Isolation

Die Insel als Gefängnis: Ein Laufentaler dreht den Film der Stunde

Keine Feriendestination: Die italienische Insel Gorgona kann in den Sommermonaten nur nach Voranmeldung besucht werden.

Keine Feriendestination: Die italienische Insel Gorgona kann in den Sommermonaten nur nach Voranmeldung besucht werden.

Das Leben als Schicksalsgemeinschaft: Mit «Isola» ist dem Laufentaler Aurelio Buchwalder ein Dokumentarfilm mit verblüffendem Aktualitätsbezug geglückt.

Abgesagt. Anfang Mai hätte der Dokumentarfilm «Isola» über die italienische Gefängnisinsel Gorgona in Basel gezeigt werden sollen, mit anschliessender Podiumsdiskussion. Doch der Termin ist geplatzt, genau wie die Preisverleihung im Rahmen des Schweizer Filmpreises: ­Regisseur Aurelio Buchhalter wartet immer noch darauf, dass «Isola» als beste Abschlussarbeit des Jahres 2020 mit einem offiziellen Festakt gewürdigt wird. Auch Locarno fällt als ­Verschiebedatum aus, der ­Anlass steht weiter offen. «Das ist sehr schade», sagt der Filmemacher am Telefon. «Es wäre eine Gelegenheit gewesen, die anderen Ausgezeichneten kennenzulernen.»

Buchwalder, Jahrgang 1987 und im Laufental aufgewachsen, hat an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Film studiert. Seit sieben Jahren arbeitet er als Kameramann, vor allem für Dokumentarfilme. Wie viele Selbständigerwerbende hatte er Einbussen, weil sämtliche Filmdrehs verschoben wurden. Vor kurzem stand er erstmals wieder hinter der Kamera – für einen Film, dessen Protagonisten zur Risikogruppe zählen. «Wir arbeiteten mit Masken und Sicherheitsabstand.» Schwierig also. Umso bemerkenswerter, dass Buchwalder mit «Isola», die Insel, ein Film mit verblüffendem Aktualitätsbezug gelungen ist.

Insel klingt eigentlich nach Ferien. Warum haben Sie eine Strafkolonie gewählt?

Aurelio Buchwalder: Das war ­Zufall. Vor fünf Jahren stand ich am Hafen von Livorno, da fiel mir zwischen den grossen Frachtern ein kleiner Kutter auf, beladen mit Heuballen und Schafen. Ich fragte mich, wohin das Schiff wohl will. So erfuhr ich von der landwirtschaftlichen Strafkolonie auf Gorgona. Zwei Jahre später durfte ich für Recherchezwecke zwei Tage auf die Insel. Schliesslich sass ich dann zehn Tage fest.

Wieso denn das?

Das Wetter war Anfang Februar so schlecht, dass das Polizeiboot die Insel nicht mehr erreichen konnte. Für mich war es ein Glück, denn so konnte ich die Isolation hautnah miterleben. Ich durfte zwar noch nicht mit den Häftlingen sprechen, dafür aber mit den Wärtern und dem Gefängnispsychologen. Daraus entstand die Idee für den Film.

Mit Corona glauben wir, das Gefühl der Isolation zu kennen. Wie fühlte es sich auf der Gefängnisinsel an?

Im ersten Augenblick habe ich davon nichts gemerkt. Ich fragte mich, wo dieses Gefängnis sein soll, bis mir klar wurde: Die Insel selbst ist das Gefängnis. Dieser Widerspruch zwischen der geschlossenen Gefängniswelt und der Naturidylle hat mich von ­Anfang an interessiert. Im Winter wird die Abgeschiedenheit erst richtig spürbar, darum habe ich mich auch entschieden, in dieser Jahreszeit zu drehen.

Wie ist diese Situation für die Bewohner der Insel?

Gefangen fühlt sich vor allem das Aufsichtspersonal. Die Häftlinge von Gorgona gehören in der Gefängnislandschaft Italiens eher zu den Privilegierten: Es gibt ein strenges Auswahlverfahren; sie müssen sich bewerben, um auf der Insel das Ende ihrer mehrjährigen Haftstrafe verbüssen zu dürfen.

Wie kommt das Personal damit zurecht?

Die Wärter wohnen natürlich nicht permanent dort, aber es handelt sich schon um eine Art Zwangsgemeinschaft. Wie viele der Insassen stammt auch das Personal mehrheitlich aus dem Süden Italiens, das ist ein langer Heimweg. Sie kehren oft erst nach drei, vier Arbeitswochen für zwei Wochen zu ihren Familien zurück. Die Schichten werden unregelmässig zugeteilt, dadurch fehlt auf der Insel ein geregelter Arbeitsrhythmus – vor ein paar Jahren gab es sogar einen Hungerstreik der Wärter.

Wer meldet sich freiwillig für eine solche Arbeit?

Es sind meist Männer aus unterprivilegierten Verhältnissen, oft mit einer militärischen Vorbildung. Es gibt ein Punktesystem, das ihnen die harten Arbeitsbedingungen höher anrechnet, so dass sie schneller entscheiden können, wohin sie sich vor ihrer Pensionierung versetzen lassen wollen.

Fühlten Sie sich auf der Insel nie unsicher?

Nein, ich musste eigentlich keine Angst haben. Anders als in den teils überbelegten Gefängnissen auf dem Festland können sich die Gefangenen auf Gorgona viel freier bewegen und arbeiten. Aber es gibt ein komplexes System, das auf Belohnung und Bestrafung basiert: Beim kleinsten Vergehen werden die Insassen versetzt. Das wirkt sich auf ihr Verhalten aus.

«Es gab einige, die nicht vor die Kamera wollten, meistens jene mit einem Migrationshintergrund, deren Familie nichts von ihrer Haft wussten.»

Aurelio Buchwalder, Regisseur

«Es gab einige, die nicht vor die Kamera wollten, meistens jene mit einem Migrationshintergrund, deren Familie nichts von ihrer Haft wussten.»

Waren die Insassen damit einverstanden, dass sie gefilmt wurden?

Es gab einige, die nicht vor die Kamera wollten, meistens jene mit einem Migrationshintergrund, deren Familie nichts von ihrer Haft wussten. Andere ­versuchten die Gelegenheit zu nutzen, um sich in den Augen der Öffentlichkeit reinzuwaschen. Das hat mich aber weniger interessiert, ich suchte einen anderen Zugang.

Welchen?

Es wird in Gefängnissen eine eigene, sehr bildhafte Sprache gesprochen, die so sonst nirgends verwendet wird, wie mir auch der Gefängnispsychologe bestätigte. Die Gefangenen ­sagen etwa «Ich mach dir ein Velo», wenn sie jemanden anzuschwärzen drohen. Einer der ­Insassen fiel mir auch deshalb auf, weil er ständig zitierte, Shakespeare zum Beispiel. An diese Bildhaftigkeit versuchte ich anzuknüpfen.

Der Psychologe, den Sie erwähnen, ist eine tragische Figur: Er bleibt, während seine Klienten gehen.

Als ich ihn zum ersten Mal traf, hielt ich ihn für einen Häftling, erst beim Nachtessen klärte sich seine Funktion auf. Von ­allen hat er die längste Zeit auf Gorgona verbracht: über dreissig Jahre. Die Tragik der Insel ist ihre ­Abgeschiedenheit, obwohl die Eingliederungsmassnahmen auch begleitete Ausgänge auf dem Festland vorsehen. Das erlaubt eine gewisse Annäherung an die Normalität. Die Rolle des Psychologen besteht darin, diese ein Stück weit in den Alltag der Häftlinge zu bringen.

Und wie kehren wir selbst am besten in die Normalität zurück?

Um auf meinen ersten, unfreiwillig verlängerten Aufenthalt auf der Insel zurückzukommen: Ich habe ihn sehr wertgeschätzt. Ich war bei den Wärtern stationiert und habe ihren Tages­ablauf mitgemacht. Dazwischen ging ich spazieren, las oder schrieb. So gewöhnte ich mich ein und stellte mir vor, wie das wohl ­früher gewesen sein mochte, als Eremiten auf Gorgona lebten. Für mich war es eine Art Klausur. Wenn man sich darauf einlässt, kann es auf persönlicher Ebene viel bringen. Die jetzige Situation könnte aber auch zum Bewusstsein führen, dass die Welt uns alle miteinander in einen Zusammenhang und somit in eine Verantwortung stellt.

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