Friedhof Sissach
Radikaler Wandel im Bestattungswesen innert drei Jahrzehnten: Ein Friedhofswärter blickt zurück

Der Sissacher Friedhof geht mit der Zeit – seit 30 Jahren ist Friedhofswärter Martin Schmid daran beteiligt. Er hat einige Wechsel miterlebt.

Boris Burkhardt
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Martin Schmid (64) begleitet heute nur noch zwei bis drei Erdbestattungen pro Jahr.

Martin Schmid (64) begleitet heute nur noch zwei bis drei Erdbestattungen pro Jahr.

Boris Burkhardt

Seit 32 Jahren kümmert sich Gärtner Martin Schmid (64) um den Sissacher Friedhof; kommendes Jahr wird er pensioniert. Von dem Zustand, in dem er den Friedhof damals angetroffen hatte, sei heute nichts mehr da, sagt er: «Damals war alles voller Thujahecken, ziemlich verwildert.» Selbst die heutigen Wege sind nicht mehr von damals.

60 bis 70 Erdbestattungen begleitete Schmid 1989; heute sind es noch deren zwei bis drei im Jahr. In diesen gut drei Jahrzehnten hat wohl kaum eine gesellschaftliche Institution einen solch radikalen Wandel durchgemacht wie das Bestattungs­wesen und mit ihm die Fried­höfe: ein Spiegel der zunehmenden Individualisierung in der Gesellschaft.

Der Friedhof Sissach ist in dieser Zeit nie stehengeblieben, sondern hat durch ­innovative Ideen, an denen Schmid immer beteiligt war, nicht nur auf den Wandel reagiert, sondern ist ihm oft vorangegangen.

Eine Wiese mit Lebensbaum für anonyme Bestattungen

Seit zwei Jahren gibt es einen «Friedwald» mitten im Friedhof. Rund 40 Quadratmeter ­Rasen unter einem grossen ­Lebensbaum sind für jene reserviert, die ihre Angehörigen anonym beerdigen wollen. Bisher waren es erst drei Bestattungen. «Wir gehen von vier bis fünf Jahren aus, bis das Angebot angenommen wird», erklärt Schmid. Anmeldungen noch lebender Personen gibt es bereits.

Der Friedwald auf dem Friedhof soll zudem einen barrierefreien Zugang für die Angehörigen ermöglichen: «Ich kenne eine Frau, die es sehr mitnimmt, dass sie mit dem Rollator nicht mehr den Ort im Wald besuchen kann, wo die Asche ihres Mannes verstreut wurde.»

Ein Platz für muslimische Gräber

Der Friedhof Sissach wurde 1852 von der Kirche an seinen heutigen Ort verlegt. Von Anfang an nutzen ihn auch die Nachbargemeinden Thürnen, Diepflingen, Böckten und Itingen. Dreimal wurde die Anlage erweitert, zuletzt 1994. «Damals gab es keine Grün­fläche mehr auf dem Friedhof», erzählt Schmid.

Ab 2010 hätten dann die Erdbestattungen extrem abgenommen. Inzwischen gibt es fast zu viel Platz auf dem Friedhof. Die Gräberreihen im Nordosten bleiben deshalb bis zur weiteren Verwendung stehen, obwohl die Pietätszeit von 25 Jahren abgelaufen ist – vor allem aus optischen Gründen, damit es nicht so leer aussehe, erklärt Schmid. Den Angehörigen ist es nun aber nicht mehr gestattet, dort Grabschmuck anzubringen.

Leer bleibt hingegen auf lange Sicht der nordwestliche Teil des Friedhofs: Dort sind seit 2006 erst zwei muslimische Gräber angelegt worden. Die Friedhofskommission habe das ohne grosses Aufheben entschieden. Schliesslich dürfen Muslime gemäss ihrem Glauben nicht im selben Boden wie Andersgläubige bestattet werden. In Sissach waren auf diesem Friedhofsteil zuvor nur Schreber­gärten. Weil sich die meisten Muslime noch immer in der Heimat beerdigen lassen, rechnet Schmid mit einem neuen Grab nur alle zehn Jahre.

Jährlicher Gedenkgottesdienst für Kinder

Im November 2015 wurde der Kinderfriedhof im Zentrum der Anlage neu gestaltet. Die Farben des Regen­bogens der Künstler Peter Thommen und Kitty Schaertlin bekamen damals viel Lob von Hinterbliebenen. Eine Routine hat sich bei der Pflege dieser Gräber für Schmid nie eingestellt: «Früher waren es die eigenen Kinder, an die man dabei dachte; heute sind es die Enkelkinder.» Sehr dankbar sind die Eltern laut Schmid auch für den Gedenkgottesdienst, der seit vier Jahren jeden letzten Freitag im Oktober stattfindet: «Dorthin kommen auch Eltern, die ihr Kind vor 40 oder 50 Jahren verloren haben.»

Für Schmid ist es wichtig, dass der Friedhof «ein Ort der Begegnung ist, nicht nur für die Toten». Sehr speziell ist deshalb die Feier am Heiligen Abend, bei der seit 20 Jahren die Heilsarmee Weihnachtslieder singt und der Friedhof von 1000 Kerzen erleuchtet ist. Bis zu 700 Menschen besuchen die Feier laut Schmid, der den Friedhof mit Tannenreisig weihnächtlich schmückt. Bei diesem Zuspruch muss er einiges richtig gemacht haben in den vergangenen 32 Jahren auf dem Sissacher Friedhof.

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