Ausstellung
Die Amazonas-Region entfaltet sich im Museum der Kulturen

Rollen von Gegenständen aus dem Amazonasgebiet nimmt das Museum der Kulturen Basel unter die Lupe: Die Ausstellung "Was jetzt? Bedeutung der Dinge am Amazonas" beleuchtet deren Bedeutung für dortige Völker sowie als Kulturvermittler in hiesigen Sammlungen.

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Männliche Statue foonhunraaga Ocaina/Witoto, Kolumbien, Anfang 1960er Jahre Die verwitterte Statue wurde 1969 in einem nicht mehr bewohnten Gemeinschaftshaus der Ocaina gefunden. Je zwei weibliche und zwei männliche Statuen begleiten über mehrere Zeremonien hinweg die Übergabe eines rituellen Ranges vom Vater an den Sohn.
15 Bilder
Bemaltes Jaguarfell adugo biri Bororo, Brasilien, 1885-1893 In den Totenfeiern der Bororo spielen die bemalten Jaguarfelle eine zentrale Rolle. Ein Höhepunkt der Totenfeiern ist die Besänftigung des Geistes des getöteten Jaguars.
Maske Waurá, Brasilien, vor 1964 Masken der Waurá personifizieren verschiedene Geisterwesen.
Schlitztrommel-Paar jua-raï Hersteller Augusto Kuiru Witoto, Kolumbien Die Schlitztrommeln sind Instrumente, um Botschaften über mehrere Kilometer zu übermitteln. Werden die Trommeln von einem Zeremonialmeister des zïkïi-Ranges nach rituellen Vorschriften hergestellt, gelten sie als sakral. Die immer als Paar hergestellten Trommeln symbolisieren den ersten Manioksteckling, den der Schöpfervater der Frau zum Pflanzen gab.
Maskenkostüm Tukano, Brasilien Bei Totenfeiern kommen die Seelen der Verstorbenen oder Totengeister auf die Erde. Sie nehmen dabei die Gestalt der Tiergeister an, die auf den Masken dargestellt sind. Während der Totenfeiern wechseln sich Trauer und Klage mit euphorischen Auftritten der Maskentänzer ab. Zum Abschluss des Trauerzyklus werden die Masken verbrannt, damit die Totengeister nicht zurückkehren können.
Tanzbalken lladiko Witoto, Kolumbien Der Tanzbalken dient, auf zwei Holzhöcker gestellt, als Rhythmus-Instrument zur Begleitung der Gesänge und Tänze während des lladiko-Festes. Am hinteren Ende ist eine Krokodilfigur eingeschnitzt, am vorderen Ende das Gesicht der Urmutter. Trotz dieser weiblichen Symbolik wird der Tanzbalken mit dem Männlichen, dem Schöpfervater, assoziiert. Der Tanzbalken symbolisiert den unteren Teil eines Maniokhalmes der aus der Wurzel spriesst – für die Witoto Sinnbild für den Ursprung des Lebens.
Trompeten duru Yudjá, Brasilien, 2006 Das Trompetenduo duru ist das sakrale Musikinstrument der Yudjá. Dem Auftritt der Trompeten wird eine grosse Wirkungsmacht zugeschrieben. Frauen dürfen das Instrument nicht anfassen.
Deckenscheiben maluwana oder maruana Aparai, Brasilien, um 1923 Die Deckenscheiben dienen Gemeinschaftshäusern der Wayana-Aparai als Schutz. Den verwendeten Materialien und mythologischen Dekorationen werden Kräfte zugeschrieben.
Ein kleiner Rundgang
«Was jetzt? Aufstand der Dinge am Amazonas»

Männliche Statue foonhunraaga Ocaina/Witoto, Kolumbien, Anfang 1960er Jahre Die verwitterte Statue wurde 1969 in einem nicht mehr bewohnten Gemeinschaftshaus der Ocaina gefunden. Je zwei weibliche und zwei männliche Statuen begleiten über mehrere Zeremonien hinweg die Übergabe eines rituellen Ranges vom Vater an den Sohn.

Museum der Kulturen

In ethnographischen Sammlungen zusammengetragene Gegenstände sind Konzentrate von Geschichten über das Leben ferner Völker. So haben in Amazonien manche Dinge tragende rituelle Rollen bei der Menschwerdung, der Ausgestaltung sozialer Beziehungen oder der Visualisierung von Identitäten.

Liegen diese Dinge - etwa bemalte Tierhäute oder Schnitzskulpturen - in europäischen Museen, können sie ihre Ur-Rolle nicht spielen, weil die Menschen jener Kultur fehlen. Sie übernehmen aber neue Rollen, indem sie Vergleiche ermöglichen und intellektuelle Konzepte transportieren: Was bedeutet etwas und wie benutzt man es?

Der Ansatz der neuen Sonderschau im Museum der Kulturen klingt kopflastig, ist aber wichtig für die Legitimation von Sammlungen weitab des Herkunftsortes. 250 Exponate aus eigenen Beständen auf 600 Quadratmetern regen ab Freitag und noch bis Ende September zum Nachdenken an und ermöglichen überraschende Einblicke.

Indigene forschen in Basel

Basel hat nach eigenen Angaben eine der europaweit bedeutendsten Amazonien-Sammlungen - einige indigene Kulturen aus dem Gebiet sind inzwischen am Verschwinden. Manche Gegenstände haben Ethnologen, Missionare oder Laien von Reisen mitgebracht, doch heute bieten auch indigene Vertreter selber dem Museum eigene Objekte an.

Die Basler Sammlung gilt unter Forschenden und Ausstellungsmachenden als Referenz-Sammlung für die historisch wichtige Zeit zwischen 1950 und 2010. Seit etwa zehn Jahren nutzen aber auch Indigene diese Sammlung als Quelle für die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte.

Die Ausstellung dokumentiert auch aktuelle Grossprojekte wie den Belo-Monte-Staudamm in Brasilien, der die Amazonas-Region einschneidend und unwiderruflich verändern wird. Anhand von fünf Teil-Sammlungen wird erörtert, was solches für Herkunftsgemeinschaften, Sammler und Forscher bedeutet.

So entsteht ein Spannungsbogen von der Forschung nach der Wirkungsmächtigkeit von Dingen bis zu Handlungsspielräumen indigener Akteure im globalen Kontext. Dabei wird erkennbar, wie die Globalisierung letztlich auch Verantwortung für vermeintlich weit abgelegene Kulturen verbreitet.