lesen. Eine Notiz auf einem Seitenrand kennzeichnet die letzte Taufe eines Pfarrers. Danach starb er den schwarzen Tod. Wenige Tage danach stand ein neuer Pfarrer am Taufstein, der die Bücher in seiner eigenen Handschrift weiterführte. Ob der letzte Säugling, ein Mädchen namens Magdalen, die Seuche überlebte, ist nicht überliefert. Die ersten Sterberegister der Theodorskirche stammen aus dem Jahr 1704.

«Die Ausstellung legt eine Basis. Es gibt aber noch sehr vieles zu erforschen.» Eine Liste von beliebten Namen zu den verschiedenen Zeiten oder eine Aufzeichnung der Netzwerke und Familienstrukturen zu dieser Zeit wären sehr spannend, so Piatti.
Pfarrer Roth ist froh, die Bücher wieder im Kleinbasel zu haben. Die letzten Seiten des zweiten Taufbuches enthalten ein Verzeichnis aller Vornamen und Familiennamen der Täuflinge. Beim Durchblättern sind alle Namen der riesigen Familie zu lesen, in die die neuen Täuflinge aufgenommen werden.


Vernissage: Ausstellung Taufbücher, Mittwoch, 20. Juni, 18 Uhr, Theodorskirche.

Tausch platzt in letzter Minute

An der British Library beissen sich die Männer der 3E die Zähne aus. Die Bibliothek hat bei ihrer Gründung 1973 festgelegt, dass keine Objekte, die sich zur Gründung darin befanden, veräussert werden dürfen. Umso grösser ist die Aufregung, als ein Mitglied der Ehrengesellschaft zum Rebhaus 1984 auf seinem Estrich ein Bild des englischen Künstlers Thomas Gainsborough findet. Er gilt als einer der bedeutendsten englischen Maler des 18. Jahrhunderts. Die Idee der Basler: Man könnte das wertvolle Kulturgut gegen die beiden Bücher tauschen.

Sofort wird alles in die Wege geleitet. Hans Jakob Nidecker, der damalige Meister der Gesellschaft nimmt Kontakt mit Sir Alan Traill, dem ehemaligen Lord Mayor of London auf. Der Tausch soll richtig gefeiert werden. Deshalb laden die Basler Prinz Charles zum Gryffenmähli ein. Er sagt zu. Eine Sensation. Ein Mitglied der britischen Königsfamilie am Vogel Gryff – das ist mehr als ein Bundesrat, und ein solcher muss es eigentlich immer sein.

Was dann folgt, darüber wird heute lieber geschwiegen: Das Gemälde stellt sich als Fälschung heraus. Die Feier wird abgeblasen, alle Beteiligten ziehen sich zurück, lange wird nicht mehr darüber gesprochen.

Nur noch wenige erinnern sich an die Taufbücher. Einer davon ist Andreas Nidecker, der Sohn des ehemaligen Rebhaus-Meisters Hans Jakob Nidecker. «Von der Geschichte mit den Taufbüchern habe ich zum ersten Mal in den späten 70er Jahren erfahren, als ich als junger Arzt aus dem Ausland zurückkam» sagt der Basler. Sein Vater habe ihm viel davon erzählt. Die Geschichte bleibt ihm, auch wenn er lange nichts mehr mit den Büchern zu tun hat.

Als Nidecker Ende 2013 pensioniert wird, entschliesst er sich dazu, das Anliegen seines Vaters wieder aufzunehmen. «Es war klar, dass wir die Originale nicht bekommen würden, aber allenfalls doch gute Kopien.» Bevor er überhaupt begonnen hat, schon der erste Schreck: Von Bernhard Burckhardt, Präsident der Stiftung des Historischen Museums, erfährt er, dass alle Taufbücher ja bereits auf einer Website der Mormonen Kirche seien und dort heruntergeladen werden können. Waren alle Bemühungen umsonst? Schnell wendet er sich an Esther Baur, Staatsarchivarin. Sie kann ihn beruhigen. Ja, die Mormonen haben die Taufbücher online gestellt. Es sei jedoch eine äusserst schlechte Version, schreibt sie in einem Mail. Auch die fotografischen Reproduktionen, die in den 20er Jahren gemacht wurden und sich im Staatsarchiv befinden, seien qualitativ miserabel. Dazu existiert im Staatsarchiv noch eine Abschrift der Bücher, die jedoch nicht mal den vollständigen Text beinhaltet. «Meines Erachtens ist dies also kein Grund, unser Vorhaben abzubrechen, im Gegenteil», schreibt sie ihm.

Teuer und aufwendig

Baur selbst ist Feuer und Flamme: Sie sendet der British Library die Anfrage, ob es irgendwie möglich sei, Kopien der Bücher zu erhalten. Ja, ist es. Es vergehen jedoch etwa sechs Monate, da die Briten darauf bestehen, die Kopien in England anfertigen zu können. 2015 gelangen die beiden Kopien dann schliesslich in die Schweiz. Philipp Roth, Pfarrer der St. Theodors Kirche, erinnert sich gut an diesen Moment: «Ich wusste lange nichts von den Büchern und dass Kopien hierherkommen und war deshalb umso überraschter, als ich zu einer Übergabe eingeladen wurde.» Es sei ein grosses Geschenk gewesen, das aber auch viel Verantwortung mit sich bringt.

Die Beteiligten entschliessen sich, die Bücher in der Theodorskirche auszustellen und so den Kleinbaslern immer zugänglich zu machen. Für die Nachforschungen holen sie Barbara Piatti, eine Kulturhistorikerin, mit ins Boot.

Für die Kopien müssen die Basler 25 000 Franken bezahlen. Jede Seite musste einzeln von einer speziellen, teuren Kamera erfasst werden. Die Basler bekommen die Rechte, die digitalen Daten online zu stellen und zwei Kopien der Bücher zu erstellen. Auch das Binden der Bücher ist aufwendig und kostete viel Geld. Für die Aufbewahrung der Bücher wird ein eigenes Möbel erstellt. «Das Holz passt in die Kirche. Die Vitrine ist aufklappbar und auch als Tisch verwendbar», so Pfarrer Roth. Dank vieler Spenden kommt das Geld zusammen. «Das Interesse und Geld in Basel für kulturelle Projekte ist meistens vorhanden», sagt Nidecker. Unter anderem haben Basler Kantonalbank, die Christoph Merian Stiftung und die GGG finanzielle Unterstützung geleistet.

Die Theodorskirche hat 2006 wieder damit begonnen, Taufbücher zu führen. Zwar nicht mehr in dicken Büchern mit handschriftlich verzeichneten Namen. Aber auf kleinen Kärtchen mit Fotos der Babys und bunten Zeichnungen daneben. Auf dem Ordner mit den Kärtchen steht «Taufbuch». Heute würde jeder wissen, worum es sich dabei handelt.

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