Wahlen 2020

Der Herzögling: Regierungskandidat Kaspar Sutter im Porträt

Kaspar Sutter wollte schon als Kind aktiv werden.

Kaspar Sutter wollte schon als Kind aktiv werden.

Mit einer Alusammlung fing alles an: Eine Annäherung an Kaspar Sutter, SP-Politiker durch und durch.

Eingebettet in die sanft geschwungenen Hügel des Oberbaselbiets, hoch auf einem Plateau liegt die Gemeinde Kilchberg. 140 Seelen leben da, mindestens so viele Kirschbäume auch. Die geernteten Früchte werden zu Konfi, Wähe und Kirschwein verarbeitet, damit prosten sich die Dorfbewohner zu. Sie dürften sich alle gut kennen. «Chilchbrg» ist, gemessen an der Einwohnerzahl, die kleinste Gemeinde des Baselbiets. Und die Wiege eines Jungen, der Grosses vorhatte.

Kurz vor seinem neunten Geburtstag platzte Kaspar Sutter, dem Pfarrerssohn, der Kragen. 1984 war das Jahr, als zwei Antiatom-Initiativen knapp vor dem Volk scheiterten. Es war auch das Jahr, als Greenpeace begann, gegen den Raubbau in der Antarktis zu kämpfen. Anstatt Poster von Pop-Schwergewichten wie etwa Michael Jackson zierten Bilder von Blauwalen die Zimmerwand. Die blosse Begeisterung für den Umweltschutz genügte Kaspar indes nicht. Er wollte selber aktiv werden. So waren ihm die Aludosen, die damals noch im Müll landeten, ein Dorn im Auge. Er trommelte den Bruder und ein paar Freunde zusammen und sammelte mit ihnen über Wochen Dosen aus den Haushalten von Zeglingen und Kilchberg, füllte den alten Renault der Eltern und entsorgte die Dosen in einem Recyclingzentrum in Kaiseraugst. «Das war die Initialzündung. Umweltfragen politisierten mich.» Kaspar Sutter, bald 45 Jahre alt, seit 2017 Grossrat und 25 Jahren Mitglied der SP, sitzt im Büro seiner Beratungsfirma PubliConsult am Stapfelberg und schwitzt. Draussen gibt der Spätsommer nochmals alles, die Fotografin auch, die Sutter während des Gesprächs im Fokus hat. Er tupft sich die Stirn mit einem Frotteetuch ab; sie soll auf den Fotos ja nicht glänzen.

Kaspar Sutter im Büro seiner Beratungsfirma PubliConsult am Stapfelberg.

Kaspar Sutter im Büro seiner Beratungsfirma PubliConsult am Stapfelberg.

Kaspar Sutter will ein gutes Bild abgeben. Im Jahr 2020 sammelt er wieder, dieses Mal aber Stimmen, und das in der grossen Stadt. In Basel wohnt er jetzt sein halbes Leben, aktuell im Neubad. Es wirkt wie ein Leben lang, derart basel-sozialisiert ist Sutter, der aktiver Fasnächtler ist, natürlich auch FCB-Fan. Am 25. Oktober wird er mit grosser Wahrscheinlichkeit in die Regierung gewählt, einen der vakanten SP-Sitze besetzen. «Ein Wechselwille zeichnet sich in Basel derzeit nicht ab. Deshalb denke ich schon, dass ich gute Chancen habe,» sagt der Mann, der privat Kapuzenpullis trägt, an diesem Nachmittag aber magistratengerecht ein himmelblaues Hemd. Entspannt ist er zu Beginn des Gesprächs nicht, beim Fototermin in der Martinsgasse fehlt die Leichtigkeit. Sutter versucht, sich mit so was wie Armeschwingen und lautstarkem Ausschnaufen locker zu machen. Vielleicht macht ihm die Hitze zu schaffen. Viel eher aber ist er einfach ein bisschen verkopft. Weil er unbedingt gewählt werden will. Ein Blick auf seinen sorgfältig orchestrierten Lebenslauf, und es kommt unweigerlich der Gedanke auf, dass er das schon sehr lange will.

Begeisterter Zugfahrer: Von der Politik zur SBB Cargo

Spätestens wohl seit Mai 2009, als die damalige Finanzdirektorin Eva Herzog ihn als Generalsekretär einstellte. Er erlebte Regierungsarbeit erstmals hautnah, durfte als Kantonsangestellter trotzdem aber nur zuschauen. «Als hochpolitischer Mensch fehlte mit der Zeit schon etwas. Die Lust, in die Debatte einzusteigen, mich zu positionieren, war der Haupttreiber, mich als Grossratskandidaten aufstellen zu lassen und nach der Wahl bei Herzog zu kündigen.» Ein Glücksfall für die Basler Sozialdemokraten. Kaspar Sutter ist SP-Politiker durch und durch. Wenngleich einer, der auch mal aus den Reihen tanzt. Als er in den 1990ern Ökonomie und Staatswissenschaften studierte – und das erst noch in St.Gallen –, kam das nicht bei allen Genossen gut an: «Mir war aber klar: Wenn man sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen möchte, kommt man nicht darum herum, sich der Wirtschaft anzunähern. Sie ist ein dominanter Treiber, ich wollte die Vorgänge verstehen.»

Kaspar Sutter pflegt ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern: «Sie sind stolz auf mich.»

Kaspar Sutter pflegt ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern: «Sie sind stolz auf mich.»

In der Zeit des Studiums wurde er mit 20 in den Einwohnerrat von Allschwil gewählt – nach Kilchberg der zweite Wohnort der Familie Sutter. Für die SP, nicht die Grünen. Die SP trieb für Sutter Wichtiges wie die Alpeninitiative voran. Sie bot ihm wahrscheinlich auch mehr Möglichkeiten, voranzukommen. Etwa nach Brüssel. Da zog es den fleissigen Sutter Ende der 1990er hin – als Assistent der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament. Es folgten drei Jahre als politischer Sekretär der SP Schweiz. Danach hatte er erstmals genug vom Parteijob. Von 2005 bis 2009 arbeitete er als Projektleiter bei SBB Cargo. Sutter sagt, er habe seinen «Beitrag für die Verlagerung auf die Schiene» leisten wollen. Er selbst bezeichnet sich als begeisterten Zugfahrer. Mit der Familie – er ist Vater eines 12-jährigen Jungen und eines 7-jährigen Mädchens – verreist er oft per Interrail.

Mobilität ist das Thema, das ihn heute politisch am meisten umtreibt. Seit seiner Aufstellung als Regierungsratskandidat empfiehlt er sich als Nachfolger von Bau- und Verkehrsdirektor Hanspeter Wessels. «Es ist das urbanste Departement mit grossem Gestaltungsraum. Wie gehen wir mit dem knappen Platz in Zukunft um? Nutzen wir ihn für Grünanlagen, für Velowege, für Wohnhäuser?» Es sei höchste Zeit für eine Velo-Offensive: «Wir brauchen eine bessere Infrastruktur. Dass die Umsetzung mit Konflikten verbunden sein wird, ist mir bewusst.» Parkplätze etwa, so seine dezidierte Meinung, gehören «möglichst» unter den Boden.

Der Name Kaspar bedeutet Schatzmeister

Die Diskussion über seine Dossiers lässt Sutter auftauen. Manchmal blitzt gar Schalk in seinen Augen auf. Umso unangenehmer scheinen ihm persönliche Fragen. Etwa, was er für eine Beziehung zu den Eltern habe. Das sei doch nichts für die Zeitung, aber: «Sie sind stolz auf mich. Machen sich aber auch Sorgen, weil ich als Bau- und Verkehrsdirektor schon sehr exponiert wäre.» Er wisse, er brauche eine dicke Haut dafür.

Eigentlich müsste Sutter ja das Finanzdepartement übernehmen. Der Name Kaspar bedeutet so viel wie Schatzmeister. Darauf angesprochen, lacht er das helle Lachen eines brillanten Sängers, der seit Jahren Mitglied der A-cappella-Gruppe mit dem (hoffentlich) nicht ganz ernst gemeinten Namen «Brothers of Take That» ist. Da kann sich Sutter entkrampfen, den Kopf frei kriegen: «Das Gemeinschaftliche, Mehrstimmige liegt mir sehr.» Was auch für die Politik gilt. Sutter denkt in der Gruppe, beginnt im Wahlkampf Sätze oft mit «Wir wollen...». Deshalb ist für ihn als Teamplayer das Finanzdepartement vom Tisch: «Tanja Soland macht einen hervorragenden Job. Sie hat einen exzellenten Start hingelegt.»

Kaspar Sutter wird sich das insgeheim und sehnlichst auch für sich selber wünschen. Und es wohl kaum erwarten dürfen, endlich die Früchte seiner jahrelangen Arbeit zu ernten.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1