Ausstellung

Das Kunstmuseum Basel zeigt Weibsbilder – so krass wie ambivalent

Die Ausstellung «Weibsbilder. Eros, Macht und Tod um 1500» beleuchtet das Bild der Frau um 1500 und lässt erahnen, dass die Art und Weise wie Künstler damals Frauen darstellten, ihr Bild mit allen Vorurteilen bis heute prägt. Eine ergiebige Spurensuche im Kunstmuseum Basel.

Sie sind schön und sexy, sinnlich und verführerisch: Müsste man die Ausstellung mit all den nackten Frauen nicht «Reigen der Schönheit» taufen? Doch nein, schön sind sie nur auf den ersten Blick, perfekt ist nur die Oberfläche. Hinter der blanken Haut lauert das Böse. Diese Weibsbilder sind Verführerinnen, Hexen, Quälgeister, Sünderinnen – allesamt stürzen sie die Männer ins Verderben. Moralisch wie wirtschaftlich.

Da verführt eine Nackte einen reichen Mann, greift ungeniert in seine mächtige Geldtasche. Er darf sie betatschen, doch sie wendet den Blick dem hübschen Jungen zu, dem sie heimlich den Schlüssel zu ihrem Keuschheitsgürtel in die Hand schmuggelt. So labil, so verwerflich – und so verführerisch sind sie, die Frauen.

Diese Warnung richtet sich an Männer und wurde von Männer gemalt und gezeichnet. Aus Vernunft und vermeintlich moralischer Überlegenheit, aber im wortwörtlichen Sinn angetrieben von Lust und Begehren. Und aus Angst, den Trieben zu erliegen. Den Frauen zu unterliegen. Wie anders lassen sich Zeichnungen erklären, die den Kampf um die Hose zeigen. Handgreifliche Auseinandersetzungen, in denen Frauen triumphieren, Männer ihr Herrschaftssymbol verlieren und als geschlagene Narren enden.

Vorurteile

Doch halt, bevor Sie sich ein falsches Bild von dieser Ausstellung im Kunstmuseum Basel machen: Erwarten Sie keine grossformatigen Pin-Ups, keine farbtrunkenen Leinwandbilder. Die Ausstellung «Weibsbilder. Eros, Macht und Tod um 1500» schöpft aus dem riesigen Fundus an Zeichnungen und Grafiken des eigenen Kupferstichkabinetts – angereichert mit einigen wenigen Leihgaben und Gemälden. «Wer ausser Basel könnte das?», fragte Direktor Josef Helfenstein deshalb rhetorisch.

Doch warum sezieren die Museumsleute das Frauenbild ausgerechnet an der Zeit um 1500? Kuratorin Ariane Mendges war aufgefallen, dass just damals – mit dem Aufkommen eines Grossbürgertums, der Verschärfung von sittlichen Geboten und Verboten – eine beispiellose Produktion weiblicher Darstellungen einsetzte. Vorher: Da war die einzige Nackte in der kirchlich dominierten Kunst Eva, die Verführerin. Das Alte Testament machte klar: Sie, die Schuldige an der Vertreibung aus dem Paradies, bescherte uns Schmerzen und machte uns sterblich.

In der Renaissance aber griffen die Künstler nicht mehr nur auf christliche, sondern auch auf antike Figuren zurück. Man liebte die schönen, nackten Göttinnen, zeichnete sie nach antiken Statuen, passte sie aber den herrschenden Moralvorstellungen an. Venus bekommt von Malern wie Niklaus Manuel Seile, Lassos, in die Hand, damit jeder merkt: Achtung Gefahr, sie will dich fesseln. Sie wird nicht auf einem festen Sockel, sondern auf einer Kugel balancierend gezeigt und man verpasst ihr Flügel. Seht wie wankelmütig sie ist, wie vergänglich ihre Schönheit!

Die Frauen können auch so richtig abgebrüht und böse sein, selbst wenn sie als Heldinnen für das Gute kämpfen. Wie Judith, die uns mit dem sanftesten Gesicht und Lächeln, kaltblütig den von ihr abgeschlagenen Kopf des Holofernes und das Schwert präsentiert. Wen schaudert es nicht vor dem Gemälde von Lucas Cranach d. Ä.?

Doppelmoral

Doch so ernst die Warnungen vor der Verführung, vor den Hexen, so vehement Jungfräulichkeit proklamiert und neu auch kontrollierte wurde: Tugenden wirken viel beschwerlicher als Laster. Ein moralischer Riese der Eremit, der dem Teufel in Form einer Nackten widersteht, ein wahrer Held, dieser Herkules, der das lockende Weib samt Wein und Musik auf dem Blatt von Peter Vischer d.J. stehen lässt und den steinigen Weg der Tugend wählt.

So trieben die Künstler ein hintersinniges Doppelspiel mit Moral und nackten Tatsachen, mit Schönheit und Ängsten. Damit legten sie die Basis von Stereotypen, die bis heute wirken. Ihre Zeichnungen konnte sich nur das Grossbürgertum leisten, mit Kupferdrucken und Holzschnitten aber wurden diese Bildwerke breit gestreut. Auch in den zeitgleichen Fasnachtsspielen und und den illustrierten Büchern (wie dem «Narrenschiff» von Sebastian Brant) wurden die Vorurteile über die Weibsbilder verbreitet und nachhaltig zementiert. Dazu gab es Lehrblätter, wie eine Frau sich zu benehmen habe. Geradezu abschreckend wirkt Anton Woensams «Allegorie der weisen Frau» mit brutal verschlossenem Mund.

Nur in einem waren sich Männer und Frauen gleich: beide sind sterblich. Den Tod kann das nackte Mädchen nicht bezirzen, und ihr porzellanschöner Körper bewahrt die reife Frau im Gemälde von Hans Baldung nicht vor seinem Kuss, vor seinem Sieg.

«Weibsbilder. Eros, Macht und Tod um 1500» Kunstmuseum Basel, Neubau. Bis 7. Januar.
Vernissage: Fr, 7. 10., 18.30 Uhr.

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