Kunsthalle Basel

Handgemacht und zum Heulen schön

Der Franzose Camille Blatrix stellt in der Kunsthalle aus und bastelt um das Kinderspielzeug seiner Tochter einen Beitrag zur Klimadebatte.

Sommer 2019. Der Pariser Künstler Camille Blatrix sitzt mit seiner jungen Tochter in der Wohnung und sperrt den Sommer aus. Vor den Jalousien klettern die Temperaturen in Rekordhöhe, dahinter herrscht Endzeitstimmung. Blatrix wird bewusst, dass sein Kind den Wechsel der Jahreszeiten als Erwachsene nicht mehr erleben wird. Sommer ist Herbst ist Frühling ist Winter. Alles viel zu warm und trocken.

Ein politisches Statement ist daraus schnell gebastelt, aber eine Ausstellung? Beim Betreten der Kunsthalle fällt als erstes die Leere zwischen den spartanisch platzierten Objekten auf. An den Wänden hängen vier Bilder, auf Kniehöhe installiert stehen Gebilde, die industriell gefertigt scheinen, deren Zweck sich aber auch auf den zweiten Blick nicht erschliesst.

Und in der Mitte des Raumes, unter dem dramatisch verdunkelten Oberlicht, steht das Lieblingsspielzeug von Blatrix’ Tochter: ein massenproduziertes Tischchen mit Tierfiguren und beweglichen Elementen, wie es in jedem Laden gekauft werden kann. Nur wurde dieses eben geliebt, wie Kunsthalle-Direktorin Elena Filipovic betont: «Das war dem Künstler wichtig.»

Internet-Bilder und der Roche-Turm als Intarsien

Das Spielzeug ist das Herzstück der Ausstellung und dient als Batterie, an der sich die futuristisch anmutenden Werke mit Titeln wie «Standby Mice Station», «Winter Guard» oder «Weather Stork Point» aufladen – nicht im technischen Sinn, wie Filipovic die Erläuterungen des Künstlers im Vorfeld deutete, sondern emotional. «Es geht Blatrix um die Widersprüchlichkeit von Kunst, die wie ein Produkt aussehen kann, aber ganz anders funktioniert: nicht-selbsterklärend und mit Pathos.»

Denn so glatt und selbstverständlich das Design der einzelnen Stücke wirkt, so obskur ist ihre Funktion. «Weather Stork Point» zum Beispiel besteht aus einem runden Sockel mit Kugeln und blinkenden Sternen. Wie oder was diese Wetterstation misst, lässt sich nicht ergründen. Auch «Mouse» ähnelt mehr einem Haushaltsgerät als einem Tier, und doch pulsiert darin ein lebendiges Licht (auch diesen Effekte hat Blatrix dem Spielzeug seiner Tochter entlehnt).

Bei den Bildern zeigt sich, was man zuvor nur ahnen konnte: Die ganze Ausstellung ist von Hand gemacht. Für die Darstellung von Internet-Bildern und dem Roche-Turm hat sich Blatrix eine traditionelle Holzeinlegetechnik angeeignet, mittels Youtube-Tutorial. Die Motive repräsentieren die vier Jahreszeiten, doch bleibt ihr Symbolgehalt ambivalent. Steht der Roche-Turm nun für Heimat oder das Unbehagen an der Globalisierung?

«Stand by Me» läuft im letzten Raum in einer Endlosschlaufe. Blatrix hat einen Durchgang mit einer Wand versperrt, Tageslicht fällt durch einen dünnen Spalt. Dahinter wartet die Frage, wie es weitergeht – so einfach lässt sich kindliches Staunen erzeugen. In einer Ecke das zerknitterte Selbstbildnis des Künstlers mit Tennisball. Und so banal das klingt: Irgendwie geht einem das alles enorm zu Herzen.

 

Standby Mice Station
Kunsthalle, bis 15. März

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