Kennen Sie Armin Capaul? Wahrscheinlich ja. Denn den urchigen, mit einer gehörigen Portion Schalk ausgestatteten Bergbauern vom Berner Jura kennt mittlerweile fast die ganze Schweiz als erfolgreichen Lobbyisten zugunsten behornter Kühe und Ziegen. Und es würde nicht überraschen, wenn er am Abstimmungssonntag in zweieinhalb Wochen die Ziellinie mit seiner Hornkuh-Initiative als grosser Sieger durchlaufen würde.

Kennen Sie Claudia Capaul? Wahrscheinlich nicht. Doch auch die smarte Bergbäuerin und Ehefrau von Armin Capaul spielt eine zentrale Rolle rund um die Hornkuh-Initiative. Kaspar Schuler, Leiter der Abstimmungskampagne und ehemaliger Geschäftsführer von Greenpeace Schweiz, sagt es so: «Ich kenne Claudia und Armin schon sehr lange. Armin ist der Indianer und beseelt von der Natur, Claudia ist das intellektuelle Pendant zu ihm. Sie ist bodennah und realistisch und managt ihn. Zusammen sind sie ein Dream-Team und ergänzen sich super.»

Vor 65 Jahren deutete nichts darauf hin, dass Claudia Capaul eines Tages einen Pflock in der Schweizer Landwirtschaftspolitik miteinschlagen könnte. Denn sie kam als Claudia Lachenmeier im Kleinbasel und damit in einer der landwirtschaftsfernsten Ecken der Schweiz zur Welt; als Tochter eines bekannten Schreinermeisters übrigens.

Vor fast 40 Jahren wurde das Fundament für die Initiative gelegt

Und als es um die Berufswahl ging, spurte sie in den Lehrerberuf ein. Als ihre Kleinklasse in Basel aber nach zwei Jahren aufgehoben wurde, riss sie das berufliche Steuer herum und folgte ihrem Herzen: Sie absolvierte ein Landwirtschaftspraktikum im Bündnerland.

Dort lernte sie Armin Capaul kennen und folgte nochmals ihrem Herzen. Das jedoch nur nach vorgängigem Härtetest. Denn ein Alpsommer mit ihm reichte ihr nicht, denn so lange könne man sich verstellen. Also hängte das junge Paar einen zweiten, gemeinsamen Alpsommer an.

In diesen beiden Alpsommern vor fast 40 Jahren wurde das Fundament für die Hornkuh-Initiative gelegt. Claudia Capaul erzählt: «Damals kamen die ersten hornlosen Kühe aus dem Unterland zu uns auf die Alp. Uns fiel sofort auf, dass sie orientierungsloser waren als ihre Artgenossen mit Hörnern. Dadurch liessen sie sich auch schlechter treiben.»

Mit dem Basler Dialekt eine Fremde

Armin bestand derweilen den Härtetest, trotzdem erhielt er nochmals eine Auflage. Dazu seine spätere Frau: «Ich sagte ihm, dass das nichts aus uns werde, wenn er jetzt nicht einen Bauernhof suche. Denn vom Träumen konnten wir nicht leben.»

So landete das Paar als erste Station auf einem Pachthof im bernischen Guggisberg, später mit seinen mittlerweile drei Kindern im bündnerischen Trans, einem kleinen Nest hoch über dem Domleschg.

Hier mussten die Capauls ihre Lebensweichen neu justieren. Armin Capaul, der nichts lieber als zurück ins Bündnerland hatte gehen wollen, musste erkennen, dass Bündnerland nicht gleich Heimat ist. Denn in Trans war er ein Fremder und wurde auch als solcher behandelt. Und Claudia Capaul mit ihrem Basler Dialekt war noch viel mehr Aussenseiterin.

Unterstützung für Bio-Landwirtschaft in den Bergen

Zurückblickend sagt sie: «Ich konnte mich hier überhaupt nicht entfalten. Die Einheimischen vertrugen mein Selbstbewusstsein nicht und wollten mich nicht als Schulratspräsidentin. Also musste ich mir etwas anderes suchen.»

So begann sie, sich beim Verein Schweizer Bergheimat zu engagieren. Dieser Verein unterstützt Ausstiegswillige, die in den Bergen biologisch bauern wollen, finanziell und ideell. Claudia Capaul präsidierte ihn neun Jahre lang und baute sich damit ein breites Beziehungsnetz auf.

Auch die Capauls selbst erhielten vom Verein ein Darlehen, um sich einen eigenen Hof kaufen zu können. Denn wie in Guggisberg wurde der Familie auch in Trans nach einer Pachtperiode wegen Eigenbedarf gekündigt.

Umzug ins Tal im Schoss

So landeten sie vor 24 Jahren in Perrefitte im Berner Jura, wenige Kilometer von Moutier entfernt. Ihr Hof heisst Valengiron, auf Deutsch Tal im Schoss. Claudia Capaul schwärmt: «Dieser Name passt. Die Geländekammer erinnert mich immer an eine Gebärmutter. Entsprechend geborgen fühle ich mich hier.»

Um zu Capauls Hof zu gelangen, muss man denn zuerst auch eine kleine Klus passieren und über ein steiles Mergelsträsschen auf fast 1000 Meter über Meer ansteigen. Oben angekommen, wird man mit einem wunderschönen Blick über Wälder, Wiesen und Obstbäume belohnt.

In die Idylle passt das weidende Braunvieh inklusive Muni – alle behornt –, die Geissen am Steilhang – alle behornt –, die Hühner sowie die kleine Schafherde mitsamt zwei Eseln, welche die Schafe vor dem Luchs schützen sollen.

Die Initiative ist das Finale des Marathons

Doch in den vergangenen Jahren war diese Ruhe oft von Hektik überlagert. Dazu Claudia Capaul: «Die Hornkuh-Initiative hat unser Familienleben geprägt. Es gab Zeiten, da war unsere Wohnung mit Ausnahme des Schlafzimmers voll von Journalisten aus der halben Welt.»

Wobei die Initiative nur das Finale eines Marathons ist, der damals vor fast 40 Jahren beim ersten gemeinsamen Alpsommer von Armin und Claudia Capaul begonnen hat. Seither versuchen sie Gegensteuer gegen die fortschreitende Enthornung der Kühe zu geben – heute tragen laut Initianten nur noch etwa zehn Prozent der Schweizer Kühe ihren angestammten Kopfschmuck.

Zuerst mit Schreiben ans Bundesamt für Landwirtschaft, mit Vorstössen im Bundesparlament und mit einer Petition mit 18 000 Unterschriften. Danach hatte Claudia Capaul genug, doch sie machte die Rechnung ohne ihren Mann: «Armin war nicht mehr zu bremsen. Er wollte unbedingt eine Initiative lancieren, wie es ihm Bundesrat Schneider-Ammann mehr als Witz empfohlen hatte.»

Nach der Abstimmung kommen die Capauls auf den Hund

Sie zog mit, gab aber schon bald den Tarif durch: «Zum ersten Mal sammelte Armin vor dem Zolli in Basel Unterschriften. Als er abends mit 15 Unterschriften heimkam, sagte ich ihm, er solle doch mal rechnen. Mit weniger als hundert Unterschriften müsse er gar nicht mehr heimkommen.» Auch organisatorisch hievte sie ihn in die Neuzeit, indem sie ihn überzeugte, professionelle Hilfe von aussen anzunehmen, ein Büro einzurichten und ein Smartphone zu kaufen.

Nach dem 25. November wird Capauls Bienenhaus – sie wohnen mittlerweile im vom ältesten Sohn erbauten Stöckli und haben den Hof an den zweitältesten Sohn übergeben – wieder zum ruhigen Idyll. Folgt dann der Sturz ins Loch? «Ich falle sicher nicht in ein Loch, sondern bin froh, wenn das Ganze vorbei ist. Armin wird die Aufmerksamkeit schon etwas vermissen», vermutet Claudia Capaul.

Ablenken wird ihn dann etwas, was er sich schon lange wünscht, aber von seiner Frau auf die Nachabstimmungszeit vertagt wurde – ein junger Hund. Und zwar ein Bergamasker, der sich als Treib- und als Wachhund im abgelegenen Valengiron eignet.

Zeit für Energie, Märchen und Heilung

Claudia Capaul wird nach geschlagener Abstimmungsschlacht wieder mehr Zeit für ihre Lieblingsbeschäftigung haben: «Ich melke wahnsinnig gerne von Hand. Diese rhythmische Bewegung, bei der man sich an die Kuh lehnt und in ihre Energie eintaucht, ist etwas sehr Schönes.» Die Kuh sei denn auch ihr Lieblingstier.

Und dann ist da noch etwas, was Claudia Capaul seit ihrer Zeit als junge Lehrerin begleitet und sie noch heute mit Enthusiasmus macht: Märchen erzählen. Seit 16 Jahren sogar professionell, denn sie absolvierte eine zweijährige Ausbildung als Märchenerzählerin.

Zum Stellenwert von Märchen sagt sie: «Märchen zu erzählen ist auch Heilarbeit. Denn sie haben eine heilende Wirkung auf die Psyche.» Sie muss es wissen: Jahrzehntelang betreute sie als weiteres Standbein Jugendliche, die aus allen Rastern gefallen sind; den jüngeren erzählte sie auch Märchen. «In Extremfällen versuchten wir, aus wilden Tieren Menschen zu machen. Das war ein sehr intensives Engagement.»

Ihr nächster öffentlicher Märchenauftritt findet übrigens heute Abend im «Kreuz» in Solothurn statt. Die Geschichten, die sie dort erzählt? «Von Kühen, Geissen und anderen Gehörnten.»