Kunstausleihe

DOCK bietet Basler Bilder für jede Wand

Mieter und Mieterinnen sollen die Werke selbst abholen: im Atelier von Jung-Yeun Jang.

Mieter und Mieterinnen sollen die Werke selbst abholen: im Atelier von Jung-Yeun Jang.

Der Basler Kunstraum DOCK verhilft nun auch privaten Kunstliebhabern zu Leihgaben, die für ein halbes Jahr gemietet werden können.

Der Blick der elegant gekleideten Frau mit den kurzen braunen Haaren hat etwas Verführerisches: Halb hinter einem Vorhang versteckt blickt sie, auf einer Fensterbank sitzend, ganz leicht an der Betrachterin oder dem Betrachter vorbei in Richtung einer nicht sichtbaren zweiten Person.

Das 2003 entstandene Ölbild «Tissu fleuri» der Basler Künstlerin mit südkoreanischen Wurzeln, Jung-Yeun Jang, kann man mieten. Für 980 Franken für ein halbes Jahr. Bedingung ist, dass man eine genug grosse leere Fläche an einer Wohnungswand frei hat, denn mit den Ausmassen von 130 mal 160 Zentimetern ist es doch ziemlich gross.

Liebe auf den zweiten oder auch dritten Blick

Dafür kann man sich als Kunst-Mieter über ein einnehmendes Werk einer renommierten Künstlerin freuen, deren Namen weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt ist. Jangs Bilder, die stilistisch am ehesten als Hybride zwischen Hyperrealismus und Pop Art einzuordnen sind, waren und sind in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Basel, Berlin, Paris und Seoul zu sehen.

Und bald schon als Leihgabe in einer Vierzimmerwohnung im Gundeli oder in einer Arztpraxis in der Innenstadt? Vielleicht wächst die Leihgabe dem Mieter oder der Mieterin so sehr ans Herz, dass sie diese nicht mehr hergeben möchte. Auch für diesen Fall ist gesorgt: «Die Miete kann individuell verlängert werden oder zu einem Verkauf des Werks führen», sagt Ingvild Jervidalo. Es kann also durchaus mal Liebe auf den zweiten oder dritten Blick sein.

Jervidalo ist Szenografin, Künstlerin und Leiterin des Kunstraums DOCK in Basel, der hinter der Ausleihaktion steckt. Jang ist nur ein Name auf einer Liste von über 60 Künstlerinnen und Künstlern der Region, die ihre Werke zur Miete anbieten. Es sind höchst unterschiedliche Werke aus allen Sparten, von der Malerei über Fotografie, Plastik und Neue Medien bis zur Installation. Und diese Liste ist nicht abschliessend. «Die DOCK-Ausleihe will sich experimentell weiterentwickeln», sagt Jervidalo. Geplant sei, bald auch Performances anzubieten.

Zu den Kunstschaffenden ins Atelier

Im ersten Moment wirkt das Ausleihprogramm wie eine Kunstvermittlungsaktion, die speziell auf die Coronakrise abgestimmt ist. Dem ist nicht so. «Es handelt sich um ein Projekt, das wir im Laufe des letzten Jahrs aufgebaut haben», sagt Jervidalo, «also nicht eigentlich um ein Projekt, das auf den Lockdown reagiert.» Welches nun aber in einem anderen Licht stehe, da alle Menschen mehr Zeit im Homeoffice und entsprechend auch in den eigenen vier Wänden verbrächten.

Die Idee der Kunstausleihe ist auch keine Basler Erfindung, in Solothurn oder St. Gallen existieren bereits ähnlich gelagerte Aktionen. Sie passe aber gut in den Aufgabenbereich von DOCK, dem professionellen regionalen Kunstschaffen zu mehr Raum, Wertschätzung und Sichtbarkeit zu verhelfen, sagt Jervidalo. Sie fusse auf dem ­bereits bestehenden Archiv von DOCK, das aktuell rund 290 ­regionale Künstlerpositionen umfasse – als Infostelle zum zeitgenössischen Kunstschaffen in Basel und der Region.

Dabei soll der vermittlerische Ansatz auch ganz direkt eine wichtige Rolle spielen. «Die Mieterinnen und Mieter sollen nicht einfach online den Warenkorb mit Kunst füllen, sondern sich auf den Weg ins Atelier der Künstlerinnen und Künstler machen und das Werk persönlich abholen», sagt Jervidalo. Mit Atelierrundgängen wolle DOCK diese Begegnungen in Zukunft noch stärker fördern und das Vermittlungsprogramm rund um die Ausleihe solle sich im Laufe der Zeit zusammen mit den Kunstschaffenden weiterentwickeln.

Passend für Büro und Wohnzimmer

Viele Künstlerinnen und Künstler scheinen für die Ausleihaktion Werke ausgewählt zu haben, die gut in den Kontext eines Büros oder eine Wohnung passen. Viele figurative Motive sind dabei, wie zum Beispiel eine gemalte Waldszene von Geneviève Morin oder fotografische Blumenstillleben von Sonja Maria Schobinger. Aber auch abstrakte Werke, denen man das Attribut «dekorativ» zuschreiben kann – ohne diesen Begriff wertend verstehen zu wollen. In der Auswahl finden sich aber auch sperrigere Werke wie etwa eine grosse Bodeninstallation aus Aluminium von Christian Schoch.

Die Aktion steht erst am ­Anfang, entsprechend kann Jervidalo noch keine Angaben über bereits abgeschlossene Mietverträge machen. «Bereits in den ersten Wochen konnten wir aber unter anderem bei Arztpraxen das Interesse wecken», sagt sie. «Wir bauen nun eine Mietvariante für grössere Aufträge und Firmen auf.»

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