Ehre

Eine Laudatio auf die Basler Kulturpreisträgerin Carena Schlewitt

Grosser Empfang: Carena Schlewitt erhielt am Montag Abend im Rathaus den Basler Kulturpreis, Roland Wetzel hielt die Laudatio.

Roland Wetzel, Direktor des Museum Tinguely, würdigt Carena Schlewitt, die am Montag mit dem Kulturpreis der Stadt Basel ausgezeichnet wurde.

Liebe Carena,

Herzliche Gratulation zum Kulturpreis der Stadt Basel. Es ist für mich eine unerwartete Ehre und grosse Freude, dazu einige Worte an Dich und das Publikum richten zu dürfen.
Zehn Jahre als künstlerische Leiterin der Kaserne Basel sind eine beträchtliche Zeit, und doch sind sie im Rückblick sehr schnell vorübergegangen – ja für viele, die Deine Arbeit mitgetragen und mitverfolgt haben und nun etwas wehmütig Rückblick halten, zu schnell.

Begonnen hast Du in Basel im Februar 2008 unter denkbar ungünstigen Vorzeichen: Ein Loch in der Kasse, kein Betriebskonzept, eine inhaltliche Neuausrichtung, Entlassungen in der Musiksparte. Die Kaserne war ein unterfinanziertes und ungeliebtes Problemkind mit Allüren. Ja, wenn das Kasernen-Kind nicht mitten im Wohnzimmer der Stadt gedümpelt hätte, man hätte sich überlegt, es zum Kuraufenthalt auszusiedeln.

Dass daraus eine «Perle der Performancekunst» entstehen konnte, wie die «NZZ» sechs Jahre später titelte, ist der Unterstützung, dem Engagement und der konstruktiven Zusammenarbeit vieler zu verdanken. Mit Deiner Kompetenz, Deiner Arbeit und Haltung stehst Du im Zentrum dieser Erfolgsgeschichte.

An einem zentralen Ort der Stadt, einem Ort des Austauschs und des Dialogs konnte so ein Zentrum der freien Szene für Performing Arts entstehen, das mittlerweile weit über Basel hinausstrahlt. Diese Vision hattest Du von Beginn an in Deinem Handgepäck.

Meine erste Begegnung mit Deiner Arbeit in Basel, noch bevor ich Dich auch persönlich kennenlernen durfte, war vielleicht beispielhaft dafür, wie sie sich bis heute fortsetzt. Das vielfältige, wild-punkige Programm «Mit Nachbarn» war zugleich Sinnbild für Aufbruch wie für die verfahrene Situation der Kaserne im Herbst 2008: 13 Autos von 13 unterschiedlichen Gruppen formierten sich zum Stau auf dem Kasernenplatz. Das Projekt setzte auf die Kommunikation und Beteiligung der unmittelbaren Nachbarschaft und auf die Anbindung von Leuten, die Du von Deinem Konzept überzeugen konntest. Das Team von Capri Connection sowie der Regisseur Boris Nikitin sind seither regelmässig mit Produktionen zu Gast in der Kaserne.

Mein Eindruck war damals und ist heute noch genauso, dass Offenheit, Dialog, Neugierde und ein kritisches politisches Bewusstsein für Dich und Deine Programmierung von entscheidender Wichtigkeit waren: Mehr Anstiftung zum Nachdenken, mehr Experiment, das durchaus auch mal scheitern darf.

Kooperationen und Netzwerke

Mit der Subventionserhöhung von 2010 konnte dann die Basis gelegt werden, um Kooperationen und Netzwerke aufzubauen, und den Anspruch einer internationalen Plattform für freies Theaterschaffen, Tanz, Performance und Musik anzustreben, ohne das Lokale zu vernachlässigen.

Die Nutzung des öffentlichen Raumes blieb auch in den folgenden Jahren eine Konstante, so mit «Basel: Stadt.Plan. 2020». Eine Kooperation von Kaserne, 12 Architekturbüros und 12 Schulklassen zum Thema, wie man sich den Lebensraum in zehn Jahren vorstellen kann. Ideen wie ‹Rhein-Hattan›, der Bau eines orientalischen Quartiers auf dem Bruderholz oder eines Rheinschwimmbads zeigen, dass die Möglichkeitsform etwas Befruchtendes haben kann. Theaterraum ist auch Lebensraum und umgekehrt.

Noch weiter gefasst waren 2013 die unter dem Leitspruch «The city is a state of mind» (Robert Parks) von sieben Theatern und Festivals (Mühlheim an der Ruhr, Dresden, Basel, Krakau, Poitiers, Strasbourg, Utrecht) ko-produzierten ortsspezifischen Theaterprojekte im öffentlichen Raum.

Hier auch nur halbwegs einen Überblick über Deine vielfältigen Aktivitäten an der Kaserne in den letzten Jahren zu geben, würde den Rahmen sprengen.

Und doch finde ich in der Beantwortung der Frage «Wie wollen und können wir zusammenleben?» einen Resonanzboden für viele Produktionen, die zu sehen waren zu Themen wie: Islam und Islamismus, Hilfsindustrie, die mediale Bearbeitung von Katastrophen und Krisen, Flüchtlinge, das Altwerden am Rande der Gesellschaft, der Genozid in Ruanda («Hate Radio», eines der eindrücklichsten Theaterstücke, das ich überhaupt je gesehen habe), Identität zwischen Heimat und Fremdheit, Utopie, Stadt-Land und Kultur-Natur-Gegensätze, West-Ost-Gegensätze, Digitalisierung unserer Lebenswelt und viele mehr.

Wärme im persönlichen Umgang

Getragen wurden all diese Projekte von einer persönlichen Haltung, die Du vorgelebt hast: Präsenz, Wärme im persönlichen Umgang, Verbindlichkeit, offene Diskussionen und Vermittlung, die Lust am Experiment, aber auch Bescheidenheit, gepaart mit einer dezidierten, politischen Haltung.

Seit 2011 durfte ich die Arbeit von Dir und Deinem Team als Vorstandsmitglied des Theaterfestivals auch aus der Nähe begleiten und die Festivalausgaben 2012, 2014 und 2016 unterstützen. Ich erinnere mich gerne an die ersten Vorstandssitzungen am langen Tisch des Produktionsbüros unter dem von der Sonne gut beheizten Dachstuhl, in einer positiven, konspirativen und produktiven Arbeitsatmosphäre. Dass sich das Festival nach drei Ausgaben als eines der drei grossen Theaterfestivals in der Schweiz etablieren konnte, ist ebenso der vielfältigen Programmierung hochstehender internationaler Produktionen wie dem gemeinsamen Willen von Baselland und Basel-Stadt zu verdanken, das Festival nachhaltig und substantiell zu unterstützen und gemeinsam mit Sponsoren und Stiftungen als offenes Netzwerk vieler Institutionen in und um Basel zu pflegen. Ich freue mich schon heute auf die Ausgabe 2018, die von Tobias Brenk, Carenas langjährigem Dramaturgen und rechter Hand konzipiert wird.

Vielfältig sind auch die Kooperationen, die Kaserne Basel und Museum Tinguely in den letzten Jahren pflegen konnten, stets getragen von unbürokratischem gegenseitigem Wohlwollen. Darunter Projekte wie Portable Reality, Sebastian Matthias, Dimitri de Perrot und nun zuletzt die grossangelegte Kooperation «Performance Process», die auch Partnerschaften mit der Kunsthalle Basel und dem Centre Culturel Suisse Paris umfasst. Sie stehen für die Offenheit und das besondere Interesse, das wir mit der Kaserne in Bezug auf «Performing Arts» jenseits einer institutionengebundenen Verortung teilen.

Wichtige Anerkennung

Räume und Routinen zu verändern, disziplinenübergreifend zu arbeiten, sowie Kontexte zu verändern, ist stets eine spannende, inspirierende und bereichernde Herausforderung.
Heute, 2017, ist die Kaserne zu einem wichtigen Zentrum für Performing Arts geworden, das international Akzente setzt. Dank der Subventionserhöhung, die 2018 wirksam wird, verbessert sich auch ihre Position für Koproduktionen und Gastspiele. Und so ist es wunderbar, dass Dir der Kanton Basel-Stadt diese wichtige Anerkennung noch während Deiner Amtszeit überreicht: «Carena Schlewitt hat als Persönlichkeit verbindend und integrativ mit der Kaserne Basel auf dem Kasernenareal und in die Stadt hinein gewirkt», lautet die Begründung in der regierungsrätlichen Medienmitteilung.

Für Deine neue Herausforderung als Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste in Dresden-Hellerau wünsche ich Dir, liebe Carena, alles erdenklich Gute.

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