Springturnier

Fit im Schritt? Vor dem CSI Basel gehts für die Pferde zum «Vet-Check»

Bevor ein Pferd beim CSI Basel starten darf, muss es bei Tierarzt Markus Müller antraben. Er achtet ganz genau darauf, wie die Tiere laufen – bereits ein Ohrenwackeln gibt ihm Auskunft über ihre Gesundheit.

Seit Mittwoch sind rund 280 Sportpferde in der Stadt, um am Weltklasse-Springturnier CSI Basel teilzunehmen. Ob ein Pferd starten darf oder nicht, hat am Mittwochnachmittag ein Team von Tierärzten entschieden. Bis in die Abendstunden mussten alle Pferde zum «Vet Check» antraben. Zuerst werden die Pferde identifiziert. Tierärzte prüfen, ob das Pferd vor ihnen dasselbe ist, wie im Pass steht, und ob alle Impfungen aktuell sind. Dann müssen sie beim Tierarzt Markus Müller antraben. Er ist seit über 30 Jahren an grossen Turnieren in der Schweiz und im Ausland dabei. Am CSI in Basel entscheidet er, ob ein Pferd fit genug ist, um zu starten. Damit er das beurteilen kann, müssen die Pferde vor ihm traben. Nicht geritten, sondern geführt: 20 Meter nach hinten, um den Busch im Topf, 20 Meter zurück.

Aus medizinischer Sicht zufrieden

Für Laien geht alles viel zu schnell. Aber Müllers Auge ist geschult. Beim Hochtraben schaut er auf die Hinterbeine, beim Zurücktraben auf die Vorderbeine und die Ohren. «An den Ohren sehe ich am besten, ob einer lahmt.» Die Pferde belasten das gesunde Bein stärker, das Ohr auf dieser Seite wackelt mehr. «Wenn mir das auffällt, weiss ich, dass mit dem anderen Bein etwas nicht stimmt.»

An diesem Nachmittag hat Markus Müller am Gesundheitszustand der Pferde nichts auszusetzen. «Gut, danke», seine knappe Standard-Antwort, während das nächste Pferd schon bereit steht.

An den Zweibeinern hingegen hat er deutlich mehr auszusetzen. Das klingt dann so: «Jetzt kommt wieder eine, die irgendetwas anderes macht. Spaziert. Hast du der gesagt, sie soll spazieren? Wir machen das jetzt richtig. Sie traben hoch. Gehen um den Baum und traben zurück.» Es klappt. Aber Müller bleibt skeptisch: «Ich habe immer das Gefühl, es nütze etwas, wenn ich das sage. Aber wahrscheinlich nützt es nicht.»

Tänzelnd statt trabend

Auch bei den Pferden tanzen, steigen oder galoppieren einige aus der Reihe. «Cool and Easy», der Apfelschimmel aus Deutschland zum Beispiel nimmt es an diesem Nachmittag weder «cool» noch «easy». Er testet seinen Zweibeiner, dreht sich im Kreis, tänzelt, galoppiert und wirft seinen Kopf nach oben. Erst nach der Drehung um den Baum im Topf klappts und er zeigt, dass auch er ganz brav traben kann. «Gut. Danke», findet der Tierarzt. Die Beine sind in Ordnung.

Wild, aber gesund: Wallach «Cool And Easy» machte seinem Namen beim medizinischen Check nicht so viel Ehre.

Wild, aber gesund: Wallach «Cool And Easy» machte seinem Namen beim medizinischen Check nicht so viel Ehre.

Wenn Markus Müller nicht sicher ist, ob wirklich alles gut ist, schickt er Pferd und Reiter nochmals nach hinten und fragt «die hohen Herren», die Jury hinter sich, nach ihrer Meinung. Denn das letzte Wort darüber, ob ein Pferd starten darf, hat der Jury-Präsident. Sind sie bei einem Pferd unsicher, können sie es am nächsten Tag nochmals antraben lassen. Auch während des Turniers ist das möglich: Denn alle Pferde starten mehrmals. «Wenn der Jury oder jemandem auf dem Abreitplatz auffällt, dass etwas nicht stimmt, informieren sie uns, wir bieten Pferd und Reiter auf, und beurteilen die Situation erneut.»

Strenge Doping-Regeln

Die Reiter wissen im Voraus, dass an grossen Turnieren wie dem CSI Basel ein «Vet Check» stattfindet. «Es kommt deshalb selten vor, dass ein Pferd lahmt», sagt der Tierarzt. Bei kleineren Turnieren sei das problematischer. Dort wird nicht kontrolliert und die Jury müsste aktiv werden. Theoretisch wäre es möglich, Lahmheit mit Medikamenten zu behandeln, sodass sie im «Vet Check» nicht mehr auffällt. Erlaubt ist es nicht. Die Doping-Regeln im Pferdesport sind streng: Ab Turnierbeginn sind nicht nur illegale Substanzen wie Hormone, sondern auch Medikamente verboten. Medikamente, die über längere Zeit im Blut nachweisbar sind, müssen rechtzeitig vor einem Turnierstart abgesetzt werden. Sonst riskieren die Reiter, in einer Dopingkontrolle aufzufliegen.

Um die Dopingkontrollen kümmert sich ein Tierarzt, der Blutproben für die «Fédération Equestre Internationale» (FEI), die internationale Dachorganisation des Pferdesports, nimmt. Sie muss etwa fünf Prozent der Pferde kontrollieren. Bei 280 Pferden sind das ungefähr 14 Kontrollen. «Wo es mehr Geld zu holen gibt, ist die Versuchung nachzuhelfen deutlich grösser», sagt Müller. Der CSI Basel gehört in diese Kategorie: Der Sieger des Grand Prix vom Sonntag erhält 100 000 Franken.

Scherben unter den Bandagen

Doping im Pferdesport sei selten. Trotzdem machen immer wieder auch berühmte Reiter wegen positiver Dopingproben Schlagzeilen. Vergangenes Jahr wurden zwei Pferde des Schweizer Olympia-Siegers Steve Guerdat positiv getestet. In ihrem Blut konnte Schlafmohn nachgewiesen werden. Inzwischen konnte Guerdat beweisen, dass er nicht vorsätzlich gedopt hatte. Grund war verunreinigtes Futter. Im Pferdesport gibt es neben Medikamenten noch andere unerlaubte Hilfsmittel.

So muss zum Beispiel die Trense, das metallene Mundstück, den FEI-Richtlinien entsprechen. Die Trensen werden auf dem Abreitplatz oder nach einem Turnierritt ab und zu kontrolliert. Auch Bandagen an den Beinen der Pferde werden dann kontrolliert.

Markus Müller hat an einem Turnier in Deutschland schon Plexiglas-Scherben gefunden oder Spuren von Salben, welche die Pferdebeine schmerzempfindlich machen. Eine Berührung mit der Hindernissstange wird so zur Qual. Der Reiter will das Pferd mit solchen Methoden dazu bringen, höher zu springen. «Seit wir regelmässig kontrollieren, ist das aber viel seltener geworden», sagt Markus Müller.

In der Halle trabt gerade ein Schimmel mit einer roten Schleife im Schweif seine Runde. «Das ist keine Dekoration, sondern eine Warnung. Sie bedeutet: Abstand halten, dieses Pferd schlägt aus.»

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