Kunstszene
«Die beste Idee nützt nichts, wenn man rote Zahlen schreibt»

Die Initiative Kreativwirtschaft hat ihre Förderstrukturen überarbeitet. SP-Grossrat Tobit Schäfer bemängelte die geringen öffentliche Wirkung der Initiative Kreativwirtschaft. Ob das Angebot über 2013 hinaus bestehen wird, ist offen.

Miriam Glass
Drucken
Lässt Kritik abprallen: IKB-Chef Martin Heller. Markus Bertschi

Lässt Kritik abprallen: IKB-Chef Martin Heller. Markus Bertschi

Die Initiative Kreativwirtschaft (IKB), 2010 ins Leben gerufen vom Kanton Basel Stadt, bietet Wirtschaftsförderung für regionale Architekten und Designer an. Im Herbst wurde Kritik aus der Kreativszene laut, zwei Mitglieder aus dem Leitungsgremium der IKB traten zurück. SP-Grossrat Tobit Schäfer bemängelte in einer Interpellation die geringe öffentliche Wirkung der IKB und verlangte Auskunft zur Verwendung der Gelder.

Nun wollen die Verantwortlichen direkt auf einzelne Kreative zugehen und ihnen ihre Programme schmackhaft machen, sagt Kulturunternehmer und IKB-Chef Martin Heller. Zwar könne sich weiterhin jeder bewerben, aber: «Das Fenster steht nicht endlos lange offen.»

Herr Heller, nach Kritik in Kreativszene und Medien und einer Interpellation auf politischer Ebene entsteht der Eindruck: Die Arbeit der IKB ist nicht angelaufen wie gewünscht.

Martin Heller: Ich sehe das anders. Aber es kommt wohl auf die Erwartungshaltung an. Andere Städte beneiden Basel um die IKB. Nirgendwo sonst in der Schweiz gibt es etwas Ähnliches – entweder mangelt es an Geld oder an Offenheit, oder es fehlt an beidem. Zu erwarten, dass in einem solchen Projekt von Anfang an alles glatt läuft, ist absurd.

Trotzdem: Die IKB hat ihre Förderstrukturen überarbeitet. Wo lagen die Probleme?

Am Anfang gab es ein grundlegendes Missverständnis: Viele nahmen an, dass wir Kulturförderung betreiben. Aber wir konzentrieren uns auf Wirtschaftsförderung. Das ist etwas völlig anderes.

Was ist der Unterschied?

Ganz einfach: Kulturförderung sucht die kulturelle Wirkung, während Wirtschaftsförderung ökonomische Fortschritte anstrebt.

Das Interesse an Ihren Angeboten scheint in der Kreativszene gering.

Das kann man so nicht sagen. Die Nachfrage nimmt ständig zu. Äusserst beliebt ist zum Beispiel unsere Veranstaltungsreihe «Erfolgsgeschichten», in der international erfolgreiche Kreative von ihren Business-Erfahrungen berichten.

Beim Angebot «Businessplan Challenge» wird der Businessplan eines Kreativunternehmens geprüft. Wie oft wurde das bisher in Anspruch genommen?

Ein Mal.

Warum nicht öfter?

Weil es ein sehr aufwendiger Prozess ist, der zudem richtig hart sein kann. Bei so einer Beratung zeigt man alles her – das Herzblut, das im eigenen Projekt steckt, aber natürlich auch dessen Schwächen. Das braucht Zeit, Mut und Willen.

Warum machen Basels Kreative da nicht mit?

Das müssen Sie nicht mich fragen, sondern jene, die von einem solchen Check profitieren könnten.

Sind die Angebote denn richtig für die Zielgruppe?

Wir machen Angebote, von deren Richtigkeit wir mittel- und langfristig überzeugt sind, und zwar aus dem Blickwinkel der Wirtschaftsförderung. Gerade in der Designszene findet man viele ganz kleine Unternehmen, die wirtschaftlich nur schlecht funktionieren. Bei den Architekten ist es anders. Da gibt es bis hin zu den Stars von Herzog & de Meuron mehr Vorbilder; Einsteiger können sich an Büros jeder Grösse orientieren, und es ist ein Bewusstsein da für unternehmerische Fragen. Die Designer verorten sich meist eher im Kulturbereich als in der Wirtschaft. Sie denken an ihre Inhalte und Formen. Ich kann das gut verstehen. Aber die besten Ideen nützen nichts, wenn man rote Zahlen schreibt.

Sie erreichen die Designer nicht?

Doch. Aber wir haben mit der Zeit gemerkt, dass wir eine klare Trennung machen müssen: zwischen denen, die unternehmerisch tätig sein wollen, und denen, die das nicht suchen, sich aber dennoch Förderung erhoffen für ihre Projekte. Letzteres ist nichts Negatives, aber fällt nicht in unsere Aufgabe. Wir wissen mittlerweile, wer hungrig ist nach unseren Angeboten – auf sie werden wir uns konzentrieren.

Ist das eine Drohung an Basler Designer: Wenn ihr jetzt nicht auf uns zukommt, ist der Zug abgefahren?

Warum sollte ich drohen? Ich beschreibe bloss die Situation. In Berlin haben wir kürzlich eine Ausschreibung gemacht für eine kleine Ausstellung – innert zwei Wochen gingen 90 Konzepte ein, zum Teil sehr gute. Warum? In Berlin gibt es eine weitaus höhere Dichte an Kreativen, und zugleich nicht die materielle Saturiertheit der Schweiz. In Basel ist die Realität eine andere, und wir versuchen, sinnvoll auf sie zu reagieren. Darum suchen wir gezielt nach jenen, die interessant sind für die IKB-Programme. Das heisst nicht, dass die anderen abgehängt würden. Aber das Fenster steht nicht endlos lange offen.

Was braucht es denn, um für die IKB-Förderung interessant zu sein?

Wiederum ganz einfach: Lust auf wirtschaftlichen Erfolg, und die Fähigkeiten dazu.

Ist die Situation in Basel besonders schwierig?

Nein, aber unser Angebot ist neu und muss sich erst etablieren. Geschadet hat uns die Auseinandersetzung in den Medien. Unzufriedene aus der Kreativszene werden anonym zitiert, und man merkt, dass viele Journalisten mit fixem Monatslohn sich noch nie überlegen mussten, was Unternehmertum bedeutet, und wie es zu fördern wäre.

Vor der Designmesse Blickfang in Basel sagten mehrere Designer, an derselben Messe in Zürich auszustellen sei lohnender als in Basel. Wie kommt das?

Zürich hat ein kaufkräftigeres und internationaleres Publikum sowie eine grössere Dichte an Gestaltern und an Anlässen im Designbereich. Was es da an Netzen und an Veranstaltungsprogrammen gibt, ist mit Basel kaum vergleichbar. Dazu kommt, dass glücklicherweise jeder Lokalpatriotismus fehlt.

Ein Ziel der IKB ist die Erhöhung der Wertschöpfung und der Anzahl Beschäftigter in der Kreativwirtschaft. Wird das bis Ende Jahr erreicht?

Das kann ich noch nicht wissen. Es ist eine sehr ehrgeizige Vorgabe für eine Zeit von drei Jahren. Bis man einen messbaren positiven Effekt hat, dauert es üblicherweise länger.

Was braucht es, damit das gelingt, ausser Zeit?

Es braucht Leute, die an den Standort glauben und darin investieren. Viele im Bereich Grafik, Werbung und Medien sind weggegangen, auch die Galerienszene ist massiv geschrumpft.

Warum?

Das hat viele Gründe. Politische, wirtschaftliche und kulturelle. Ein Beispiel aus der Kultur: Basel hat 1996 das Museum für Gestaltung geschlossen. Das kann doch nicht sein in einer Stadt, die Design als Standortfaktor pflegen will!

Im Leitungsgremium der IKB sassen zwei Kreative aus Basel: die Modedesignerin Claudia Güdel und die Kuratorin Annina Zimmermann. Beide sind ausgeschieden. Jetzt fehlt die Anbindung an die lokale Szene. Ein Problem?

Überhaupt nicht. Unser Geschäftsführer Raphael Rossel ist in der Szene bestens vernetzt.

Warum sind Zimmermann und Güdel nicht mehr dabei?

Wir hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen über Ziel und Zweck der IKB.

Die IKB hat ein Budget von 996 000 Franken. 700 000 Franken werden intern verwendet. Ein Ungleichgewicht.

Das ist wohl ein schlechter Witz? Ein Beispiel: Wenn Designer sich über unsere Formate informieren möchten, erhalten sie auf Wunsch ein mehrstündiges Gespräch mit unserem Geschäftsführer. Dieser klärt mit ihnen ab, welche Art von Förderung infrage kommen könnten – kostenlos. Solche Dinge und unser gesamtes Angebot bezahlen wir mit Ihren «intern verwendeten» Geldern. Also: Wir bieten nicht Verwaltung, sondern Inhalt, Inhalt und nochmals Inhalt.

Aktuelle Nachrichten