Gässli Film Festival

Filmemacher Rolf Lyssy: «Das Gute ist der Feind des Besseren»

Rolf Lyssy blickt auf ein Leben als Marathonläufer in Sachen Film zurück.

Rolf Lyssy blickt auf ein Leben als Marathonläufer in Sachen Film zurück.

Rolf Lyssy, Ehrengast am Basler Gässli Festival, empfiehlt Jungen den Beruf des Filmemachers nicht. Es sei denn sie haben ein «starkes inneres Feuer».

Rolf Lyssy ist der Grand Seigneur des Schweizer Films. Mit Streifen wie die «Die Schweizermacher», «Leo Sunnyboy» oder «Teddybär» hat er unvergessliche Kassenschlager gedreht, und das in einem Genre, das fürwahr keine Schweizer Spezialität ist: der Komödie. Am 6. November bringt der 81-jährige Regisseur seinen neusten Spielfilm «Die letzte Pointe» in die Kinos. Zuvor ist er jedoch Ehrengast am Gässli Film Festival in Basel. Das Festival zeigt einen Ausschnitt aus seinem Schaffen. Wir haben Rolf Lyssy deshalb in seiner Wohnung in Zürich zum Gespräch getroffen.

Herr Lyssy, das Gässli Film Festival fördert junge Filmschaffende. Sie selbst sind dieses Jahr in der Jury für die Kurzfilme. Was empfehlen Sie Jugendlichen, die Filmregisseure werden wollen?

Rolf Lyssy: Ein junger Mensch, der Filmemacher werden will, soll sich das gut überlegen. Es gibt so viele andere schöne Berufe (lacht). Es ist ein harter, langer Weg. Wir Filmemacher sind keine Sprinter, wir sind Marathonläufer. Dazu braucht es ein starkes inneres Feuer. Ohne das sollte man besser gar nicht damit anfangen.

Sie selbst wussten als junger Mensch um dieses innere Feuer?

Ja. Ich wollte immer schon Filme machen, seit ich die Ersten gesehen habe. Aber damals war es technisch viel aufwendiger als heute, wo sie mit einem Handy einen Film drehen können. Ich habe Fotograf gelernt, weil ich etwas dem Film Verwandtes lernen wollte. Filmschulen gab es damals nur in London, Paris oder Rom. Es war gar nicht so einfach, in die damals sehr hermetische Schweizer Filmszene reinzukommen.

Gab es eine Lehrmeisterfigur?

Nein, das nicht. Ich hab einfach sehr viele Filme geschaut. Ich war infiziert vom Kino. Die bewegten Bilder haben mich bereits als Achtjähriger fasziniert. Ich wollte Geschichten erzählen, wie sie da erzählt werden. Eine Art Filmvater wurde Billy Wilder. Er hat denselben Jahrgang wie mein Vater.

Heute gibt es in der Schweiz Filmschulen, die jedes Jahr Absolventen hervorbringen.

Ja. Heute wird man in Zuchtbatterien zum Filmer herangezogen und dann steht man da, und weiss nicht, wo es lang gehen soll. Alle wollen natürlich Kinofilme machen. Aber die meisten kommen dann auf die Welt.

Sie sind skeptisch gegenüber diesem Ausbildungssystem?

Wir bilden vor allem zu viele Leute aus. An den staatlichen Filmschulen heisst es: je mehr Studenten, umso besser. In der Schweiz würde eine Filmschule reichen, die zweisprachig unterrichtet. Es braucht nicht jede zweite Stadt im Land eine solche. Der Schweizer Markt ist dafür schlicht zu klein. Wir sind ein viersprachiges, kleines Land. Unsere Filme können sich, unabhängig von ihrer Qualität, gar nie selbst amortisieren. «Schweizermacher» ist da nur die löbliche Ausnahme. Heute sind viele Filmer ja schon zufrieden, wenn Sie 20 000 Kinobesucher haben. Im Vergleich zu den Kosten sind das doch Peanuts!

Würden Sie denn den Jungen empfehlen, wegzugehen?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich hätte ja auch weggehen können. Ich war auch im Ausland und hab dort gesehen, dass auch da nur mit Wasser gekocht wird. Ich wollte jedoch in der Schweiz arbeiten, weil ich an dem Ort Geschichten erzählen wollte, wo ich mich auskenne. Das hat sich ja auch gelohnt. Ich durfte doch einige Erfolge Feiern – beim Publikum wohlgemerkt. Das interessiert mich mehr als die Einladung an Festivals. Ich möchte Leute im Kino haben. Mein Sohn andererseits ist weggezogen, hat in New York Film studiert und arbeitet als frei schaffender Kameramann.

Unter anderem auch für Sie.

Ja, wir haben bereits mehrere Male zusammen gearbeitet und haben nun den ersten gemeinsamen Spielfilm gedreht.

«Die letzte Pointe» feiert am 9. November Kinostart. Wovon handelt der Film?

Es ist eine Familiengeschichte. Die Hauptfigur heisst Gertrud Forster, gespielt von der wunderbaren Monica Gubser. Sie spielt eine 89-jährige Witwe eines erfolgreichen Schlagerkomponisten, die Angst davor hat, dement zu werden. Sie will dem vorbeugen und meldet sich bei einer Sterbehilfeorganisation an. Da geht die Geschichte los.

Ein ernstes Thema für eine Komödie.

Es sind zwei ernste, viel diskutierte Themen. Es geht um Demenz und um Sterbehilfe. Jeder, der heute über Fünfzig ist, beginnt, sich dazu Gedanken zu machen. Die Themen betreffen uns alle.

Sie sind letztes Jahr Achtzig geworden. Ist der Film Ihre Art, selbst mit diesen Themen klarzukommen?

Ja natürlich. Wenn man Achtzig geworden ist, weiss man, dass man nicht mehr so lange lebt, wie auch schon. Es wird langsam aber sicher endlich. Sich damit auseinanderzusetzen ist notwendig. Das heisst nicht, dass ich jeden Tag an den Tod denke. Aber ich stelle fest: Um mich herum sterben liebe Freundinnen und Freunde. Wir können uns nicht vor der Tatsache davonstehlen. Lieber gehe ich darauf zu. Deshalb bin ich auch schon seit 20 Jahren Mitglied von Exit und dort auch im Patronatskomitee.

Ist das Leben für Sie endlich oder gibt es ein danach?

Ich bin kein religiöser Mensch. Ich bin der Auffassung, wir kommen auf die Welt, leben und sterben. Danach existieren wir nur noch in der Erinnerung derjenigen, die uns gekannt haben. Ich erwarte kein jenseitiges Paradies. Das Paradies ist hier auf dieser Welt. Wir müssen es nur finden.

Ernste Themen im Gewand der Komödie. Ein schwieriges Metier. Es ist ja einfacher, tragisch als lustig zu sein.

Das ist richtig und wichtig: Nichts ist schwerer als die Komödie. Das erscheint paradox, ist aber so. Lachen ist ein spontaner Reflex, der schwer zu steuern ist.

Sie machen seit Jahrzehnten Komödien. Gibt es ein bestimmtes Training, ein Handwerk?

Vieles ist Intuition und man muss sich inspirieren lassen können. Ich war immer ein Fan von Komödien. Gerade vor ein paar Tagen ist eines meiner Idole, Jerry Lewis, gestorben. Ein grossartiger Komiker und Filmemacher. Ich hab mich in meiner Laufbahn immer an solchen Beispielen orientiert. Imitation ist ein gutes Mittel. Nicht im epigonalen Sinn. Man muss seinen Ton selbst finden.

Wie lange haben Sie an «Die letzte Pointe geschrieben»?

Wir waren beinah zehn Jahre dran, ich und mein Drehbuchautor Dominik Bernet. Ich verdanke ihm sehr viel. Ohne ihn hätte ich diese Strecke nicht geschafft. Wie gesagt: Wir sind Marathonläufer. Es braucht Ausdauer, Geduld, man muss die Energie bewahren können. Es gab X Fassungen, Ablehnungen. Wir haben das Buch verworfen, an einem anderen gearbeitet, und es dann doch wieder hervorgenommen. Der Weg ist gepflastert mit Enttäuschungen und Kränkungen. Aber wenn es dann gelingt, ist die Befriedigung umso grösser.

Wann wissen Sie, ob eine Szene gut ist?

Das Gute ist der Feind des Besseren. Sie können etwas gut machen, aber es könnte auch immer noch besser sein. In diesem Sinne hilft uns die Zeit. Die meisten Schweizer Filme kranken daran, dass zuwenig lange am Drehbuch gearbeitet worden ist. Wenn etwas nicht funktioniert, ist es meistens die Geschichte. Ein Drehbuch ist wie ein Sauerteig. Den können Sie nicht machen und sofort in den Ofen schieben. Der muss reifen, eine Weile herumliegen. Das Schwierige und Entscheidende ist: den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Den können Sie nicht errechnen. Darum gibt es kein Rezept für Drehbücher. Da ist viel Intuition dabei. Letztendlich muss der Zuschauer glauben, was er auf der Leinwand sieht.

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