Theaterfestival Basel

Die Ballettschule als Horrorkabinett

Am Theaterfestival Basel haben Florentina Holzinger und ihr Frauenensemble ihr gefeiertes Stück «Tanz» gezeigt. Eine kluge Zumutung.

Florentina Holzinger, österreichische Choreografin, Jahrgang 1986, ist eine radikale Künstlerin. Mit ihrem Ensemble setzt sie seit einigen Jahren verstörende und aufsehenerregende Arbeiten in die europäische Tanzlandschaft. Ihr Markenzeichen: Es stehen nur Frauen auf der Bühne, generationenübergreifend, meistens splitternackt. Sie zelebrieren wilde Shows, die zwischen Tanz, Splattermovie und Grand Guignol oszillieren.

Holzinger selbst sagt, man müsse etwas bieten, wenn das Theater weiterleben soll. Die Resonanz gibt ihr recht. «Tanz», ihre jüngste Arbeit, wurde von der Fachzeitschrift «Theater heute» zur Inszenierung des Jahres gekürt. Holzinger wird ab der Saison 2021/22 zur künstlerischen Leitung der Berliner Volksbühne um René Pollesch gehören.

In dem am Theaterfestival Basel erstmals in der Schweiz gezeigten Stück, nimmt sich das Ensemble dem klassischen Ballett an. Der Untertitel, «Eine sylphidische Träumerei in Stunts», nimmt Bezug auf das romantische Ballett «La Sylphide», mit welchem Filippo Taglioni 1832 einen Grundstein für das klassische, europäische Ballett gelegt hat. Darin treiben die Sylphiden, mythische Naturgeister, ein tödliches Spiel mit einem Brautpaar. Ein gefundenes Fressen, für Frauen, die selbstermächtigt und alles andere als tippelnde Ballerinas sind.

An die Schmerzgrenze und darüber hinaus

Am Anfang ist Ballettschule angesagt. Unter der Ägide einer älteren Lehrerin üben die Schülerinnen endlos Schrittfolgen am Barren. Die von der Meisterin befohlene Nacktheit der Frauen macht augenscheinlich, wie brutal und erzwungen diese Körpersprache ist. Die Virtuosinnenschule erscheint hier als einziger Übergriff auf den Frauenkörper, inklusive Vaginainspektion, Präsentation derselben für’s Publikum, und Masturbationsanleitungen.  Was für andere Choreografinnen bereits der Gipfel der Grenzüberschreitung wäre, ist bei Holzinger und ihrer Truppe erst der Anfang. 

Eine zahnlose, junge Hexe, auf einem Staubsaugerrohr reitend, kotzt an die Rampe und iniziiert das Losbrechen der natürlichen, surrealen Kräfte. Die Elevinnen lassen das Üben. Sie reiten bald nackt auf an Seilen hängenden Motocrossrädern, ein feuchter Männertraum, genauso wie es einst Tutu-tragende Ballerinas waren.

Der klassischen Vorlage folgend führt Holzinger im zweiten Akt ins verwunschene Land der Sylphiden. Und da brechen sich die unheimlichen Frauenträume die Bahn: Die Lehrerin gebiert blutverschmiert eine Ratte, ein Baby wird im Hexentopf ersäuft, wieder schweben die Frauen auf den Motorrädern, aber der wirkliche Sylphidenflug steht erst noch an. In Nahaufnahme ist zu sehen, wie einer Performerin Haken durch die Rückenhaut gestochen werden. An diesen wird sie per Flaschenzug in die Höhe gezogen. Seht her, so die böse Botschaft, so geht Schwerelosigkeit mit Frauenkörper.

Doch die Performerin löst das schmerzhafte Bild rasch auf und tanzt an den Haken schwebend im Theaterhimmel. Holzinger macht ihre Provokationen, den ganzen Halloween-Trash inklusive Bodennebel, das Kunstblutbad mit abgesägten Armen und Beinen transparent und letztendlich als Theatermittel lesbar. Wie in der Tradition der Splattermovies ist der Horror dermassen überdreht, dass wir darüber lachen können. So ist es auch hier. Schock und Humor halten sich die Waage. Ein spassiges Wechselbad, das auf Dauer aber auch ermüden kann.

Theaterfestival Basel, bis 6. September, www.theaterfestival.ch

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