Literatur

Der Basler Verlag Baobab Books bringt die weite Welt in unsere Kinderzimmer: «Literatur ist grenzenlos»

Die ganze Welt auf 38 Quadratmetern: Cyrilla Gadient, Sonja Matheson und Serena Panariello (v.l.) in einem von zwei Verlagsräumen.

Die ganze Welt auf 38 Quadratmetern: Cyrilla Gadient, Sonja Matheson und Serena Panariello (v.l.) in einem von zwei Verlagsräumen.

Der Basler Verlag Baobab Books bringt die weite Welt in unsere Kinderzimmer. Leiterin Sonja Matheson erklärt, warum das wichtig ist.

Plötzlich liegt etwas Schwarzes auf der Lichtung. Die Bewohner des Waldes sind beunruhigt. Was kann es nur sein? Der erste von vielen Sternen, die vom Himmel fallen? Ein Drachen-Ei, das ­jeden Moment aufbricht? Bis zuletzt passiert nichts Schlimmes, aber das Rätsel um das schwarze Etwas bleibt bestehen. 
«Etwas Schwarzes» heisst auch das Kinderbuch, zu dem bei Baobab Books neu Unterrichtsmaterial erschienen ist.

«Es gibt viele Bücher in unserem Sortiment, die kein bestimmtes Lesealter voraussetzen», erklärt dazu ­Verlagsleiterin Sonja Matheson: Geschichten mit einem offenen Ende wie «Etwas Schwarzes». «Es ist sehr spannend, wie Kinder mit so abstrakten Geschichten umgehen», sagt Matheson. «Für viele ist es kein Problem, das Unbekannte bringt sie im Gegenteil auf neue Ideen. Es sind eher die Erwachsenen, die damit Mühe bekunden», schmunzelt sie. 

Zu Hause ist der Kleinverlag Baobab Books im Basler Gundeli. Ganze 38 Quadratmeter messen die Verlagsräumlichkeiten, doch findet darin die ganze Welt Platz, wie Matheson sagt: Der Verlag veröffentlicht ausschliesslich internationale ­Bücher in deutscher Übersetzung. Seit Verlagsgründung sind knapp 90 Bücher erschienen. Für das Gruppenfoto bittet die Verlagsleiterin ihre beiden Mitarbeiterinnen Cyrilla Gadient und Serena Panariello vor ein überbordendes Bücherregal. «Darin stehen alle Kinderbücher aus Asien, Afrika, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Ozeanien, die wir über die Jahre geprüft haben», erklärt Matheson, die seit über 20 Jahren für Baobab Books arbeitet.

«Heute erreicht uns vieles elektronisch in Form von PDFs. Das ist praktisch, unser Büro wäre sonst längst zu klein.» So wurde auch aus «Etwas Schwarzes» von Reza Dalvand ein Buch. Der iranische Autor hatte sein Portfolio nach Basel geschickt, mit einigen Zeichnungen zum jetzigen Buch. «Ich wurde neugierig und liess mir von ihm die Rohfassung des Manuskripts auf Persisch schicken.» Schnell wurde klar, dass man zusammen arbeiten wollte, ein Vertrag wurde unterschrieben, alles per E-Mail. «Erst später lernte ich ihn bei einem Besuch auf der Buchmesse in Teheran kennen.» Da Baobab Books auch die internationalen Rechte für den Künstler vermittelt, sind bereits Übersetzungen in den USA und in Frankreich erschienen.

«Demnächst folgen eine koreanische und türkische Ausgabe» 

Im Schnitt veröffentlicht Baobab Books vier Bücher pro Jahr. «Wir werden oft gefragt, warum wir nicht mehr publizieren», sagt Matheson. «Aber Bücher von der Qualität, die wir uns wünschen, sind rar.» Zudem könne der Verlag seine Bücher so besser platzieren, Veranstaltungen organisieren und Unterrichtsmaterial vorbereiten. «Das ist unser Erfolgsrezept.» 

Jedes Projekt startet mit der Frage, ob ein Buch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bestehen kann. «Eine ­Geschichte muss einen Nerv treffen, sonst kommt auch das beste Buch bei der Leserschaft nicht an», sagt die ­Verlagsleiterin. Über das Literarische hinaus möchte Baobab Books aber auch bestimmte Werte vermitteln. «Wir wollen den Kindern Vielfalt zeigen, ohne das Fremde in den Vordergrund zu ­stellen», erklärt Matheson. «Uns geht es um das Gemeinsame, Verbindende. Die Bücher in unserem Programm ­vermitteln eine andere Weltsicht, eine andere Lebenserfahrung. Wobei diese oft gar nicht so weit weg ist von unserer eigenen.» 

In den ersten Jahren publizierte ­Baobab Books ausschliesslich Bücher, die in den Herkunftsländern bereits veröffentlicht waren. Allerdings stellte das eine Einschränkung dar, da es in vielen Ländern bis heute keinen eigentlichen Kinderbuchmarkt gibt. «Wir wurden deshalb vermehrt selber aktiv, um Menschen mit Talent und Interesse die Chance zu geben, ein Buch zu veröffentlichen», sagt Matheson. 

Zum Beispiel John Kilaka. Der Zeichner und Autor aus Tansania sah sich nicht als Schriftsteller und traute sich zunächst nicht zu, ein Buch zu ­gestalten. «Wir haben ihn ermutigt, es war ein fast zwei Jahre langer Prozess mit viel Übersetzungsarbeit vom ­Suaheli ins Deutsche und wieder ­zurück. Unser erstes Abenteuer!» 2001 veröffentlichte Baobab Books mit ­Kilakas «Frische Fische» seine erste Originalausgabe, heute sind etwa ein Drittel der Neuerscheinungen Erstveröffentlichungen. 

Und stets gilt die Aufmerksamkeit dem vermeintlich «Fremden»: Nicht nur als Bereicherung für Schweizer ­Kinder, sondern auch als Hilfestellung für Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. Diese stünden oft am Rand unserer Gesellschaft und seien auf Literatur angewiesen, sagt die ­Verlagsleiterin. «Gute Bücher wirken stets auf beide Seiten, als Stütze wie auch als offene Türe.» Matheson spricht auch aus eigener Erfahrung. 

Engagement mit dem Schweizer Märchenpreis gewürdigt 

In den Siebzigerjahren war sie mit einer Schweizerdeutsch sprechenden Mutter in Deutschland aufgewachsen und fühlte sich als Exotin. «Da hiess es auf dem Schulweg oft ‹Sag doch mal was›, und alle fanden es ganz lustig.» Als Mathesons Familie nach Zürich zog, war sie plötzlich die Deutsche. «Ich ­gewöhnte mir also an, Deutsch mit Schweizer Akzent zu sprechen.» Matheson las als Kind alles, was ihr in die Hände kam, und das war in einem an zeitgenössischer Kunst interessierten Elternhaus nicht wenig. «Die künstlerische Übersetzung der Welt war schon immer auch ein Teil meines Lebens.» Matheson absolvierte eine Verlagsausbildung und arbeitete einige Jahre für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes Schweiz. Als sie 1998 zu Baobab Books stiess, fand sie darin alle Themen, die sie beschäftigten, wieder. «Da wurde mir bewusst, wie viele gesellschaftliche Fragen in Kinderbüchern stecken.» 

Matheson ist eine überzeugte Fürsprecherin ihrer Branche. «Das Buch als Medium ist unübertroffen. Es eignet sich zum Vorlesen, bietet Privatheit und ist auch Kindern jederzeit zugänglich.» Dabei stelle gerade das Kinderbuch grösste Anforderungen: «Es ist einfacher, einen Roman von einigen hundert Seiten zu schreiben als ein Kinderbuch von 32 Seiten», ist Matheson überzeugt und zählt die Vorzüge auf: Leseförderung, kulturelle Bildung, Auseinandersetzung mit Werten, künstlerische Entwicklung, Identitätsfindung. 

2018 wurde dieses Engagement mit dem Schweizer Märchenpreis gewürdigt – zu Mathesons grosser Überraschung. «Wir haben den Preis ohne Schweizer Autorinnen und Autoren erhalten. Dass Baobab Books trotzdem als Teil des Schweizer Literaturschaffens betrachtet wird, hat uns deshalb besonders gefreut.» Selbstverständlich ist diese Anerkennung nicht. Obwohl ständig von kultureller Teilhabe, Diversität und Leseförderung die Rede sei, gebe es bei der Literaturförderung strikte Grenzen. «Dabei ist doch gerade die Literatur grenzenlos.» 

Aufhalten lässt sich Matheson dadurch nicht, und sei es nur schon wegen Erlebnissen wie dem folgenden: Als «Frische Fische»-Autor John Kilaka 2019 auf einer Lesereise nach Basel in ein Hotel eincheckte, wurde er vom ­Rezeptionisten wiedererkannt. «Der junge Mann hatte als Bub Kilakas Buch gelesen. Er gehörte somit zur ersten Generation von Lesern, die mit Baobab-Büchern aufgewachsen sind», strahlt Matheson. «Dass unsere Arbeit einen so bleibenden Eindruck hinterlässt, hat mich sehr gefreut!» 

Wie der Baobab in Basel Wurzeln schlug 

Benannt ist der Basler Verlag nach dem afrikanischen Affenbrotbaum, in dessen Schatten Geschichten erzählt werden. Das Engagement für kulturelle Vielfalt liegt in der komplexen Geschichte des Verlags begründet, die bis auf die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung zurückgeht. In den 1970er-Jahren gelangte das Thema Rassismus via Genfer Weltkirchenrat auch in die Schweiz, wo die nicht-staatliche Organisation «Erklärung von Bern» sich Gedanken darüber machte, was für Bilder von anderen Kulturen in der Kinderliteratur vermittelt werden. So entstand die interkulturelle Empfehlungsliste «Kolibri», um die sich Baobab Books formierte. 

«Vergleicht man die Kriterien, nach denen Bücher damals beurteilt wurden, mit denen von heute, lässt sich feststellen: Die Grundfragen sind dieselben geblieben», erklärt Verlagsleiterin Sonja Matheson. Zwar sei vor vierzig Jahren das Thema Eurozentrismus noch wichtiger gewesen als die Migration. «Letztlich geht es aber immer darum, wie wir als Gesellschaft unser Zusammenleben gestalten und wer die Definitionsmacht hat.» Im Laufe der 1980er-Jahre kam der Wunsch auf, Bücher nicht nur zu empfehlen: Afrikanische und lateinamerikanische Literatur wurde vermehrt ins Deutsche übersetzt, doch in der Kinderliteratur bewegte sich wenig. 

Als Baobab Books in den 1990-Jahren die ersten aussereuropäischen Kinderbücher veröffentlichte, musste sich der Verlag noch rechtfertigen. «Zu fremd, hiess es oft», sagt Matheson. «Aber das hat sich verändert.» Seit 2011 ist Baobab Books als gemeinnütziger Verein organisiert.

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