Theater Basel
Geht auch Erwachsene etwas an: Kinderoper auf hohem Niveau

Rabenschwarz, aber weicher als das Original: Die Kinderoper «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren» vermittelt eine Botschaft von der auch Erwachsene profitieren können.

Jenny Berg
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Das hätte den Brüdern Grimm bestimmt gefallen: José Coca Loza gibt eine herrlich-komische Grossmutter. Sandra Then

Das hätte den Brüdern Grimm bestimmt gefallen: José Coca Loza gibt eine herrlich-komische Grossmutter. Sandra Then

Ein zotteliger Bär mit dichtem Fell hüpft über die Bühne: «Ich rieche Menschenfleisch!», ruft er, immer wieder. Gierig durchsucht er den weiten Rock seiner Grossmutter, unter der sich das Glückskind versteckt hält. Versteckt hielt – denn jetzt ist es auf einmal nicht mehr da. Da hat es aber noch einmal Glück gehabt, das Glückskind! Hat sich wohl versteckt in irgendeinem Winkel der Hölle. Und die Kinderaugen im Publikum werden ganz gross vor Neugierde und Staunen.

Ja, es gibt selten so ein junges Publikum an einer Premiere des Theaters Basel. Doch die Oper «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren» ist für Kinder ab sieben Jahren konzipiert – und diese Zielgruppe ist bereits bei der Premiere gut vertreten. Die Kinder kichern, als sie die Zuschauerreihen der Kleinen Bühne füllen. Denn noch bevor die Oper beginnt, gibt es schon etwas zu sehen: Sechs junge Menschen versuchen, einen Fisch zu angeln. Jeder hält seine selbst gebastelte Angelrute in den Bach. Doch die Fische schwimmen nur zu einem Köder: Das Glückskind zieht einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser.

Glückskind wird ausgeschlossen

Das Publikum lacht; die jungen Menschen auf der Bühne tun, was derzeit die Erwachsenen auf allen politischen Ebenen tun: sie schliessen die Reihen, schirmen sich ab. Sie lassen das Glückskind nicht mehr an den Bach. Einen Fisch fangen sie trotzdem nicht.

Es ist eine Oper für Kinder und für Erwachsene, die der damals 27-jährige Stefan Johannes Hanke 2012 komponierte. Seine Musik ist anspruchsvoll, modern, zuweilen atonal – und an diesem Abend sehr temporeich vom Instrumentalensemble der Hochschule für Musik unter
Stephen Delaney gespielt. Auch die Bühne (Valentin Köhler) ist abstrakt: nämlich rabenschwarz. Die sechs Darsteller sind ebenfalls komplett schwarz gekleidet. Bis auf einen: das Glückskind. Sein Oberhemd ist schwarz-weiss-kariert. Ein kleiner Lichtschein in all dem Dunkel. Immerhin.

Die Kinder im Publikum verstehen gut, was gemeint ist: Es ist gefährlich hier, und traurig. Als der König auftritt, begleiten ihn die Worte des imaginären Erzählers: «Der König war Herrscher über ein krankes Land. Doch das Glück ... vor dem Glück fürchtete sich der König.» Eine ungute Ausgangslage für ein Kind, das mit intakter Fruchtblase geboren wurde und seither nur noch «Glückskind» genannt wird. Ihm wird vorhergesagt, dass es im 14. Lebensjahr die Tochter des Königs heiraten werde.

Doch bis es soweit ist, muss es noch allerhand Abenteuer bestehen. So steht es im Märchen der Brüder Grimm, und so steht es auch im Libretto von Dorothea Hartmann. Sie hat die Geschichte weicher, menschlicher gezeichnet; hat positive wie negative Emotionen auch in einer Person vereint, statt sie scherenschnittartig auf die einzelnen Protagonisten zu verteilen. Die Inszenierung von Matthias Schönfeldt nimmt das auf: Auf offener Bühne verkleidet sich einer der Schwarzmenschen zum König (kontinuierlich schimpfend: die Schauspielerin Inga Eickemeier), das Spiel im Spiel ist eröffnet. Auch die Prinzessin (mit lieblich strahlendem Sopran: Bryony Dwyer) wechselt das Kostüm mehrfach, wie auch der Teufel (ein singendes Schauspieltalent: Edward Yehenara) und seine Grossmutter (herrlich komisch: José Coca Loza).

Auf höchstem Niveau

Musikalisch singen diese jungen Nachwuchs-Sänger von Oper Avenir auf höchstem Niveau; die Textaussprache beim Singen ist aber noch nicht auf das Verständnisniveau von Siebenjährigen angepasst. Doch das ist nicht weiter tragisch, denn es gibt genügend gesprochene Passagen in dieser Kinderoper.

Zum Beispiel die Schlüsselszene: Als das Glückskind (Sofia Pavone, die ihre Stimme herrlich jung klingen lassen kann) aus der Unterwelt zurückkehrt, erzählt es den Menschen die Lösungen zu den Rätseln vom vertrockneten Baum und dem moderigen Brunnen. Doch die Menschen jammern einfach weiter über ihr schlechtes Leben. Und das Glückskind sagt, wofür manche Erwachsene viel Geld für Motivations-Coaches ausgeben: «Ihr müsst was tun für euer Glück! Glaubt an euch!»

Es gibt wohl kaum eine wichtigere Botschaft, die man Kindern heute auf ihren Weg mitgeben kann.

Weitere Daten «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren»: www.theater-basel.ch

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