Gastkolumne
Das Puff mit demselben

Robert Stalder
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Bordelle sind für viele ein Tabuthema (Symbolbild)

Bordelle sind für viele ein Tabuthema (Symbolbild)

Keystone

Wenn zum Beispiel an der Austrasse oder in Allschwil ein Bordell eröffnet werden soll, regt sich Widerstand. Die Argumentationsbreite ist beachtlich: Autoverkehr, Lärm, Kinderschutz, Belästigung von ehrbaren Frauen und Töchtern, Menschenhandel und Frauenausbeutung, Verminderung des Marktwerts der umliegenden Häuser. Wer will schon in der Nähe eines Bordells wohnen? Plötzlich kommt ein Arbeitskollege und sagt: He, praktisch, gleich nebenan. Ist es natürlich gerade nicht.

Nun kann man davon ausgehen, dass es an diesen Stellen schon deshalb keinen Strassenstrich geben wird, weil er dort verboten ist. Autoverkehr und Lärm fallen schon mal weg. Auch werden kaum ehrbare Frauen belästigt werden. Der Kinderschutz ist insofern unnötig, als die Kleinen nichts fragen werden. Und wenn sie im Extremfall sagen, dass in dieses Haus immer fremde Männer gehen, können die Eltern sie mit dem Hinweis beruhigen, dass dort ein Urologe seine Praxis habe, die wegen Notfällen auch nachts geöffnet sei. Und die ab etwa 14 Jahren wissen aus dem Internet, was Bordelle sind. Und die meisten sogar, dass dort auch ziemlich nonkonforme zwischenmenschliche Kontakte stattfinden.

Warum gibt es eigentlich so viele Filme und Serien, in denen Prominente (oft christlichsoziale) erpresst werden, weil es Fotos von ihnen im Bordell gibt? Der auf sein Inneres bedachte Mensch will nicht mit Bordellbesuchen in Zusammenhang gebracht werden. Darum ist er äusserst vorsichtig, parkiert sein Auto nicht in der Nähe und spricht keine Frauen auf der Strasse an, es könnte ja die Cousine seiner Frau sein, die er zu spät als solche erkennt.

Bleiben wohl Frauenausbeutung und Wertverminderung der umliegenden Gebäude. Die Frauenausbeutung ist ein echtes Problem. Nur ist es nicht quartierspezifisch. Wer kein Fleisch isst, weiss, dass er wenig für das Tierwohl tut. Aber er sagt, ich persönlich tue etwas, ich setze ein Zeichen. So tut auch das Quartier, das sich gegen ein Bordell wehrt, nichts gegen den Menschenhandel. Aber es setzt ein Zeichen, wenn auch aus anderen Gründen. Eben zum Beispiel, weil die Häuserpreise sinken. Das kann man bei den Hausbesitzern verstehen. Den Mietern kann es egal sein.

Wird ein Vegetarierquartier unattraktiv, wenn eine Metzgerei sich niederlässt?
Es muss da noch irgendetwas ganz anderes sein. Es schickt sich nicht. Man tut so was nicht. Oder so: Wo bleibt denn da die Moral, Herr Dürrenmatt, Ihr «Grieche sucht Griechin», das ist ja reinste Halbweltliteratur! Herr Genet, Ihr Theaterstück spielt in einem Bordell! Muss so etwas sein? Und Sie, Herr Brecht, was ist denn das für eine Welt, die Sie so beschreiben: Die Hochzeitsglocken waren noch nicht verklungen, da war Macheath schon wieder bei den Huren von Turnbridge. Herr Kraus, geht es noch zynischer als das, was Sie sinngemäss geäussert haben: Die einzig ehrlichen Beiträge in der Neuen Freien Presse sind die Kontaktanzeigen der Freudenmädchen?

Zwar relativiert der Volksmund die Sündhaftigkeit durch ihre Dauer: das älteste Gewerbe der Welt. Aber wir wollen immer noch nicht, dass der Mensch für keine Liebe auch noch bezahlt. Und wenn schon, dann nicht in unserem Quartier. Ich habe nach einer schlichten Formel gesucht, die die generelle Ablehnung der seelenlosen Begegnungen erklärt. Im Umkreis der darstellenden Geometrie habe ich gefunden: Der Senkrechte hat einfach etwas gegen das Horizontale.

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