Stadtkino Basel

Cinephiler Adelsschlag: «Eine grosse Freude»

«Nach mehr als 80 Jahren ist die FIAF-Mitgliedschaft doch noch Realität geworden», freut sich Stadtkino-Direktorin Nicole Reinhard.

«Nach mehr als 80 Jahren ist die FIAF-Mitgliedschaft doch noch Realität geworden», freut sich Stadtkino-Direktorin Nicole Reinhard.

Stadtkino und Kinemathek Le Bon Film gehören jetzt zur exklusiven Internationalen Vereinigung der Filmarchive.

Seit Ende August ist Basel wieder ein gutes Stück mehr Kulturstadt: Das Stadtkino und die Kinemathek Le Bon Film gehören neu zur renommierten Internationalen Vereinigung der Filmarchive (FIAF), die sich weltweit für die Sammlung, Restaurierung, Erschliessung und wissenschaftliche Erforschung von Film einsetzt. Die Genugtuung ist gross: «Nach mehr als 80 Jahren ist die FIAF-Mitgliedschaft doch noch Realität geworden», freut sich Stadtkino-Direktorin Nicole Reinhard. Im Laufe des Aufnahmeverfahrens wurde in den Archiven der FIAF ein Brief aus dem Jahr 1939 gefunden, der eine mögliche Basler Mitgliedschaft erwähnt.

Der cinephile Adelsschlag kommt nicht von ungefähr, wurde der Stadtkino-Trägerverein Le Bon Film doch bereits 1931 als heute ältester Schweizer Film-Club in Basel gegründet. «Wie der Name besagt, standen ‹gute Filme› und deren Vermittlung im Vordergrund», erklärt Nicole Reinhard. In der Ära des Stummfilms erlebte das Medium eine erste grosse Blütezeit, sein kultureller Wert wurde allerdings erst später erkannt.

Eine verpasste Chance

Mit den damaligen Filmwerken wurde wenig zimperlich umgegangen. Da es noch keine Weltstarts mit zigtausend Kopien gab, wurden die Filme zuerst in den wichtigsten Städten gezeigt und dann weitergereicht. «Oft kehrten diese Kopien nicht zu den Verleihern zurück, sondern landeten irgendwo», so Reinhard. Zum Beispiel in der kanadischen Goldgräberstadt Dawson City, letztes Glied in der Auswertungskette für US-amerikanische Filme. Dort wurde 1978 unter einem wegschmelzenden Eisfeld ein Schatz von 530 Filmrollen gehoben. «Sie waren entsorgt worden, niemand hatte sich um sie gekümmert.»

Anders in Basel, wo der Stummfilm schon früh grosse Wertschätzung erfuhr. «Basler Cinephile machten sich für den Film stark und luden beispielsweise auch bedeutende Regisseure an den Rhein ein», erzählt Reinhard. Dank exzellenter Beziehungen ins Ausland veranstaltete Le Bon Film in den 1940er-Jahren auch eines der ersten Filmfestivals weltweit, zu dem sich das Who Is Who der Branche in Basel versammelte. «Der Verein setzte sich dafür ein, dass Film als Kunstform wahrgenommen wurde und nicht als billige Unterhaltung.»

Auch die wissenschaftliche Erforschung von Film wurde wichtig, was 1943 zur Gründung der Schweizer Filmarchive in Basel führte. «Mit viel Elan wurden zahlreiche wertvolle Filmkopien zusammengetragen», sagt Reinhard. «Sieben Jahre später wurden sie nach Lausanne gebracht und bildeten dort den Grundstock für die heutige Cinémathèque Suisse.» Grund dafür waren politische Sparmassnahmen der Stadt Basel, die dem Film wenig Beachtung schenkte. So verlor die Stadt nicht nur ihren Standortvorteil im Wettbewerb um ein Filmfestival von nationaler Ausstrahlung, sondern auch ihr Gedächtnis für das filmkulturelle Erbe. Die FIAF-Mitgliedschaft von Le Bon Film war darauf kein Thema mehr.

Das änderte sich 2008, als das Stadtkino eine Sammlung von rund 500 Filmkopien übernahm und so die Kinemathek Le Bon Film gründete. «Unsere Arbeit hat sich dadurch wesentlich erleichtert», stellt Reinhard fest. «Einerseits können wir unsere eigenen Kopien immer wieder im Kino einsetzen.» Andererseits habe man dank der eigenen Sammlung nun auch Zugang zu anderen Archiven, die teils nur widerwillig Kopien verleihen. «Zuvor hatten wir immer wieder ganze Retrospektiven streichen müssen, weil zentrale Werke nicht erhältlich waren.»

Jüngster Film aus dem Jahr 2012

Und plötzlich wurde auch die FIAF-Mitgliedschaft wieder aktuell. Auf Anregung des Filmmuseums Österreich startete im Herbst 2018 das Aufnahmeverfahren, das jetzt zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen ist. «Wir sind stolz auf diese Mitgliedschaft», erklärt Reinhard. «Sie ist mit Renommee verbunden und bedeutet vor allem auch Zugang zu Wissen, zu Ressourcen wie internationalen Untertitel-Datenbanken und natürlich zu Filmkopien.» Dass die Kinemathek Le Bon Film explizit zusammen mit dem Stadtkino Basel als Kompetenzzentrum aufgenommen wurde, ist für die Leiterin «eine grosse Freude».

Heute zählen 171 Institutionen in 75 Ländern zur FIAF. Es gibt einen strengen Code of Ethics, der die Verhaltensregeln definiert. So müssen Filme beispielsweise unter den bestmöglichen Bedingungen gelagert werden: eine Verantwortung, die Reinhard nicht ausreizen will. «Unsere Räumlichkeiten bieten beschränkt Platz, wir verfügen nicht über die Möglichkeit, unser Archiv um Hunderte von Filmen zu erweitern.» Nur im Bereich des Schweizer Filmschaffens wolle man das Profil gezielt weiter schärfen. Dabei geht es immer um physische Filmkopien, die auf originalen Projektoren gezeigt werden; das aufwendige Bewahren digitaler Formate sprengt die Möglichkeiten der Kinemathek.

Der jüngste Film der Sammlung stammt aus dem Jahr 2012, bevor die Schweizer Kinos digital umgerüstet wurden. «Seither gibt es nur noch sehr vereinzelt Filme, die auf 35 oder 70 Millimeter herausgebracht werden» – etwa diejenigen von Quentin Tarantino.

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