Baloise Session

Eine Jahrhundertstimme mit Song-Mangel

Rag’n’Bone Man trat an der Baloise Session auf. (zvg)

Rag’n’Bone Man trat an der Baloise Session auf. (zvg)

Shooting-Star Rag’n’Bone Man hat die Baloise Session besucht. Dabei zeigte er Stärken und Schwächen.

«Hell Yeah» sagt der Englischsprachige, wenn er etwas wirklich toll findet. Am Donnerstagabend passt der Ausruf zum ebenso betitelten Song von Rag’n’Bone Man: Die Hammondorgel schmatzt, die Bläser (eine einzelne, mittels Technik vervielfachte Trompete) fräsen und die Rhythmsection reisst Schwarze Löcher in den schweren Funkgroove.
Und über allem thronen diese drei Stimmen: Viele Künstler hätten Mühe, gegen zwei Backing-Sängerinnen wie Desrine Ramus und Sylvia Mwenze anzukommen, doch Rory Graham alias Rag’n’Bone Man hat schlicht ein Jahrhundertorgan, wie er im Rahmen der Baloise Session eindrücklich beweist.

Wenn der 34-jährige Brite Gas gibt, dann denkt man unweigerlich an Joe Cocker, der vor zwölf Jahren ebenfalls in dieser Konzertreihe aufgetreten ist. Dass er aber auch ganz anders kann, zeigt Rag’n’Bone Man im nahtlos angehängten «Human»: Hier, in seinem bis dato grössten Hit, singt er auch einfühlsam soulig oder setzt zum virtuosen Rap-Schwall an. Danach ist alles gesagt, der Sänger wirft seine Jacke ins Publikum und die Band tritt ab.

Dass der Auftritt von Rag’n’Bone Man in der Stunde davor jedoch längst nicht so packend gerät wie in den Zugaben, hat einen einfachen Grund: Der Shootingstar hat erst ein Album veröffentlicht, entsprechend kommen auch schwächere Songs wie «Be the Man» oder «Believe» zur Aufführung.

Das Nachfolgewerk sei «zu 80 Prozent fertig», verspricht der 1,95 Meter grosse und von Tattoos übersäte Mann. Doch lässt sich anhand der in Basel gespielten Kostproben nicht abschätzen, welche Richtung Rag’n’Bone Man darauf einschlagen wird: Während «The Right Way» mit verspielten Samples und Retro-Soul-Färbung gefällt, ist «Crossfire» ein farbloses Stück Pop.

Raphael Saadiq fehlt der Spannungsbogen

Schwer festzumachen war zuvor auch das erste Konzert des Abends, wobei Raphael Saadiq im Gegensatz zu Rag’n’Bone Man mit einem zu grossen Repertoire zu kämpfen hat: Aus fünf Soloalben und unzähligen Kollaborationen hat er für seinen Baloise-Auftritt ein Flickwerk aus Genres und Referenzen zusammengeschustert: «This World is Drunk» erinnert an den unterkühlten Funk von Prince, «So Ready» an den sonnigen Pop von Lionel Richie und «Let’s Get Down» schliesslich an den psychedelischen Rock von Jimi Hendrix.

In den meisten Stücken blitzt das Talent des 53-jährigen (aber um Jahrzehnte jünger wirkenden) US-Amerikaners auf, doch mit seiner Sprunghaftigkeit und zahlreichen unmotivierten Kurz-Jams vermag der Auftritt keinen Spannungsbogen aufzubauen. Zudem kranken sämtliche Songs des aktuellen Albums «Jimmy Lee» daran, dass die ab Computer eingespielten Synthesizer und Frauenstimmen viel zu prominent sind. So entsteht zeitweise der Eindruck, die Band sei bloss Staffage für einen Playback-Gig. «Hell no!»

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